Wo offenbart sich die Volksseele besser als im Fußballstadion? Dachte Heiko Schomberg und machte sich auf zu Dynamo Dresden um die Sachsen besser kennenzulernen - es wurde eine Expedition der Extreme.
Die Halbleiterei hatte mich 2004 ins Sachsenland verschlagen, als langjähriger Fußballfan wollte ich dort dann doch ein Dynamo-Dresden-Spiel im Stadion sehen. Außerdem galt es vor der Landtagswahl die Gemütslage der Sachsen zu ergründen und ich empfand mich als Feldforscher im Selbstversuch.
Erste Station des Freilandversuches ist am 18. September 2004 um 19.00 Uhr das Rudolf-Harbig-Stadion: Ich wähle mein erstes Dynamospiel. Eine Handlungsanleitung erhielt ich von einem - was Fußballsachthemen angeht betont zurückhaltenden - Stadionintellektuellen aus dem "Zentrum alternativer Geisteswelt", kurz ZAG:
"ich beneide dich!!! aber pass auf dich auf! ich kenne dein loses mundwerk, und du solltest nicht damit rechnen, dass dynamo-fans die subtilitäten der schombergschen ironie zu schätzen wissen... freue mich sehr auf den bericht!"
Mit Schal, Charme und Schlachtruf
Sicherheitsvorkehrungen für das Spiel am Freitag habe ich getroffen und mir von einer Kollegin aus Glashütte einen Dynamoschal geliehen. Obwohl ich natürlich im Spar-Markt um die Ecke einen Dynamoschal für 13 Euro bekommen hätte, sogar einen "Dynamo-FC Liverpool-Schal" (Tradition verbindet!), den man so hätte binden können, dass man am Niederrhein den gelben Anhang nicht sieht. Aber ich wollte auf keinen Fall als Auswärtsfan in inkognito auffallen, gerade weil das unlängst stattgefundene DFB-Pokalspiel zwischen Dynamo und dem KSC (1:2) nicht gerade unproblematisch war. Ein Freund dazu:
"das beruhigt mich. jetzt musst dir besagte backofficekraft nur noch nen maulkorb leihen, und ich wäre wirklich beruhigt."
Tja, dann sind wohl diesmal keine semidadaistischen Sprechchöre à la "Wir sind Milzbrand - wir sind Milzbrand - niemand mag uns - Drissejal!", "Wir sind die kühlen Jungs aus der Rheinprovinz - zwanzig Halbe sind's, zwanzig Halbe sind's!" drin.
Also lange nachgedacht, wie sich das "Düüüühnamohj!" in Buchstaben gießen lässt, ich entschied mich für ein Dora-viermal-Übermut-Heinrich-Nordpol-Anton-Martha-Otto-Heinrich-Jerusalem. Düüüühnamohj! Aber mein rheinisch-hessischer Wessi-Dialekt, kerlekerlekerle - do! könnte mich durchaus in die Bredouille bringen.
Hier wir gehen, hier wir gehen, hier wir gehen...
Lange hatte ich mich auf diesen Tag der Exploration der letzten Grenzen gefreut: Um 17.30h das Büro verlassen, im SPAR auf der "Kö" (wie man hier sagt!) ein Radeberger aus dem Kühlschrank (0,5 Liter, 78 Cent ohne Pfand) mitgenommen, den Fernseher angemacht, in Ermangelung einer Musikanlage onyx.tv auf suuuuperlaut gestellt, mich fürs Spiel fertiggemacht: MG-Retro-Shirt zum schnüren (schwarz), Dynamoschal (ausgebleicht), Tolle (eher angedeutet), Maulkorb (gedacht). Das Bier noch in der Wohnung scoren, dann noch mal versucht wie ein einheimischer Fan zu klingen, das "Düüüüühnamohj!" vor dem Spiegel geübt und um 18.00 Uhr los mit der der StraBa zum Rudolf-Harbig-Stadion.
Dynamo Dresden gegen den Karlsruher SC. Die scharfen Einlasskontrollen sind beim "deutschen Millwall" durchaus gerechtfertigt. Grundaggressive Stimmung, auch bei den Dynamos untereinander. Ich rede nichts bis wenig, der erste mustert intensiv die Raute meines Retrotrikots, doch der Schaltarnhelm erfüllt seinen Dienst und bewahrt mich vor etwaigen "Sanktionen" und - Dr. Evil-Gänsefüßchen - "Diskussionen". Holla, die Waldfee: Solariumgänger Rocco rempelt einen Typen namens Mirko an, der wäre mit dem vielen Metall im Gesicht der Albtraum jeder Flughafen-Sicherheitsschleuse. Die beiden besorgen es sich innerhalb der schiebenden, wabernden Masse noch vor dem Drehkreuz mit zwei Kombinationen. Kurzzeitig bin ich von meinem Tun und Forschungsansatz nicht mehr so recht überzeugt.
"Dresden betankt sich!"
Dann, nach dem Passieren des Stadioneingangs, die abermalige Menschwerdung eines Klischees: Ich halte dem Ordner, der mich abtastet, erfahren wie ich bin, meine geöffnete Zigarettenpackung vor das metallverzierte Gesicht damit er sieht, dass ich keine Feuerwerkskörper mit mir führe. Dann sehe ich die "HASS"-Tätowierung auf seinen Fingerknöcheln. Dial-a-Cliché! Komme mir vor wie in einem Tatort aus den Frühneunzigern. Es passt einfach alles! Der KSC ist LR-Ahlen-esk zu Beginn mit cirka dreißig Awaysupportern vertreten. Es folgt eine schöne Choreographie der Dresdner. Und: Auch wenn es ans Kalauern geht, kann der Stadionsprecher was, es gibt eine Dynamotankstelle, an deren Umsatz der Verein beteiligt ist und diese wird mit dem Slogan "Dresden betankt sich!" beworben. Heißa - das kann ja ein wirklich lustiger Abend werden.
Überall in Dresden wird das hervorragende Radeberger ausgeschenkt, nur hier gibt es Warsteiner (sic!), den 0,3-Liter-Becher zu 2 Euro. Naja, die Verbindung Dresden-Warstein ist vermutlich genauso natürlich gewachsen wie die Städtefreundschaft "Jever-Mönchengladbach". Àpropos Radeberger: Es ist keine Urban Legend, ich habe es mit eigenen Ohren gehört, dass deutschsprachige Touristen (Würzburg oder Schweinfurt!), die durchaus die eine oder andere Fußballübertragung sahen, nach Dresden kamen und vor der Semper-Oper stehend sagten: "Och, das Radeberger Brauhaus ist aber ein richtiger Prachtbau, schön hier am Elbufer im Ortsteil Radeberg..."
Slightly unwohl in Block L
Zurück zum Spiel, das mir völlig schnuppe war. Ein Allerweltsfoul der Karlsruher, der K-Block kommentiert es mit einem frenetischen "Ihr seid Wessis, asoziale Wessis, ihr schlaft unter Brücken - oder in der Bahnhofsmission!". Das kannte ich bisher so noch nicht! Da ich - nicht nur fußballerisch betrachtet - sehr behütet groß geworden bin, war es mir bekannt, obigen Sprechgesang zu nutzen, in dem man den Städtenamen des gegnerischen Teams einsetzt. Und auch wenn attraktive Traditionsvereine wie Cottbus, Chemnitz, Zwickau oder eben auch Dresden gegen einen spielten, kam zumindest in meinem Fußballnahumfeld niemand auf die Idee, den Teamstädtenamen durch ein "Ossis" zu ersetzen. Fühlte mich langsam slightly unwohl im Block "L". Ich kommentierte das Spiel - trotz meines Dialekts - dann doch. 15 Jahre nach der Wende muss doch jemand die Fahne des Fußballsachverstandes hochhalten!
Interessant auch: In den Reihen der Dynamospieler ein Schwarzafrikaner, bei jedem Ballkontakt rufen ein paar begeistert "Afrika!". Ab und zu werden Urwaldgeräusche imitiert. Mittlerweile bin ich nicht mehr bei einem Fußballspiel, sondern bei einem Studium unbekannter Völker.
Nach der ersten Halbzeit steht es 0:1 nach einem krassen Torwartfehler des "Ich-bleibe-bei-der-Flanke-minutenlang-auf-der-Linie-kleben"-Dynamisten (sagt man das so?). Und das, obwohl der KSC nach einer roten Karte nur noch zu zehnt spielt. Das Foul, das zur roten Karte führt wird völkerverbindend mit einem charmanten "Ihr dreckigen Wessischweine!" bedacht. Auch der sächsische Genitiv kommt breit zur Geltung: In der Pause streife ich interessiert im Dynamofanblock umher, entdecke ein Graffito auf einem Würstchenwagen: "Hool's". Hool's! Also Heinrich-Otto-Otto-Ludwig-Apostroph-Ess. Mein Gott, warum hast Du mich verlassen! Danke, Pisa, wir wissen wo Dein Auto steht! Pisa, wir wissen wo Dein Auto stand, hat gut gebrannt, hat gut gebrannt!
Nach dem 1:2-Anschlusstreffer kocht die Volxseele
Zweite Halbzeit. Karlsruhe macht das 0:2 während ich mir ein Bier hole so round about Minute 50, danach drückt Dynamo und hat 40.000 hochkarätige Chancen, macht aber nur eine Bude. Nach dem 1:2-Anschlusstreffer kocht die Volxseele.
Ich bin dann zehn Minuten vor Schluss gegangen, ich wollte natürlich nur den übervollen Trams entgehen. Ich hatte genug gesehen. Doch einer Innovation durfte ich dann doch noch beiwohnen. Ich durfte einen neuen Sprechgesang (im Stakkato von "Alles außer Fußball ist scheiße!") kennenlernen: "Warum seid Ihr Huren so ähnlich"! Wahre Bildungsbürger! Wahre Bildungsbürger!"
Ich jedoch, der Alexander von Humboldt des Fußballstadions, hatte genug gesehen und zog mich in meine Kemenate zurück, um meine Erlebnisse der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen.
Ich glaube, so schnell getraue ich mich nicht wieder, einen solch hochexzentrischen Ausflug zu machen.
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