Fototapete, Mahagonitheke und Käseigel - und es ging noch schlimmer: Partykeller waren bis in die siebziger Jahre Symbole schamlos ausgestellten Wirtschaftswohlstandes. In den Achtzigern wurde die Deko zweitrangig. Schamlos blieb es trotzdem. Zum Beispiel beim Flaschendrehen. Von Philipp Kohlhöfer
Mal überlegen. Es gibt drei Erinnerungen, die ich an Partykeller habe.
1. Wir hatten keinen Partykeller. Als Kind fand ich das blöd, weil eigentlich jeder im Dorf einen hatte.
2. Einmal wurde mein Bruder in einer Schubkarre nach Hause gefahren - Alkoholvergiftung. Er hatte mit Freunden in einem Partykeller gefeiert.
3. Im Haus meines Onkels war "Partykeller" nur ein anderes Wort für Abstellkammer. Denn eigentlich konnte man den Raum vor lauter Zeug wie Wäscheständer, Bierkisten und Motorradteilen nicht betreten.
Heute kenne ich niemanden mehr, der einen Partykeller hat. Andererseits muss das nichts heißen, denn ich habe auch keinen Bekannten, der in der Stadtverwaltung arbeitet. Aber ich weiß, dass es jemanden geben muss, der diesen Job macht. Denn neulich habe ich einen Brief bekommen, in dem ich darüber informiert wurde, dass die Gebühren für die Müllentsorgung steigen. Unterzeichnet war dieser Brief mit "Ihre Stadtverwaltung".
Es gibt heute in Großstädten Kneipen, die "Lounge" heißen und aussehen wie das eigene Wohnzimmer. Gibt es dann wirklich noch Menschen, die das eigene Wohnzimmer verlassen, um sich im Keller eine Bar einzurichten, die so aussieht, wie sie sich Kneipen in großen Städten vorstellen?
Gibt es.
Das kann man mit wenigen Klicks dem Internet entnehmen. So erfreut sich ein Tresenbausatz namens "London" derzeit großer Beliebtheit. Man kann das in diversen Partykeller-Foren nachlesen. Das Modell aus dunklem Holz kostet 12.500 Euro. Sein Design ahmt eine englische Kneipe im viktorianischen Stil nach.
Maritim mit Fischernetz, Western-Stil mit Holzindianer
In einem der Foren empfiehlt eine Frau namens Katharina dagegen den "maritimen Stil" zur Partykellereinrichtung. Also mit "Fischernetz an der Decke und einer alten Seefahrerschatztruhe mit Sand und Muscheln drin", schreibt die Hobby-Inneneinrichterin. Die Wände solle man passend dazu blau-weiß streichen und die Ecken "mit Minileuchttürmen für Teelichter" ausstatten. Die Nordsee-Variante könnte man sagen. "Herr Cheesy" aus einem anderen Forum ist auch ein Liebhaber des maritimen Stils, mag's aber eher karibisch. Er empfiehlt: "Auf der halben Höhe der Wände Bambusmatten anbringen." Und: "Eventuell eine Sonne in eine Ecke malen, eine künstliche Palme davor stellen und mit indirektem Licht beleuchten." Dazu solle man einen Sonnenschirm in eine Ecke stellen und Muscheln an den Wänden anbringen.
Doch ist der eigene Feierraum im Untergrund heute eher Kür, galt er noch bis in die Siebziger hinein als Statussymbol, das man hegte und pflegte. Wer einen Partykeller hatte, lud gern und oft Freunde ein. Einfach nur, um zu zeigen, dass man sich einen Raum im Haus leisten konnte, der ausschließlich dem Vergnügen diente - auch wenn dieser lediglich im Keller war. Mit anderen Worten: Der Wirtschaftswunderwohlstand wurde schamlos ausgestellt. Weswegen auch ein Hauch von weiter Welt in den muffigen Keller ziehen sollte. So waren etwa Fototapeten von Stränden und Metropolen bei Nacht fast schon ein Muss.
Der unglaublichste Partykeller, in dem ich je war, gehörte Bekannten meiner Eltern. Sie hatten ihn im Western-Stil eingerichtet beziehungsweise in dem, was man damals für den Western-Stil hielt. An der getäfelten Wand hingen hölzerne Kutschräder und Vorderladerimitate. Es wimmelte von toten Tieren, die ausgestopft in jeder Ecke hingen. Vor der Kellertür begrüßte den Gast ein lebensgroßer Holzindianer.
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