Über einestages

1974-2010

WDR-Kultsendung "Tschüß Ü-Wagen!"


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Tschüß Ü-Wagen: 1974 nahm der Westdeutsche Rundfunk die Show "Hallo Ü-Wagen" ins Programm - nach 36 Jahren Sendezeit, ungefähr 1800 Sendungen und einer halben Million ausgestrahlten Sendeminuten ist am 18. Dezember 2010 Schluss. Die Begründung des Kölner Senders: Die Hörerzahlen seien rückläufig. Überdies sei die Radio-Übertragung nicht mehr zeitgemäß.

Nach 36 Jahren schafft der Westdeutsche Rundfunk seinen Klassiker "Hallo Ü-Wagen" ab. Autor Ulrich Noller begann als Student bei dem legendären Mitmachradio im Pott. Auf einestages erinnert er sich an ratternde Postmaschinen, peinliche Momente - und ein Sendungsthema, das Millionen bis heute im Gedächtnis ist.


"Ich hätte da vielleicht doch noch was für Sie", sagt der Mann vom Arbeitsamt, als ich sein Büro gerade schon verlassen will. "Ist zwar nicht Ihr Metier und auch nicht gerade gut bezahlt, aber wer weiß, sicher besser als nichts." Er macht es spannend. Ich nicke: "Ja?" "Hallo Ü-Wagen. WDR. Radio. Die suchen eine studentische Hilfskraft. Zum Bearbeiten der Hörerpost."

"Hallo Ü-Wagen"? Ich hatte nie davon gehört. Aber WDR klang gut und Hörerpost auch. Radio, Medien, Pop. Da wollte ich hin.

Anfang der neunziger Jahre: Ich studierte Germanistik in Köln. Vorher, im Allgäu, hatte ich eine Banklehre gemacht, warum auch immer. Und plötzlich arbeitete ich bei "Hallo Ü-Wagen". Genauer gesagt: Bei Carmen Thomas. In einem schmucklosen Bürogebäude in der Fußgängerzone, direkt über einer Parfümerie. Die Redaktion erreichte man durch einen Hintereingang, vorbei an Müllcontainern. Carmen Thomas hatte die Sendung erfunden und damit das Mitmachradio. Und sie war der Boss. Das fühlte man sofort, wenn man einen Raum mit ihr teilen musste. Da war kein Platz mehr für eine zweite Präsenz.

Pixie macht die Post

Bei meinem Vorstellungsgespräch war ziemlich schnell klar: Sie suchten dringend, schon länger. Und einen Bankkaufmann auf dem Hörerpost-Studijob war für diese Redaktion wie ein Sechser im Lotto. Im Studibüro herrschte Chaos, sie brauchen jemanden, der verlässlich war. Und ordentlich. Endgültig klar wurde mir das, als ich hinter einem Schrank ein paar hundert Hörerzuschriften fand, die mein Vorgänger dort platziert hatte. Unbeantwortet.

Aber wer wollte es ihm verdenken? Wegen Pixie. Pixie war schwer, hässlich, hektisch – und unfassbar laut. Pixie hieß die Maschine, mit der die Post bearbeitet wurde: Ungefähr zwei gräulich-beige Meter breit, einen Meter tief und anderthalb Meter hoch. Sie nahm fast den ganzen Raum ein, der dem studentischen Mitarbeiter als Arbeitszimmer diente, weit weg von den Redaktionsräumen, direkt bei den Toiletten. Pixie rumpelte und ratterte derartig, dass man in ihrer Nähe kaum denken konnte.

Höchstens acht Quadratmeter maß das Kabuff, eine Atmosphäre wie im Maschinenraum eines Hochseedampfers. "Ihr zukünftiger Arbeitsplatz", sagte Carmen Thomas mit weit ausholender Handbewegung, als vermache sie einem Königssohn sein eigenes Reich. Dann begann sie mit länglichen Ausführungen über die Bedeutung der Hörerpost.

Eine Sendung wie eine schrullige Tante

Zwei Wochen später hatte ich mich neben den Toiletten schon gut eingewöhnt. Mit Pop und Glamour hatte diese Art von Mediengestaltung zwar überhaupt nichts zu tun. Dafür waren die Kolleginnen nett, genau wie die Bezahlung. Sehr schön auch: Die Lage in der Innenstadt, die es erlaubte, jeden Tag mit netten Hospitantinnen zum Shoppen zu gehen. Oder ins Cafe. Oder in die WDR-Kantine.

In der Zeit wurde mir bewusst, dass ich anscheinend der einzige in NRW war, der "Hallo Ü-Wagen" nicht kannte. Wann immer ich davon erzählte, dass ich dort arbeiten würde, waren die Reaktionen ähnlich: "Ja klar, Mann. Ich bin in Bottrop groß geworden. Klassiker. Hat meine Mutter immer beim Bügeln gehört, jeden Donnerstag. Und in den Ferien wir mit." Niemand sagte je etwas Böses oder Negatives. Die Sendung, für die ich arbeitete, gehörte zur Familie wie eine alte Tante. Zwar etwas schrullig, aber ganz beliebt und immer da.

Wie wichtig der Ü-Wagen war, wurde mir beim 20-jährigen Jubiläum 1994 klar. Im Tanzbrunnen-Restaurant hatten sich neben allerlei B- und C-Prominenz auch Rita Süßmuth und Landesvater Johannes Rau eingefunden. Die beiden "guten Menschen" der Zeit. Und zwar nicht, weil es eine Pflicht gewesen wäre, sondern aus Verbundenheit. Das sagten sie und das merkte man ihnen auch an. Diese großen Köpfe feierten tatsächlich den Geburtstag dieser Sendung. Ich studierte ja nebenbei auch und hatte jetzt schon lernen dürfen, wie man so etwas nennt: einen Mythos.

Den Kollegen war das zu verspielt, zu laienhaft

Wobei: Ein bisschen peinlich war es auch. Dann zumindest, wenn man Medienglamour suchte, so wie es bei mir und bei fast allen anderen in meinem Alter der Fall war. Wenn "die Violetta" im Einsatz war, so hieß der damalige Ü-Wagen, mittlerweile steht er im Haus der Geschichte. Und wenn dann diese in den Augen eines Mittzwanzigers leicht altbackenen Moderationen zu den leicht uncoolen Themen ertönten.

Im WDR rümpften sie ja auch die Nase, wenn es um die Mitmachsendungen ging. Und das war wohl auch der Kampf, den die Redaktion zu fechten hatte: den um Anerkennung im eigenen Haus. Den Kollegen war das zu verspielt, zu laienhaft. Genau dies war andererseits natürlich genau das Ziel, das Carmen Thomas mit ihren Mitmachsendungen verfolgte: Die Schwellenangst zu nehmen und die Einstiegshürde so herunterzufahren, dass tatsächlich jeder mitreden konnte.

Als Pixie-Student war ich bei redaktionellen Prozessen eigentlich nicht erwünscht; ich musste im System bloß funktionieren. Einmal wagte ich die Frage, ob ich auch mal ein Sende-Manuskript schreiben dürfe, was in der Redaktion für peinliches Schweigen sorgte.

Hämorrhoiden und ein ganz besonderer Saft

Mir kam das Team in schlechten Momenten vor wie eine Sekte. In guten Momenten dagegen staunte ich einfach nur: Wie beeindruckend das Konzept aufging, wie gut die Sache mit der Zweiwegekommunikation funktionierte. Keine Frage: Dieses System brachte die Leute zum Sprechen. Und zwar über die erstaunlichsten Themen. Neben den "großen" politischen Dingen wurde immer wieder auch über kleine und alltägliche Sachen diskutiert, hinter denen das Politische dann sichtbar werden sollte. Highlights in meinen ersten Monaten: Eine Sendung über die Frage der Suppenterrine. Zweieinhalb Stunden! Und eine über Hämorrhoiden, die soviel Hörerpost bewegte, dass ich fast Überstunden machen musste.

Mit meinem kleinen Studentenjob saß ich am Dreh- und Angelpunkt des Geschehens: Die Sendeorte wurden häufig von den Hörern vorgeschlagen, die Themen sowieso. Außerdem konnten die Mitmacher sich um bestimmte Rede-Positionen in der Sendung bemühen, zum Beispiel als "Einlader". In der Pixiemaschine waren diverse Schreiben eingespeichert, insgesamt vielleicht ein Dutzend. Je nach Art der Zuschrift wird dann das jeweilige Schreiben auf einer von mehreren Vorlagen ratternd und stampfend ausgedruckt. Sonderanliegen und spezielle Briefe, also alles, was interessant sein könnte, musste ich aussortieren und an die Redaktion weitergeben

Legendär ist ein Thema geworden. Lange vor meiner Zeit hatte Carmen Thomas diese eine Sendung moderiert und gestaltet, die in die Geschichte einging: "Urin – ein ganz besonderer Saft". Diese Sendung sorgte für so viel Resonanz, dass daraus das gleichnamige Buch entstand und ein Bestseller wurde. Zur Veranschaulichung ein Auszug aus der Verlagswerbung zur sechsten Auflage: "Halsschmerzen, die nach ein paar Stunden weggegurgelt sind. Hartnäckige Warzen, die für immer verschwinden. Wunden, die blitzschnell heilen. Lederschuhe, die plötzlich keine Blasen mehr verursachen." Briefe mit Erfahrungen dieser Art bekam ich – Jahre nach der Sendung – immer noch täglich auf meinen Pixie-Tisch. Es musste alles direkt zu Carmen Thomas. Sie sammelte, vermute ich, für ein weiteres Buch. Eine zeitlang begrüßte sie alle Mitarbeiter per Handschlag. Manche verschwanden direkt anschließend auf der Toilette neben meinem "Büro": Händewaschen.

So gut kann Journalismus sein

Mein Hilfskraftdasein endete nach einem Jahr, anschließend jobbte ich noch eine Weile fürs "offene Radio", dann arbeitete ich für andere Redaktionen auch beim WDR. Carmen Thomas verließ den WDR 1994, "Hallo Ü-Wagen" blieb. Nach 15 Jahren kehrte ich zurück: Ein halbes Jahr lang engagierte ich die Gäste für die eine "Hallo Ü-Wagen"-Sendung im Monat, die sich jeweils einem aktuellen Thema widmete, also kurzfristig besetzt werden musste. Von dem verschworen-verschrobenen Geist früherer Tage war nichts mehr zu spüren. Die neue Leitung setzte aufs Wesentliche. Das Ergebnis: Ein extrem engagiertes, ernsthaft arbeitendes Team, bei dem alle auf Augenhöhe kommunizieren. So gut kann Journalismus sein. Das wird dem WDR fehlen.

Und heute? Die Hospitantinnen haben sich über die Welt verstreut, in der alten WDR-Kantine ist ein Café, das Team ist immer noch supernett. Einige sind sehr wütend, dass die Sendung eingestellt wird. Ist ja auch ein Hammer, nach 36 Jahren, also ungefähr 1800 Sendungen, die eine halbe Million Sendeminuten ausgefüllt haben.

Heute, am 18. Dezember 2010, werde ich mittags am Harzheimbrunnen sein. Das ist dieser merkwürdige Penis in der Fußgängerzone, direkt vor Kaufhof. Dort findet die letzte "Hallo Ü-Wagen"-Sendung statt. Thema: "Von Aufzucht und Pflege – die Pflanze Demokratie". Anschließend gehe ich mit einer netten Mitarbeiterin einen Kaffee trinken. Oder einfach nur zum Shoppen.

Ulrich Noller, geboren 1966, ist Journalist und Autor. Zuletzt hat er zusammen mit Gök Senin den Kriminalroman "Celik und Pelzer" veröffentlicht.


Debatte

insgesamt 9 Beiträge zur Debatte
Ferdinand Philipp Keuter am 2. Januar 2011, 16:37
Diese Sendung habe ich unter der Leitung von Carmen Thomas gerne gehört, es war da sicher keine Kost für geistige Tiefflieger, habe manches dadurch besser verstanden

Linards Ticmanis am 21. Dezember 2010, 08:20
Eigentlich ist die Sendung doch schon gestorben, als sie damals, dank "Formatierung" des Radios, vom vielgehörten WDR 2 auf den "Intelligenzsender" WDR 5...


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