Zwangsumtausch, stinkende Trabbis und schlechtes Eis: Der Klassenausflug ins Ost-Berlin des Jahres 1986 war ein einschneidendes Erlebnis für SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Jens Lubbadeh. Umso mehr, weil die DDR-Grenzer den damals 13-Jährigen nicht mehr zurück in den Westen lassen wollten.
"ES GIBT NUR EIN DEUTSCHLAND - MAUERT HONECKER EIN!" - Eigentlich war ja gar kein Platz mehr auf der Berliner Mauer. Aber wir hatten die Aktion schon lange geplant: unsere politische Botschaft groß auf das Monument der deutschen Teilung zu sprühen. Andere hatten die kostbare Fläche für banale Liebesbekenntnisse wie "Angie + Daniel" oder Nonsens wie "Volx Uni" vergeudet. So mussten wir uns Platz verschaffen, übersprühten Unwichtiges mit rosa Grundierung und platzierten darauf unsere Botschaft an die Welt in silbernen, ungelenken Lettern. Besondere Mühe gaben wir uns bei der perspektivischen Gestaltung der Buchstaben.
Gern wäre ich bei der nächtlichen Aktion dabei gewesen, damals im Frühsommer 1986. Gern wäre auch ich verewigt auf diesen Fotos. Gern hätte auch ich posiert, mit vollem Bier und leerer Spraydose in der Hand. Stolz. Stattdessen musste ich im Bellevue-Tower bleiben, wo wir einquartiert waren. "Falls was passiert, muss einer Bescheid geben", hatten die Jungs gesagt. Wir glaubten, dass uns der DDR-Geheimdienst auf den Fersen war. Und wir hatten guten Grund, das anzunehmen - schließlich wäre ich fast nicht mehr rausgekommen aus Ost-Berlin.
Berlin 1986 - das waren zwei Berlins. Natürlich politisierte das unsere Klassenfahrt, aber eigentlich wollten wir nur raus aus unserer hessischen Kleinstadt. Wir, das waren 13- bis 14-Jährige, die in Deutschlands heimlicher Hauptstadt große Abenteuer erleben wollten. Und das sollten wir auch.
Das Tor zur anderen Seite der Welt
Grenzübergang Berlin-Friedrichstraße: Das Tor zur anderen Seite der Welt. In einem Star-Wars-Film wäre es die dunkle Seite gewesen. Schlangen von Menschen warteten darauf, nach Ost-Berlin eingelassen zu werden. Wir waren aufgeregt. Frau Köhler, unsere Klassenlehrerin, hatte uns lange auf diesen Besuch vorbereitet. Unauffällig sollten wir uns benehmen. Nicht den Wessi raushängen lassen. Keine Fotos machen - besser noch: die Kameras erst gar nicht mit "rüber" nehmen. Keine Schwierigkeiten machen, keine Schwierigkeiten bekommen.
Also auf zum Besuch im DDR-Zoo. Eintritt: 25 D-Mark.
Dann sind wir tatsächlich drüben, auf der anderen Seite. In den Taschen lustiges Spielgeld aus Aluminium, das nicht klimpert. Berlin Alexanderplatz. Weiße Kahlheit allerorten. Alles wirkt brüchig, heruntergekommen. Die Gehwege sind in schlechtem Zustand, die Häuser wirken unwirklich, wie Pappkulissen bei einem Filmdreh. Die DDR fühlt sich billig an - wie die bei uns so verpönten Zwei-Streifen-Turnschuhe. Wie eine Adidas-Kopie.
Es stinkt. Geruch von verbranntem Gummi. Schwaden von Abgasen hängen in der Luft, und selbst sie riechen anders als im Westen. Penetranter. Wie von einem Rasenmäher. Wir sind hier Fremde und so fühlen wir uns auch - beobachtet. Solch ein Gefühl werde ich nur noch einmal haben, fast zehn Jahre später, als ich mich im New Yorker Stadtteil Harlem verlief und plötzlich der einzige Weiße weit und breit war.
Nur nicht auffallen
Nur nicht auffallen also. Leicht gesagt - mit unseren Levi's-Jeans und Adidas-Turnschuhen tun wir das zwangsläufig. Beim Überqueren der Straße werde ich fast angefahren. Wütend hupt der Trabbi mich an. Hat er das etwa mit Absicht getan? Weil ich aus dem Westen komme? Ich schaue den Fernsehturm hoch und bin beeindruckt - ich mag die Kugel da oben. Es geht mir seitdem jedes Mal so, wenn ich in Berlin am Alexanderplatz bin. Im WM-Sommer 2006 gefiel mir, wie die Kugel zu einem riesigen Fußball wurde.
Wohin nur mit all dem Spielgeld aus dem Zwangsumtausch? "Kauft euch Bücher", hatte Frau Köhler uns geraten. Anselm war schlau, er wollte sich Noten kaufen. Die seien im Osten ein echtes Schnäppchen und von hervorragender Qualität, meinte er. Qualität scheint es hier im Zwei-Streifen-Deutschland zu geben, zumindest inselartig. Man muss nur suchen.
Ich kaufe ein Lexikon der Philosophen, einen Opernführer und ein Buch über das Konzentrationslager Mauthausen. Das Papier ist grau und dünn und wirkt - natürlich - billig. Aber es kommt ja auf die Inhalte an. Ich lese es im Laden kurz an. Mir springt das Wort "imperialistisch" ins Auge. Ich weiß, dass das ein DDR-Wort ist. Genauso wie in der DDR unser Deutschland BRD heißt. Einmal hatte Conny im Unterricht die Bundesrepublik "BRD" genannt. Frau Köhler hatte sie daraufhin gebeten, das nicht mehr zu sagen. Die BRD heiße Bundesrepublik.
Hasserfüllte Kellner im heruntergekommenen Edel-Restaurant
Die Bücher kosten fast nichts. Wir haben immer noch viel zuviel Geld übrig. Aber wir müssen es ausgeben, hatte Frau Köhler gesagt. Denn man darf kein Spielgeld mit in den Westen nehmen. Wir überlegen, es einfach wegzuschmeißen. Aber das würde sicher auffallen und Ärger geben. Verschenken? Aber wir sollten doch nicht so den Wessi raushängen lassen. Wir sehen ein Restaurant und beschließen, dort unser Geld zu verprassen.
Die Kellner hassen uns schon beim reingehen. Das Restaurant wirkt nobel: schwere Teppiche, weiße Tischdecken, die Bedienungen alle in Schwarz und Weiß gekleidet. Obwohl uns klar ist, dass dies in der DDR ein Edel-Restaurant ist, sehen unsere West-Augen sofort die Zwei-Streifen-Schwächen: die zu alten Teppiche, das nicht mehr saubere Chrom, die wackeligen Stühle. Weil wir in der Gruppe sind, überspielen wir unser Unwohlsein mit Albernheit.
Transit-Terror, Alu-Spielgeld und unerreichbare...
Der raue Charme Ost-Berlins zog ihn magisch an: Auf langen...
Als Bürger Indiens konnte sich SM Hussain auch vor 1989 frei...