Von der serbischen Provinz zum eigenständigen Staat: Vor einem Monat wurde Kosovo unabhängig. Sebastian Illing war dabei. Der deutsche Student erlebte den Freudentaumel eines neugeborenen Landes - und eine bedrückende Stille.
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In den Tagen vor dem 17. Februar 2008 schlafe ich nicht viel. Ich spreche mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen über das, was in der Luft liegt. Endlich! Die Unabhängigkeit des Kosovo ist in greifbare Nähe gerückt. Eigentlich kann ich am 17. Februar bis neun Uhr schlafen. Ich bin aber so aufgeregt, dass ich durch meine wirren Träume immer wieder aufgeregt aufwache. Schließlich habe ich nicht die leiseste Ahnung, was an diesem Tag passiert. Ich bin nicht gespannt oder sensationslustig, sondern eher besorgt. Nicht um meine Person, sondern um die Sicherheit der serbischen Bevölkerung.
Wenn ich mit den Menschen spreche, spüre ich immer wieder die Angst, die sie in diesen Tagen haben. Sie sprechen von "some incidents" - gewissen Vorfällen. Es ist wohl die Angst vor einem Tag wie dem 17. März 2004, als im Zuge eines Aufstandes der Albaner gegen die Serben insgesamt 19 Personen getötet und rund 900 verletzt wurden.
Um elf Uhr steckt die erste Kuh auf dem Spieß
Gegen elf Uhr mache ich mich auf den Weg zum Jugendzentrum der Stadt Orahovac, um dort im Internet meine Emails zu lesen. Mein Weg führt mich durch das Zentrum der Stadt. Dort herrscht schon reges Treiben. Autos mit albanischen Fahnen in den Fenstern fahren durch die Straßen, auf dem Hauptplatz brennt schon Feuer und die erste Kuh steckt auf dem Spieß. Eine kleine Bühne wird aufgestellt, Musikanlagen installiert. Und überall Menschen mit Fahnen. Um diese Uhrzeit sind es vor allem Männer und Jungen.
Ich laufe die Straße herunter. Beobachte, sitze, sehe der Autokolonne zu. Der "Kosovo Police Service" regelt den Verkehr. Ich höre meinen Namen. Einer meiner Gitarrenschüler kommt freudestrahlend auf mich zu, auf der Schulter eine Fahnenstange, die eine albanische Fahne trägt. An diesem großen Tag ist die Fahne größer als der Junge selbst.
Am Hotel Plaza, wo am Vortag bereits die Hauptbühne aufgebaut wurde, ist nun alles in rote Farben gekleidet, es wird geschmückt. Die lokalen Politiker sind da. Leute von der TMK, das ist so etwas wie das THW in Deutschland, stehen herum. Viele Kinder rennen durcheinander. Die Bühne ist komplett rot dekoriert. Auf dem rotem Hintergrund ein schwarzes "V" für Victory. Ich freue mich darüber. Und noch mehr freue ich mich, wenn ich links an der Bühne vorbei schaue, hinauf zu dem Berg über Orahovac zu einer alten grünen Militärtafel. Dort prangt seit der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 2007 ein riesiges weißes Peace-Zeichen. Ich wünsche mir, dass dieses Zeichen, welches im Sonnenschein immer über den Dächern der Stadt strahlt, ein Vorbote für die historischen Ereignisse des Tages ist.
Menschen tanzen auf der Straße
Zurück auf dem Platz vor der großen Moschee ist das Fest gerade in vollem Gange. Viele, viele Menschen. Frauen und Mädchen haben mittlerweile auch den Weg hinaus auf die Straßen gefunden. Musik spielt, ein riesiger Kreis hat sich gebildet, in dessen Mitte vor allem Kinder und alte Menschen auf der Straße tanzen. Einen alten Mann werde ich nicht vergessen. Er tanzt in der Sonne, der Ausdruck in seinem von Falten gezeichneten Gesicht erscheint geradezu jugendlich. Ich stehe und sehe, fotografiere und lausche.
In diesem Moment nehme ich den historischen Augenblick ganz tief in mich auf, vergesse die politischen Fakten dahinter und bin in das freudige Gefühl der tanzenden Tausend versunken. Durch Gespräche über Monate hinweg und Medienberichte habe ich immer wieder erfahren, wie sehr sich die Kosovo-Albaner die Unabhängigkeit wünschen. Jetzt ist es endlich soweit und wo ich Alt und Jung zusammen tanzen sehe, da nehme ich ihren Wunsch nach Unabhängigkeit ganz anders wahr. In Worte fassen kann ich es immer noch nicht.
Jetzt zieht es mich in den anderen Teil der Stadt. Ich will mir ein Bild von der Situation verschaffen. An der inoffiziellen Grenze zwischen dem albanischen und dem serbischen Teil der Stadt, sonst nur erkennbar an den noch immer zerstörten Häusern, werde ich von einem Polizisten kontrolliert. Er notiert meine Daten. Eine sonst nervenaufreibende Prozedur, über die ich mich an diesem Tag geradezu freue. Das serbische Stadtviertel ist an diesem Tag bemerkenswert ruhig. Ich beobachte wie eine alte Frau über die leere Straße läuft, nach unten in Richtung des albanischen Stadtteils schaut, kurz verweilt, und zurückläuft - eine Aktion mit fast schon symbolischem Charakter. Ich spreche mit einem Polizisten und zwei KFOR-Soldaten. Nichts Besorgniserregendes von deren Seite. Ich atme auf.
Jeder will eine Pace-Fahne schwenken
Zurück am Hotel Plaza im albanischen Stadtteil. In all der Menschenmenge und dem Fahnenmeer aus albanischen Fahnen sehe ich auf einmal eine Pace-Fahne. Der Fahnenträger ist mir unbekannt, kurz danach erblicke ich jedoch neben ihm einen Freund. Ich hole meine eigene Fahne heraus, stecke sie aber nach ein paar Augenblicken wieder in die Tasche. Der Freund berichtet mir, dass sie die Fahne ein paar Kindern abgenommen haben, die sie aus unserem Jugendzentrum geklaut hatten. Ein kleiner Knirps, in die albanische Fahne als Umhang eingehüllt, stellt sich vor uns und möchte die Fahnenstange samt Fahne haben. Er nimmt sie entschlossen an sich. Ich nicke die Sache irgendwie ab, doch hinterher freue ich mich: noch zwei Stunden später läuft der Junge mit der Fahne stolz wie Oskar durch die Stadt.
Später sitze ich mit Jugendlichen in einem Cafe. Nebenbei läuft tonlos das Fernsehen mit den Berichten des Tages. Ein TV-Sender zeigt innerhalb weniger Minuten zweimal dieselben Personen, die ein Schild mit der Aufschrift "Fuck Serbia" in albanischer Sprache hochhalten. Warum werden im Fernsehen immer nur Unruhestifter gezeigt? Ich war den ganzen Tag in den Straßen und habe nicht ein einziges Zeichen, kein Schild, keine Äußerung, keine Gewaltausbrüche gegen die serbische Seite gesehen; und umgedreht.
Ein Typ kommt zu mir und fragt, ob ich ihm nicht meine Pace-Fahne schenken würde. Höchst erfreut über sein Interesse, vertröste ich ihn bis eine Kollegin aus Italien kommt. Sie wird weitere Fahnen mitbringen. Ich werde ihm später eine schenken. Die fünf Euro sind es wert.
Aufgezeichnet von Sebastian Wieschowski

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