Über einestages

2006-2011

Ost-West-Annäherung Die Mauer im Kopf


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Sinnbild der Spaltung: Ein Rest der Vormauer, die den Berliner Invalidenfriedhof einst durchquerte. Der ehemalige Grenzverlauf, die Spree, liegt etwa fünfzig Meter dahinter. Obwohl hier nur noch ein Fragment steht, lebte der Grenzwall auch nach der Wende noch lange in den gegenseitigen Vorurteilen von "Wessis" und "Ossis" weiter.

Ausgegrenzt wurde er, als "Besserwessi" und als "Troll" beschimpft: Als Volker Altmann sich nach der Wende in einem Ostalgie-Forum anmeldete, wehte ihm ein eisiger Wind entgegen. Doch bei einem persönlichen Treffen schmolzen die Vorurteile dahin - auch seine eigenen.


Ich erinnere mich noch genau an ein ganz besonderes Weihnachtsfest Mitte der Sechziger: Ich war gerade mal zehn Jahre alt und bekam zum Fest mein erstes eigenes, kleines Radio geschenkt. Sofort begann ich, im Rauschen des Äthers nach Sendern zu suchen. Plötzlich hörte ich eine Frau sagen: „Hier ist die Stimme der DDR.“ Dann fing die "Stimme der DDR" an, Planzahlen zu verkünden und von LPGs zu berichten. Alles, was sie sagte, klang fremd und exotisch für mich. Ich wusste, dass Deutschland ein geteiltes Land ist, dass man nicht so einfach sagen konnte: „Ich fahr mal nach drüben“. Denn "drüben", das war die DDR. Drüben war alles anders, drüben erschoss man Menschen die unerlaubt das Land verlassen wollten. Drüben gab es keine Freiheit, war alles grau, mochte man uns Westler nicht - so stellte ich es mir jedenfalls vor. Verwandtschaft musste man damals in der DDR haben, wollte man diesem anderen Deutschland einen Besuch abstatten.

Während einer Klassenreise nach Fulda stand ich das erste Mal vor einem DDR-Grenzzaun. Der gigantische militärische Aufwand dieser Grenze, die so ganz anders war als die mir bekannte Grenze nach Österreich etwa, machte mir klar, wie sehr sich unser Leben unterschied. Hier und drüben. Aber auf die andere Seite der Mauer ging es auf dieser Reise noch nicht.

Erst Jahre später, im Verlauf meines Zivildienstes beim DRK, kam es zu meiner ersten Begegnung mit Menschen von "drüben" - Sanitätern aus der DDR. Am Grenzübergang Herleshausen übernahmen wir mit unserem Krankenwagen einen Westdeutschen, der während eines Ostbesuchs erkrankt war. Mein Kollege und ich freuten uns schon darauf, ein paar Worte mit den Kollegen aus der DDR wechseln zu können, die, nach Erledigung etlicher Formalitäten unsererseits, mit ihrem Krankenwagen angefahren kamen. Doch die fertigten uns unterkühlt mit nur wenigen kurzen, für die Übergabe unbedingt notwendigen Sätzen ab. Ich dachte mir damals: Kann man mit einem Lächeln oder einer freundlichen Bemerkung etwa den Sozialismus verraten?

Scheinbar schon – denn auch bei einem späteren Besuch Ostberlins, verbunden mit einem Kurztrip nach Köpenick, reagierten sehr viele Menschen moralinsauer, wenn ich versuchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Mit wenigen Ausnahmen begegnete man mir eisig und verschlossen - ob in dem kleinen Park in Köpenick, am Funkturm, in der S-Bahn oder der Gaststätte am Alex. Sicher: Ein wenig mag das auch am Großstadtleben gelegen haben, schließlich galt der Berliner westlicher Prägung damals auch nicht gerade als Prototyp des herzlichen Menschen. Und doch - nur selten habe ich mich so fremd gefühlt wie in Deutschland Ost zu dieser Zeit.

Als Besserwessi im Ostalgie-Forum

Oft gab es bei Unterhaltungssendungen im Fernsehen eine Begrüßung der Zuschauer-Ost. Hans-Joachim Kulenkampff setzte sich dabei über alle Konventionen hinweg: Im offiziellen Sprachgebrauch nannte man die DDR noch "Ost-Zone". Kuli hingegen, freigeistig wie er war, begrüßte als erster Moderator die "lieben Fernsehfreunde in der DDR".

Nach der Wende jedoch wurden die „Schwestern und Brüder im anderen Teil Deutschlands“ von den Altbundesbürgern sehr schnell mit der griffigeren Bezeichnung "Ossi" versehen. Alles spricht sächsisch, ist das Arbeiten nicht gewohnt und – weitaus schlimmer - war bei der Stasi.

Über ein Internetforum habe ich mich dann eines Tages eingeloggt in die Welt der „Ostalgiker“. Das Gejammere meiner Mit-Westbürger, die schalen Witze über die Bewohner der neuen Länder, die Sprüche von „Mauer wieder aufbauen, aber fünf Meter höher“ nervten mich. Ich wollte wissen, wie denn die Neubürger so denken, ob auch bei ihnen die Vorurteile stärker sind als die Freude über die Wiedervereinigung. Als einzigem Wessi im Kreis von lauter Ex-DDR Bürgern schlug mir zunächst heftiges Misstrauen entgegen.

In den Augen der meisten User war ich ein Besserwessi, der sich eingeschlichen hatte, um seinen Spott über die Zustände in der DDR abzulassen. Für einen "Troll" hielt man mich – jemanden, der nur Unruhe im Forum verbreiten will. Nachfragen aus ehrlichem Interesse wurden als Provokation abgetan, kritische Bemerkungen zum Osten als Arroganz. Während sich die Ostalgiker ihrerseits überhaupt nicht scheuten, ihrem Verdruss über die Wessis und die Zustände in der BRD freien Lauf zu lassen. Bei mancher Kritik konnte ich zustimmen und erntete dafür auch dankbare Worte – um so heftiger wehte mir der Wind entgegen, wenn ich die falschen Fragen zum Thema DDR stellte.

Aus "Ossis" und "Wessis" wurden Freunde

Einer Legende gleich, wurde über die Solidarität zu DDR-Zeiten geschwärmt, gleichermaßen die soziale Kälte bedauert, die mit der Wende Einzug gehalten habe. Solidarität gab es nicht in der BRD, so zumindest lautete die allgemeine Ansicht. Dass in der BRD sehr wohl nachbarschaftliches Miteinander bekannt war, dass Freunde und Kollegen zur Stelle waren, wenn sie gebraucht wurden – das wurde als Märchen abgetan. Erst über die Jahre hinweg, hat sich aus diesem Forum heraus ein Freundeskreis gebildet. Und der trifft sich seit 2006 nicht mehr nur virtuell, sondern auch von Angesicht zu Angesicht.

Ab dem Moment, in dem wir uns persönlich gegenübersaßen, taute die Atmosphäre auf: Zum Beispiel wurden Nachfragen meinerseits, ob die Solidarität in der DDR nicht aus der Not geboren war und sich mit dem Erblühen von Supermärkten, wo jeder alles kaufen kann, auf ein normales Maß reduziert hat - nun nicht mehr als Ketzerei betrachtet. An Stelle von Ossis und Wessis traten Freunde, im persönlichen Gespräch wurden Vorurteile abgebaut, war man bereit, miteinander offen zu reden, wurde wechselseitig nicht mehr jede kritische Frage als Beleidigung aufgefasst. Anders als in einem Internetforum - wo Mimik, Gestik und der Tonfall fehlen, war es nun möglich, den eigenen Worten ein wenig von ihrer Schärfe zu nehmen.

2011 werden es fünf Jahre seit der ersten Begegnung. Das fünfte Jahr, in dem wir uns gegenseitig unsere Heimat zeigen und voneinander lernen - und das fünfte Jahr, in dem mit meiner Partnerin der "Westanteil" in der Forumsrunde verdoppelt wurde. Mittlerweile werden in der Runde auch unangenehme Fragen ganz offen diskutiert - etwa, wer bei der Stasi oder in der Partei war.

Interessant ist es immer wieder zu hören, was meine Freunde aus dem Osten Deutschlands sich im Westen ganz anders vorgestellt hatten. Man war zum Beispiel erstaunt, dass hier vieles alt und reparaturbedürftig wirkte – nicht zuletzt unsere Straßen. Und man gewann die Einsicht, dass Soligeld keine Einbahnstraße auf Dauer sein darf. Viele solcher neuen Erkenntnisse wurden über die Jahre in unserem Kreis gewonnen - die Vorstellungen unserer Freunde aus dem Osten veränderten sich, und ich und meine Freundín lernten unsererseits den Osten ganz anders kennen, als wir ihn uns vorgestellt hatten. Vor allem Reisen in den einst unbekannten Westen oder Osten ließen uns offen werden füreinander, ließen so manchen dummen Spruch in Vergessenheit geraten, weil wir dazu gelernt hatten. Und uns nicht mehr hinter Stammtischparolen versteckten.




Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Siegfried Wittenburg am 21. März 2011, 13:48
Schade, dass dieses Thema eine so geringe Resonanz findet. Ich habe den Beitrag erst sehr spät entdeckt.

Vor der Mission von Volker Altmann habe ich große...


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