Dröhnender Sound, ekstatische Menschenmassen und freie Liebe im Schlamm: Vor 40 Jahren kletterten die Rockbands aus ihren stickigen Kellerclubs und eroberten Feld, Wald und Wiesen. Seit Woodstock schlägt das Herz des Beats unter freiem Himmel. Sogar in der norddeutschen Provinz. Von Werner Theurich
Mag 1969 für viele das Jahr des Aufbruchs nach der großen Studentenrebellion gewesen sein, für mich war es das Jahr von Woodstock. Jimi Hendrix, Santana, Richie Havens, Sly Stone und Crosby, Stills, Nash & Young wurden meine Helden - die Helden des ersten Monster-Open-Air-Rockspektakels.
Die Kunde vom Festival auf Max Yasgurs Farm im US-Bundesstaat New York, das klein und nett sein sollte und das dann durch Mund-Propaganda gigantisch und chaotisch wurde, fand nach und nach ihren Weg bis in die niedersächsische Provinz, wo ich ein rockmusikalisch ödes Leben fristete. Ohne Internet und Musik-TV brauchte so etwas damals seine Zeit, aber wenn Popmusik die Religion ist, der man huldigt, entwickeln sich in jungen Jahren besondere Antennen.
Doch es zog sich noch bis zum Herbst 1970, bevor Woodstock mich mit 16 Jahren vollwuchtig erwischte. "Woodstock" als Film: ein brachiales, stereophonisch brausendes, Split-Screen-seliges Wunderwerk explodierte für mich dann in München, wo ich gerade zu Besuch bei der Verwandtschaft war und "Woodstock" groß annonciert im großen Filmtheater am Odeonsplatz anlief. Das war ein anderes Kino: mit richtig fettem Sound, etlichen Lautsprechern und fantastisch plastischen Klangeffekten, aufregend neu, selbst in der Großstadt. Und es blies mir fast das Teenie-Hirn weg.
Der Gitarren-Gott spielte wie um sein Leben
Dokumentarfilme hatten es in den sechziger Jahren nicht leicht auf der Leinwand, oder anders ausgedrückt: Sie fanden dort kaum statt. Schon gar nicht in dreistündiger Darreichungsform. Mit "Woodstock" in der Regie von Michael Wadleigh wurde alles anders: Binnen kurzen avancierte das cineastische Rock-Werk zum Heiligtum der Jugendkultur, das man mindestens drei bis vier Male gesehen haben musste.
Nicht nur wegen der Party-Passagen (Ten Years Afters "I'm Going Home" oder Santanas "Soul Sacrifice"), auch die bewegenden, fast traurigen Momente faszinierten. Etwa der nur scheinbar kraftvolle Joe Cocker, der schon damals eine eher bedauernswerte, arme Blues-Gestalt abgab, oder Jimi Hendrix, der Momente hochkreativer Gitarrenkunst vor nur noch wenigen Fans zelebrierte - die meisten waren an jenem unwirtlichen Morgen seines historischen Woodstock-Gigs schon auf dem Heimweg.
Woodstock wurde weltweit zur Mutter aller Open-Airs von Roskilde bis Rock am Ring, Glastonbury bis Wacken. Und doch es gab eine grandiosen Vorläufer, bei dem ebenfalls Jimi Hendrix seine flinken Finger im Spiel hatte: Zwei Jahre zuvor gehörte ihm 1967 der heimliche Sieg beim kleineren, aber musikalisch kaum weniger denkwürdigen Festival im kalifornischen Monterey. Mit Pete Townshend von The Who hatte Hendrix die Münze geworfen, um die Headliner-Reihenfolge für die anstehenden Abend-Auftritte auszuknobeln. Der Gitarren-Gott verlor, musste zuerst auf die Bühne und versprach Townshend einen Auftritt, der seinesgleichen suchen sollte. Hendrix hielt Wort, spielte wie um sein Leben, verbrannte seine Gitarre mit erotischem Brimborium - und war fortan Legende. Jeder kennt die Bilder von Hendrix-Performance, der Who-Set wurde nicht entfernt so intensiv wahrgenommen.
Brennende Sänger, gepiercte Brüste, Blut sabbernde Monster:...
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