| Lockheed "Starliner": Der ab 1956 gebaute sogenannte Starliner gilt als technische Krönung der Constellation-Baureihe. Im März 1958 setzte die Lufthansa das Modell unter dem Namen "Super Star" erstmals auf den Nordatlantikrouten ein - Langstrecken konnten nun endlich ohne die zuvor notwendigen Tankstopps auf Neufundland zurückgelegt werden. |
Verliebte Filmstars und explodierende Kaffeemaschinen: Vor 60 Jahren hob die Super Constellation zum ersten Mal ab. Bald darauf verband sie Deutschland mit dem Rest der Welt. Auf einestages erinnert sich die Stewardess Edith Simon an den Jungfernflug - und irren Luxus über den Wolken. Von Katja Iken
Der Lockheed Super Constellation war nur eine kurze Blütezeit beschieden: Im Oktober 1950 ging das viermotorige Propellerflugzeug erstmals in die Luft, schon zehn Jahre später verdrängten die ersten Düsen-Jets die "Super Connies" von den Paradestrecken. Trotzdem galt die Maschine in den fünfziger Jahren als das Nonplusultra im Langstreckenverkehr. Besonders in der Bundesrepublik wurde sie gefeiert wie ein Star und avancierte zum Synonym für Aufbruch und Wirtschaftswunder. Nachdem die Alliierten den Deutschen infolge des Zweiten Weltkriegs zunächst ein totales Flugverbot auferlegt hatten, erlangte die Bundesrepublik mit ihrer staatlichen Souveränität am 5. Mai 1955 auch ihre Lufthoheit zurück, einen Monat später startete die Lufthansa ihren ersten transatlantischen Linienflug - mit einer Lockheed L-1049 G Super Constellation. Mit an Bord: die damals 22-jährige Stewardess Edith Simon aus Bremen.
Zum großen Tag trug ich die übliche Uniform: dunkelblaues Kostüm mit wadenlangem Rock, gestreifte Bluse, einem kleinen runden Kragen und natürlich das obligatorische Lufthansa-Käppi auf dem Kopf, dazu ziemlich hohe Stöckelschuhe und kurze weiße Handschuhe. Der Boden vibrierte, dann röhrten die vier Motoren los und drückten mich in den Sitz. Ich hatte es geschafft! Es war der 8. Juni 1955, und ich durfte als Stewardess an einer historischen Sternstunde teilhaben: dem ersten Linienflug zwischen der jungen Bundesrepublik und den USA. Er führte uns von Hamburg über Düsseldorf bis nach New York.
Endlich waren wir Deutschen wieder mit der großen, weiten Welt verbunden - dank der Lockheed Super Constellation, die wir auf den Spitznamen "Super Connie" tauften. Eine Revolution war das, angezettelt von einem der großartigsten Flugzeuge, die es je gegeben hat. Noch jetzt kommen mir die Tränen, wenn ich daran denke, wie wunderschön sie anzuschauen war mit ihrem elegant geschwungenen, delphinartigen Rumpf, dem dreifachen Seitenruder, den Flügelendtanks.
Doch war die Super Constellation nicht nur schön, sondern auch schnell - zumindest für damalige Verhältnisse. Rund 17 Stunden dauerte der Flug von Hamburg über Düsseldorf nach New York, zwischenlanden mussten wir auf dem Flughafen Gander in Neufundland.
'German Luftwaffe' ist soeben gelandet!"
Die Geschwindigkeit hatte allerdings auch ihren Preis. Die vier Triebwerke schluckten unglaublich viel Treibstoff und mussten zwischendurch neu aufgetankt werden. Als unsere Maschine auf Neufundland angekommen war, trauten wir unseren Ohren nicht: Die "German Luftwaffe" sei soeben gelandet, verkündete eine Stimme aus dem Lautsprecher - so wenig war den Menschen der Begriff "Deutsche Lufthansa" geläufig. Noch verband man deutsche Fliegerei mit Militarismus - die Super Connie half mit, dieses Bild zu korrigieren. Sie verband nicht nur die Kontinente, sondern auch die Menschen. Und das auf eine sensationell komfortable Art und Weise.
Gleich nach dem Start, sobald die "Nicht-Rauchen"-Zeichen erloschen waren, reichten wir in der First Class Viererpackungen mit den bekanntesten Zigarettensorten - es rauchte fast jeder. Noch vor den Vorspeisen rollten wir mit unserem Cocktailwagen durch die Reihen. Dreißig verschiedene Sorten mussten wir Stewardessen auswendig mixen können. Die Amerikaner bestellten meist Martini, das war unser Glück, denn der war leicht herzustellen. Doch auch den Lufthansa-Cocktail, eine harte Mischung aus Bourbon Whisky und Cognac, mochten wir sehr - weil er schon fix und fertig gemixt war.
Ein Koch an Bord
Auf den Vorspeisewagen folgte ein Wagen mit Suppen, dann erst servierten wir das Hauptgericht. Ein eigener Koch flog mit an Bord der Super Connie, auf Wunsch der Fluggäste servierten wir das Steak wahlweise "english", "medium" oder "well done". Und zum Schluss gab es unseren berühmten, da frisch aufgebrühten Kaffee. Allerdings war dieser Luxus mit einem hohen Risiko verbunden, da die "Diva", so nannten wir unsere Kaffeemaschine, immer mal wieder explodierte und alles mit heißem Kaffeesud besprenkelte - nicht umsonst mussten wir immer eine Ersatzbluse dabei haben.
Das Frühstück schließlich servierten wir in der First Class nicht zu einer bestimmten Zeit, sondern genau dann, wenn der Fluggast erwacht war. Kurzum: Fliegen in den fünfziger Jahren an Bord der "Super Connie", das war etwas für die Crème de la Crème. 3400 Mark kostete ein First Class Ticket zwischen Hamburg und New York - so viel wie rund neun monatliche Durchschnittsgehälter. Das konnten sich nur die Wohlhabendsten leisten. 1955 hatten wir gerade mal 74.000 Passagiere an Bord - heute sind es jährlich mehr als 50 Millionen.
Entsprechend niveauvoll war die Ausbildung zur Stewardess: Die Tests dauerten zwei Tage, wir mussten nicht nur schön aussehen und unverheiratet sein, sondern auch mehrere Fremdsprachen und erstklassige Tischsitten beherrschen. Zudem mussten wir über eine ausgezeichnete Allgemeinbildung verfügen. Wer war Ho Tschi Minh? Wo lagen die Hebriden? All solche Dinge wurden abgefragt.
"Beste Dreimotorige der Welt"
Zu unseren Gästen gehörten internationale Stars, Politiker und Wirtschaftsbosse, außerdem natürlich die Amerikaner, die ihre Angehörigen in Deutschland besuchten. Elisabeth Taylor flog mit uns ebenso wie etwa Richard Burton und Hildegard Knef. Einmal hatten wir Romy Schneider an Bord, sie war ganz verliebt in Paris und sprach lange mit mir über den einmaligen Zauber dieser Stadt. Ein anderes Mal war König Hussein von Jordanien an Bord, später flogen wir auch den König von Nepal.
Doch auch die Prominentesten konnten wir nicht bewahren vor den Tücken, die ein Flug an Bord der "Super Connie" mitunter mit sich brachte. Denn so schön das Flugzeug war: Es hatte so seine technischen Makel. Die Tanks an den Tragflächenenden versetzten die Flügel oft in seltsame Schwingungen. Zumal bei einer gewissen Flughöhe einfach Schluss war. Das Flugzeug konnte weder alle Gewitter überfliegen noch manche Gebirgsketten, beispielsweise die Anden.
Da viele der Passagiere an Bord Erstflieger waren, reagierten sie oft panisch auf Turbulenzen - uns Stewardessen kam die Aufgabe zu, die Menschen wieder zu beruhigen. Einmal fragte mich eine Dame, ob ich mal den lieben Gott gesehen hätte - schließlich sei ich schon so viel geflogen. Neben dem Schwanken jedoch bildeten die zahlreichen Motorausfälle das Hauptproblem der "Super Connie".
Der Jet: Halbe Zeit, doppelt so viel Komfort
Immer wieder fiel eines der vier hochkomplexen Triebwerke aus - deshalb galt die Super Constellation unter Experten auch als "beste Dreimotorige der Welt". Allerdings konnte man auch mit drei Motoren prima weiterfliegen, kritisch wurde es erst, wenn ein weiterer Motor schlappmachte. Richtige Katastrophen habe ich zum Glück jedoch keine miterlebt.
Mit dem Düsenzeitalter endete die grandiose Ära der "Super Connie". Dank der neuen Jets halbierte sich die Flugzeit zwischen den USA und Europa, während sich die Zahl der Passagiere verdoppelte. Obwohl die Lufthansa bereits 1960 die ersten Boeing-Maschinen einsetzte, stieg ich erst im Jahr darauf erstmals in einen Jet. Ein Jahr lang blieb ich der "Super Connie" noch treu - weil ich so gern mit ihr nach Südamerika flog.
Der Jet übertrumpfte die "Super Connie" um Längen: Er war nicht nur viel schneller und größer, sondern auch deutlich leiser und komfortabler. War ich zehn Jahre lang in die Super Constellation verliebt gewesen, hatte es mir nun die Boeing 707 angetan. Und dennoch: Die Super Connie wird für immer einen festen Platz in meinem Herzen haben.
Aufgezeichnet von Katja Iken.
Ihre Erlebnisse als Stewardess schrieb Edith Simon in dem 2007 erschienen Werk "Ein Leben wie im Fluge" auf (Synergia-Verlag, 13,90 Euro).
Im Dezember 2010 erlag Edith Simon ihrem Krebsleiden.



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