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Fußballpionierin Ratzeburg: Die Vorkämpferin des deutschen Frauenfußballs Hannelore Ratzeburg, ehemalige Nationalspielerin, DFB-Vorstandsmitglied für Frauenfußball und stellvertretende Vorsitzende der FIFA-Kommission für Frauenfußball steht vor dem DFB-Gebäude in Frankfurt am Main im Februar 2007. Sie spielte erfolgreich in mehr als 110 Länderspielen und arbeitet anschließend als Trainerin. Seit 2005 ist sie Bundestrainerin bereitete die Nationalmannschaft auf die WM in China im September 2007 vor. Der Frauen-Kader gewann das Turnier ohne Gegentore.
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Während der Vereinsfußball kaum wahrgenommen wird, hat sich die Damen-Nationalmannschaft heute etabliert. Vor mittlerweile 25 Jahren bestritt sie ihr erstes Spiel. Eine Pionierin und eine Rekordnationalspielerin erinnern sich an die Anfänge des emanzipierten Fußballs in Deutschland.
Die kleine westdeutsche Welt sah im November 1982 so aus: Helmut Kohl war durch ein Misstrauensvotum gerade Kanzler geworden, im Radio dudelte "Nur geträumt" von Nena und Hannelore Ratzeburg saß im Zug von Hamburg nach Koblenz. Es ging ihr schlecht. Noch heute erinnert sie sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Ich hatte Angst. Ich dachte, wenn wir das nicht gewinnen..."
Die Sache war die: Hannelore Ratzeburg, seit Anfang der siebziger Jahre ehrenamtliche DFB-Funktionärin, hatte lange darauf hingearbeitet, dass an diesem 10. November 1982 das erste offizielle Länderspiel der Frauen stattfinden würde. Nun aber sorgte sie sich, dass bei einer Pleite wieder alle Welt sagen würde: Muss das sein, dass Frauen Fußball spielen? Ihre Nervosität war unbegründet. Das 5:1 über die Schweiz vor 5000 Zuschauern war ein Triumph. Und die Entwicklung des Frauenfußballs seitdem? "Wahnsinn!", sagt Ratzeburg.
Schon beim Start in Koblenz war so gut wie alles dabei, was die Auftritte der deutschen Frauenauswahl fortan bestimmen sollte: eine Mannschaft, die ihre Gegner dominierte, ein Publikum, das nicht sicher war, wie ernst die Sache zu nehmen ist. Und Silvia Neid. Ihrem Debüt als 18-Jährige folgten 110 Länderspiele und eine Karriere als Trainerin. Seit 2005 ist sie Bundestrainerin und bereitet den Kader jetzt auf die WM in China (10. bis 30. September) vor. Dazu wird sie auch das Jubiläumsspiel (gleichzeitig EM-Qualifikation) nutzen, das heute wieder in Koblenz und wieder gegen die Schweiz ausgetragen wird (18 Uhr, live ARD).
Seinerzeit als Teenager habe sie sich keine Gedanken über die Zukunft ihres Sports gemacht, sagt Neid SPIEGEL ONLINE. Rückblickend stellt sie fest: "Die Entwicklung in den 25 Jahren ist mehr als bemerkenswert, die Spiele haben heute ein ganz anderes Niveau." Bei ihrem Debüt, sagt Neid, sei sie stolz gewesen, für Deutschland spielen zu dürfen, "die vielen Kritiker auf der Tribüne habe ich während des Spiels gar nicht mitgekriegt". Sie sah sie erst in Nachberichten. Und was krakeelte der Zuschauer, der hormongesteuerte? Trikottausch! Auch Max Merkel kommentierte in der "Bild"-Zeitung unter kalauernder Schlagzeile: "Ganz ernst! Die Damen sind den Herren um Brustbreite voraus." Es folgte eine erstaunlich begeisterte Würdigung: "Die Damen kombinierten, spielten rückwärts zum Libero, spielten quer und plötzlich steil - das war schon fast der FC Bayern im Kleinformat."
Und das bei einem Start, der auf fast nichts aufbaute.
Erst zwölf Jahre zuvor, im Herbst 1970, hatte der DFB sein Verbot des Frauenfußballs aufgehoben, 1982 spielten die Frauen zwar eine Deutsche Meisterschaft aus, eine Bundesliga aber gab es nicht. Das erste Auswahlteam stellte daher vor allem der Serienmeister SSG 09 Bergisch Gladbach.
Zehn Millionen Zuschauer am TV
Die glorreichen Zeiten der SSG sind längst vorbei, es kamen andere Vereine, die ihre Konkurrenz ein paar Jahre in Grund und Boden spielten - und dann untergingen. Silvia Neid beklagt das fortdauernde Dominanz-Dilemma. Eine Liga, in der der aktuelle Überflieger, der 1. FFC Frankfurt, den ärgsten Verfolger aus Duisburg in dessen Stadion 6:1 schlägt, wie in der abgelaufenen Saison, "die ist nicht spannend und nicht attraktiv für die Zuschauer". Der überschaubare Zuspruch belegt das: Die 132 Punktspiele sahen 96.000 Zuschauer, das sind so viele, wie bei den Männern Borussia Dortmund und St. Pauli zusammen an einem einzigen Heimspieltag haben.
Während der Vereinsfußball dieses Schattendasein fristet, hat sich die Nationalmannschaft einen festen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung erspielt. Die Partien werden live im Fernsehen übertragen. 2003 sahen zehn Millionen zu, wie Nia Künzer im WM-Finale in Kalifornien das Golden Goal zum Titel köpfte. Bei Heimspielen ist die Besucherzahl in den Stadien in der Regel fünfstellig.
Was auch daran liegen dürfte, dass der Fußball der Frauen anders als der der Männer zuverlässig erfolgreich ist und sich bislang keine längeren Kreativpausen nahm. Zum WM-Titel kommen eine Vizeweltmeisterschaft sowie sechs EM-Titel. Von 291 Spielen wurden 199 gewonnen. Für eine erfolgreiche Zukunft müsste allerdings auch der Vereinsfußball professioneller werden. "Es ist", sagt Neid, "wichtig, dass es mehr Trainer gibt, die Frauen nicht nur trainieren, weil sie bei den Männern keinen Job bekommen."
Hoffnung auf einen neuen Schub macht, dass derzeit einige im Männerfußball etablierte Vereine ihr Engagement ausbauen oder überhaupt mal eines an den Tag legen. Wie Weiland Berti Vogts den Frauen empfahl, anderen Aktivitäten zu frönen, weil es für die Damen "so viele schöne Sportarten" gebe, so hat bei Schalke 04 bis vor kurzem Rudi Assauer gegen Frauenfußball gepoltert. Kaum ist der Manager fort, testet der Verein eine Kooperation mit dem 1. FFC Recklinghausen. Hannelore Ratzeburg sieht das pragmatisch: "Es ist jetzt schick geworden, Frauenfußball zu haben. Und Zuwachsraten gibt es nur noch im weiblichen Bereich."
Die anstrengende Nachricht für die Frauen in Recklinghausen: Einer ihrer Ratgeber ist Olaf Thon. Die gute Nachricht: Peter Neururer ist noch nicht vorstellig geworden.
Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 22.08.2007
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