| "Brand Canyon" - der Tagebau Meuro in Brandenburg : Dies ist der Krater des Tagebau Meuro, der geflutet wird - aber durch den noch heute Wanderungen gemacht werden können. |
Amerika hat den Grand Canyon - die Lausitz in Süd-Brandenburg den "Brand Canyon": Die zerklüftete Kraterlandschaft der ehemaligen Braunkohletagebaus ist eine faszinierende, menschengemachte Landschaft. Jetzt wird sie zur Seenplatte.
Ein Canyon lässt tief blicken. Wie die Jahresringe eines Baumes erzählen Gesteinsschichten aus der Vergangenheit und die unnachahmliche Form verrät: Schöpferin dieser Landschaft war die Natur, die Granit und Schiefer modellierte mit Wasser und Wind.
Der schwarze Krater aber, der in der Lausitz alle Blicke auf sich zieht, entstand von Menschenhand. Meuro, diese karstige Tagebaugrube zwischen der Lutherstadt Wittenberg und Bitterfeld, sprengt das Bild der ebenmäßigen Ackerlandschaft. In Terrassen und Wellen fallen Wände hinab in eine scheinbar endlose Tiefe. Wie eine klaffende Wunde spaltet diese Schlucht die Landschaft und dunkler Abraum türmt sich auf an ihren Rändern auf zwischen Senftenberg und Großräschen. Wertloses Geröll, denn längst schon wurde hier die Kohle abgebaut.
In 45 Jahren intensiver Braunkohleförderung wühlten und gruben die Bergbauer. Stellten die Erde buchstäblich auf den Kopf. Und steht der Grube steht diese Ausbeutung mittlerweile auf die zerfurchten Wände geschrieben. In den Steilhängen schimmert das Flöz wie bei einem Tortenanschnitt und unter einer breiten Decke aus Sand, Ton und Schluff lockt die kostbare Kohleschicht.
Kein Baum, kein Strauch
Der Duft sonnenwarmer Erde liegt hier im Sommer in der staubigen Luft. Nach trockenem Holz riecht es, dessen würziger Geruch plötzlich schwächer wird, als der Wind über die Kante der Grube hinweg jagt. Böen und Staubwolken tanzen hinab in den Krater, und nichts vermag sie von ihrem Weg abzubringen, denn am Rand des ehemaligen Braunkohletagebaus wächst kein Baum, kein Strauch, der sie aufhalten könnte.
Vor dem Betrachter taucht plötzlich das Bild des Grand Canyon auf - ein Blick in seinen 1.600 Meter tiefen Graben ist ein Rückblick in die Erdgeschichte der letzten zwei Milliarden Jahre: Von rosaroten Granitadern durchsetzter Schiefer, Klippen bildender Quarzsandstein und roter Kalkstein stapeln sich wie Schichten eines Baumkuchens. Für sein aufwendiges Schnitzwerk brauchte der Colorado, jener bis zu 90 Meter breite Fluss in Arizona, immerhin 17 Millionen Jahre.
Die Zeit war seine Verbündete und so schliff und schlängelte sich der Strom beharrlich vorwärts. Auch im größten Canyon der USA suchten die Menschen nach Bodenschätzen. Erzschürfer taten im 19. Jahrhundert alles, um dem Gestein Kupfer, Asbest und Blei abzuringen. Sie durchlöcherten die Canyonwände mit Minenschächten und Saumpfaden, mussten aber wegen des steilen, gefährlichen Geländes bald aufgeben. Steilhänge und Schluchten machen es auch heute dem Reisenden schwer, den Canyon zu entdecken. Nur geübte Bergsteiger wagen sich hinab, weniger Wagemutige überfliegen die 450 Kilometer lange Schlucht oder buchen eine Rafting Tour auf dem Colorado. Der Grand Canyon mit seinen jährlich vier Millionen Besuchern wurde trotzdem zu dem Anziehungspunkt der USA. Die Amerikaner sind stolz auf ihr Naturdenkmal, das 1919 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde.
Wandern in der Baggergrube
Als eine Art Erbe des Kohleabbaus gilt dagegen der Tagebau Meuro. Der "Brand Canyon" ist von Menschenhand geschaffen, in gerade mal einem halben Jahrhundert. Statt formender Wassermassen rissen im südlichen Brandenburg Bagger den gut vier Kilometer langen und drei Kilometer breiten Canyon auf. 1999 erst wurde die Braunkohleförderung eingestellt. Mit seinen Ausmaßen, aber auch optisch, wirkt Meuro wie die verkleinerte Kopie des Grand Canyon. Doch der Stolz der Brandenburger auf ihr Werk hält sich in Grenzen.
Reiner Düvell, Architekt und seit Jahren Wanderführer in Meuro verrät: "Vielen hier fällt der Blick zurück in ihre Vergangenheit schwer." Sie steht für die Meisten für eine Epoche der Abhängigkeit und Bevormundung. Dabei bietet sich den Menschen seit fünf Jahren die Chance, sich aktiv mit der Bergbauzeit auseinander zu setzen: Meuro wurde als erster Tagebau für Wandertouren geöffnet.
Der Tourismusverband und die Internationale Bauausstellung IBA setzten zunächst keine allzu großen Hoffnungen in Düvells Projekt "Sinnliche Tagebauerkundungen". Doch der Initiator ließ nicht locker. Die drahtige Statur, seine wachen Augen verraten Ausdauer. Dem Berliner gelang es, nicht nur vorsichtige Brandenburger, sondern auch wissbegierige Reisende aus aller Welt mitzureißen. Ein paar Tausend Besucher folgten ihm jedes Jahr durch die Grube.
Überreste abgerissener Häuser
Auf Düvells Pfaden entdeckt der Besucher, wozu der Mensch mit seinen Maschinen und Werkzeugen in der Lage war. Wohngebäude, Sportplätze, Schulen und sogar Schwimmbäder, die dem Kohleabbau im Weg standen, wurden gnadenlos abgerissen. Immer weiter fraßen sich die Förderbagger durch das Land. Wer einen Job im Bergbau hatte, war dankbar und zufrieden. Doch manch einen kostete diese Arbeit Haus und Hof.
Man ahnt, wie wenig der Grand Canyon, Inbegriff von grenzenloser Weite und Freiheit, mit seinem Abbild "en miniature" gemein hat. Seine Entstehung verdankt Meuro reiner Notwendigkeit. Den Brandenburgern blieb keine Wahl. Wie traurige Denkmäler liegen die Überreste abgerissenen Häuser heute in der schwarzen Erde. "Mehr als 4.000 Menschen mussten dieses Land verlassen. Sie sahen mit eigenen Augen, wie alles weggebaggert wurde", erklärt Düvell, der Wanderführer.
Kohle war eben heiß begehrt. Zu DDR-Zeiten galt sie als primärer Energieträger, mit Braunkohle wurden die Haushalte im gesamten Land beheizt. Die Lausitzer Textilbetriebe waren auf die Energie der Briketts, mit der sie ihre Dampfmaschinen betrieb, angewiesen. Produktivität und Zerstörung lagen dicht beieinander: Dem gnadenlosen Kohleabbau fiel die einstige Heide- und Waldlandschaft der Lausitz zum Opfer.
Brikettfabriken statt Heidekraut
Luzica, wie die Sorben sagen, das Pfützenland mit seinen Sumpf- und Moorgebieten, entwickelte sich im 20. Jahrhundert zum Industriezentrum Ostdeutschlands. Wo früher Heidekraut spross, rauchten die Schornsteine der Kohlekraftwerke und Brikettfabriken. Ruß schwängerte die sonst so klare Luft. Mit ihrem Klappern übertönten Eimerkettenbagger das Geräusch des Windes. Zwischen Cottbus und Hoyerswerda entstand eine von Gruben und Kratern zerfressene Landschaft.
Heute wünschen sich die Menschen in der Lausitz, dass aus ihrem Canyon einmal etwas werden soll: Die IBA startete ein ehrgeiziges Projekt: Aus den etwa dreißig Gruben der Lausitz (von denen nur Meuro für Wanderungen geöffnet ist) entsteht ein Naherholungsgebiet. Meuro verwandelt sich zum Ilse-See, einem der Gewässer einer großen, zusammenhängenden Seenlandschaft.
Bis das Wasser die Grube geflutet hat, dürfen Reisende den Krater zu Fuß entdecken. Seit 2006 liegt ein Teil Vergangenheit unter Wassermassen begraben. Der Hintergrund dieser Landschaftsverwandlung liegt im Bergbaugesetz verankert. Nach dem Kohleabbau muss ein Landstrich wieder eine nutzbare Form bekommen. Der Versuch, ausgerechnet ein Feriengebiet in der ehemaligen Tagebauregion zu erschaffen, scheint angesichts seiner dünnen Besiedelung gewagt. Die Macher der neuen Kulturlandschaft sind aber von der überregionalen Anziehungskraft ihrer Seenlandschaft überzeugt.
Kiefernwälder aus Grubentrichtern
Die technische Seite der modernen Schöpfung übernimmt die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Mit dem Wasser aus Spree und Neiße flutet sie Grubentrichter und verknüpft diese mit Kanälen. Hier entsteht ein riesiger Seenverbund, der für Schifffahrt und Wassersport geeignet sein wird. Aus aufgeschütteten Gruben lässt sie mit Kiefernwäldern bewaldete Tagebaufolgelandschaften wachsen.
Hartmut Meyer, der mich mit seinem Landrover durch ein Dutzend Gruben in der Umgebung fuhr, prophezeit: "Die Lausitz wird zum Inbegriff von Freiheit und Erholung." Er lacht, ein Mann wie ein Fels, der sich nie geschlagen gab. Der ehemalige Zugführer arbeitete im Bergbau, bis sein Job wegrationalisiert wurde. Meyer wechselte die Seiten und ist heute bei der LMBV für die Sanierung seines alten Arbeitsplatzes verantwortlich.
Gestalterisch nimmt die IBA Fürst-Pückler-Land die Entstehung des künftigen Ferienparadieses in die Hand. Auf der größten Landschaftsbaustelle Europas entwickelt sie seit 2001 Ausstellungen, Architekturprojekte zu Wasser oder geführte Touren wie die Sinnliche Tagebauwanderung.
Mit dem Boot von Großräschen nach Senftenberg
Heute ist der schwarze Canyon von Meuro teilweise von Wasser bedeckt. Seine Geschichte wird man ihm bald nicht länger ansehen, denn auf dem See werden sich Wassersportler tummeln. Urlauber werden die Ufer bevölkern und sich an aufgeschütteten Sandstränden erholen, denen man ihren künstlichen Ursprung nicht anmerkt. Die Lausitzer werden dann wieder von Großräschen bis nach Senftenberg und weiter nach Pritzen oder Grünewalde gelangen können. Statt wie früher ins Nachbardorf zu spazieren werden sie künftig eben mit dem Boot ans andere Ufer paddeln.
Ob auch die Wunde in der Erinnerung der Menschen heilen wird, kann niemand vorhersagen. Vielleicht aber werden die Brandenburger eines Tages voller Stolz auf ihre Seenlandschaft blicken, die nach Gräsern und Schilf duftet. Aus der Lausitz wird dann wieder Luzica. Das Pfützenland.