Kult-Regisseur Quentin Tarantino dreht "Angriff der Klonkrieger", Leinwand-Genie David Fincher "Die Rache der Sith"! Jens Lubbadeh fordert: Wenn Regie-Analphabet George Lucas sich die letzten drei "Star Wars"-Teile schon nicht komplett sparen konnte, hätte er wenigstens richtige Regisseure engagieren müssen - und er hat noch mehr Ideen.
Vor langer Zeit, in dieser Galaxis, gab es einmal eine Trilogie. Sie war kurios, begann - so erzählte man sich heimlich - mit Teil 4 und endete mit Teil 6. Viele, viele Jahre später wurde aus der Trilogie eine Hexalogie. Und auf Teil 6 folgte "Episode I".
Die Rede ist von "Star Wars", der sagenhaften Saga von George Lucas, die wohl so bekannt ist wie Elvis, die Beatles und Jesus zusammen. Mindestens.
Aller guten Dinge wären drei gewesen
Es gibt Menschen, die meinen, dass im Fall "Star Wars" aller guten Dinge drei gewesen wären. Ich bin einer von ihnen. Für mich sind die sogenannte Prequels (schreckliches Wort), die George Lucas nach so langer Zeit nachgeschoben hat, nicht viel mehr als das Ausleben digitaler Feuchtträume eines Regisseurs, der es entweder verlernt hat, dass gute Geschichten von interessanten Charakteren und Konflikten leben. Oder - und das ist meine Befürchtung - der es nie wirklich wusste.
Denn es wird gerne vergessen, dass George Lucas damals nur bei "Krieg der Sterne", dem Film von 1977, selbst Regie geführt hat. "Das Imperium schlägt zurück" drehte Irvin Keshner, "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" übernahm Richard Marquand. Ist es wirklich Zufall, dass ausgerechnet diese beiden Teile signifikant spannender, lebendiger und einfach besser sind als Episode IV?
Auch den neuen "Star-Wars"-Teilen hätte es gut getan, wenn George Lucas nicht selbst Regie geführt hätte. Man stelle sich nur einmal vor: "Angriff der Klonkrieger", gedreht von einem David Fincher ("Alien 3", "Sieben"). "Revenge Of The Sith" von "Kill-Bill"-Quentin-Tarantino. Was für großartige, diabolische Filme hätten das werden können!
Chewbacca-Bleistifte, R2D2-Radiergummis
Rückblende: Als "Star Wars" 1978 in die deutschen Kinos kam, war ich gerade einmal fünf Jahre alt. Das bedeutete für mich den denkbar ungünstigsten "Star Wars"-Einstand, den man sich vorstellen konnte: Ich begann mit "Die Rückkehr der Jedi-Ritter", musste die Trilogie also von hinten aufzäumen - dank des Fluchs meiner späten Geburt.
Selbst wenn mir meine Eltern den Kinobesuch gestattet hätten (eher wäre die Hölle zugefroren) - keine Kinokassenfrau in dieser Galaxis hätte da mitgespielt. Und auch 1980, als "Das Imperium schlägt zurück" anlief, galt für mich noch: Hunde und Siebenjährige müssen leider draußen bleiben.
Ich versuchte mich mit dem Betrachten der Kinoplakate zu trösten und begann mein spärliches Taschengeld in George Lucas' weit aufgerissenen Merchandising-Schlund zu werfen. Chewbacca-Bleistifte, mit denen man nicht schreiben konnte, R2D2-Radiergummis, die stanken und braune Spuren auf dem Papier hinterließen. Ab und zu gönnte ich mir auch eine der sündhaft teuren Action-Figuren - und ein großes "Star Wars"-Poster. Es war so schlecht gezeichnet, dass man Luke und R2-D2 kaum darauf erkennen konnte. Freunde, die mich besuchten, fragten auch immer ganz verunsichert nach, ob das etwa Luke Skywalker sei. Egal - es war groß, es verdeckte die hässliche Tapete und niemand sonst hatte so ein Poster. Das machte den grafischen Mangel mehr als wett.
Drei zähe Jahre vergingen. Und dann, endlich, war es 1983. Mit "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" kehrte "Star Wars" auf die Leinwände zurück. Die Medienmaschinerie lief auf vollen Touren, und ich stand als einer der ersten in der langen, langen Schlange vor dem Roxy-Kino in Gießen. Mit meinen mittlerweile biologischen zehn Jahren war ich nun endlich FSK-12-tauglich - zumindest reichte es für die Frau an der Kinokasse. Endlich! Mein erster "Star-Wars"-Film!
Nach dem Film verließ ich das Kino - paralysiert und mit 1000 Fragen im Kopf.
Ein Kinofilm zu Hause
Wieso war Han Solo in Karbonit eingefroren? Wer war Boba Fett? Wieso war Obi-Wan Kenobi halb durchsichtig? Warum war Darth Vader Lukes Vater? Und wo war die Mutter?
Doch 1983 aber war ich erst einmal aufgeschmissen. Die Kinobetreiber dachten noch nicht daran, lange "Star Wars"-Nächte mit allen drei Teilen anzubieten. Und einen Videorekorder hatte ich nicht, hatte eigentlich kaum jemand in meinem Bekanntenkreis - bis auf ...
... Markus. Ein von mir eigentlich nur mäßig gemochter Schulkamerad. Eines Tages aber erzählte er mir stolz, dass er "Krieg der Sterne" auf Video habe. Und er lud mich großherzig zu sich nach Hause ein, um ihn zu gucken. Schließlich sei der auch viel besser als die "Rückkehr der Jedi-Ritter". Welch ein Luxus! Einen Kinofilm zu Hause zu gucken! Alleine, ohne störende Köpfe in der Sichtbahn. Und dann auch noch "Krieg der Sterne". Das war damals ungefähr so beeindruckend, wie wenn mir heute jemand erzählte, er habe einen Privatjet oder eine Yacht zu Hause.
Nachhilfe in "Star Wars"
Die VHS-Kopie war schlecht. Aber für die dringend nötigen Nachhilfestunden in "Krieg der Sterne" reichte es. Immer wieder musste Markus auf Pause drücken, um mir alles zu erklären. Es wurde eine regelrechte "Star Wars"-Nachhilfe: Ja, Tatooine war derselbe Wüstenplanet wie aus "Rückkehr". Genau, da war Luke aufgewachsen. Nun musste er dorthin zurück, um seinen Kumpel Han Solo zu befreien. Mir fiel es schwer zuzuhören, denn ich musste ständig auf diesen schwebenden Sandgleiter starren.
"Wieso heißt der eigentlich Obi-Wan? Ich dachte, der heißt Ben Kenobi?"
"Nein, der heißt in Wahrheit Obi-Wan Ben Kenobi."
"Aber diese Prinzessin hat immer nur Obi-Wan gesagt"
"Ja, aber er heißt mit vollem Namen Obi-Wan Ben Kenobi"
Danach nannte ich Obi-Wan Kenobi fälschlicherweise jahrelang Obi-Wan Ben Kenobi.
"Was bedeutet Obi-Wan?"
"Keine Ahnung."
"Schwebt der Gleiter weiter, wenn man ihn anhält?"
"Ja klar, der hat Antischwerkraft."
An dieser Stelle stoppte Markus das Band, um mir zum Beweis auf dem flimmernden Standbild den Schatten unter dem Gleiter zu zeigen. Seiner Meinung nach war er nicht sehr realistisch. Wir diskutierten, ob der Schatten tatsächlich ein Schatten war, oder doch eher - wie ich fand - ein Artefakt der miesen Raubkopie. Zumindest waren wir uns einig, dass, wenn es ein Schatten war, der Spezialeffekt besser hätte sein können.
Die Frage nach dem besten Teil
Ein paar Szenen weiter, in der Bar in Mos Isley, wo Obi-Wan und Luke Han Solo und Chewie anheuern, hielt Markus wieder an. Ich solle besonders aufpassen, weil Obi-Wan gleich einem Alien mit seinem Laserschwert den Arm abhacken würde. Es ging aber zu schnell, und ich war von dem Laserschwert zu sehr beeindruckt, als dass ich auf den abgehackten Arm achten konnte. Glücklicherweise besaß der Videorekorder sogar schon die Funktion, Einzelbilder vorwärts blättern zu können. Dumm nur, dass die Spultasten nicht besonders schnell reagierten. Und so blätterte Markus tatsächlich das viel zu weit zurückgespulte Band Bild für Bild vor, bis endlich der verdammte Armstumpf zu sehen war. Lange schauten wir uns den Alien-Arm an.
Was bei James Bond die Frage nach dem besten Hauptdarsteller, ist bei "Star Wars" die Frage nach dem besten Teil. Für mich gibt's da eine ganz klare Antwort: "Imperium". Es ist der stärkste der alten und erst recht der neuen Teile. "Imperium" hat alles, was eine echte Saga braucht: Freundschaft, Liebe, Hass, Verrat, Selbsterkenntnis, Offenbarung. Trotz ruhiger und fast mystischer Szenen wie Lukes Jedi-Lehrstunden bei Yoda auf dem Dschungel-Planeten Dagobah hat "Imperium" eine unglaubliche Dynamik - ohne in ein reines Action-Spektakel abzugleiten. Irvin Keshner hat die perfekte Balance gefunden und lässt den Hauptpersonen genug Raum, um ihre Menschlichkeit - sogar die des Wookiees Chewbacca - zu zeigen.
Der Konflikt zwischen Luke und seinem Vater Darth Vader ist das stärkste Element der alten "Star Wars"-Trilogie und gibt dem uralten Kampf zwischen Gut und Böse ein Antlitz - selbst wenn es nur die starre schwarze Maske Vaders ist. Es ist dieser Spannungsbogen, der die Trilogie zusammenhält. In "Krieg der Sterne" wird er aufgebaut, in "Imperium" in einer ersten Konfrontation dramatisch enthüllt, und schließlich in "Rückkehr" kathartisch aufgelöst.
Actionfiguren in einem technisierten Universum
Doch auch wenn schon "Krieg der Sterne" 1977 einschlug wie eine Atombombe: Die Geschichte des Films bot weit mehr Potential als Lucas nutzte. Unbeholfen, hektisch und mitunter unsensibel wurden da potentiell große Gefühlsmomente abgefilmt: Lukes Onkel und Tante, brutal vom Imperium ermordet und verbrannt, liegen als zwei verkohlte Leichen im Bild - und rühren den jungen Luke nicht eine Sekunde lang zu Tränen. Der fährt stattdessen mit Obi-Wan erst einmal nach Mos Isley, als ob er nicht gerade die wichtigsten Personen seines bisherigen Lebens verloren hätte.
Oder der Zweikampf zwischen Obi-Wan und seinem auf den dunklen Pfad gelangten Schüler Darth Vader zum Ende des Teils: langweilig und lustlos choreographiert. Der kritische Moment, in dem Obi-Wan sich zur Aufgabe entschließt und stirbt - undramatisch inszeniert. George Lucas mag ein Gespür dafür haben, mit welchen Geschichten man beim Publikum landet. Er mag ein Gespür für gute Geschichten haben. Aber sie mit Blut füllen und lebendig erzählen, das kann er nicht. Bezeichnend sind die Anekdoten, die auf Internet Movie Database unter den alten Teilen nachzulesen sind.
Mark Hamill beispielsweise berichtet, er habe sich bei den Dreharbeiten zu "Star Wars" wie eine kleine Rosine in einer riesigen Fruchtschüssel gefühlt. Einen fast autistischen Kommunikationsstil habe der Regisseur Lucas mit seinen Schauspielern gepflegt: "Schneller", "intensiver" - das waren offenbar seine einzigen Anordnungen auf dem Set. Dementsprechend sarkastisch fiel das "Geschenk" aus, das die Schauspieler Lucas machten, als der, bei den Dreharbeiten zu "Krieg der Sterne" völlig verausgabt, zeitweilig seine Stimme verloren hatte: Eine Tafel, auf die sie genau diese wenigen Worte geschrieben hatten. Der stumme Lucas brauchte sie nur noch hochzuhalten.
Menschen - das sind offenbar nur Actionfiguren in dem technisierten Universum des George Lucas. Und das in einem der großartigsten Märchen, das je über die Kino-Leinwände geflimmert ist - wie schade. George, dir gebührt zwar Dank, dafür dass du dieses Universum erfunden hast, aber dennoch eine Bitte: Mach aus der Hexalogie nicht doch noch eine Ennealogie.
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