Über einestages

1990

Vom Mythos illegaler Clubs Party im Nirgendwo


zurück vor 1  /  9
Großbildansicht
iHeartBerlin.de
zurück vor
Charme des Zerfalls: Dass sich der "Salon zur Wilden Renate" in einem alten Abrisshaus befindet, ist an allen Ecken zu sehen. Es ist genau dieser Charme, den Stammgäste und Betreiber schätzen.

Durch dunkle Kellerlöcher und über Schutthalden: Nur Eingeweihte fanden in den Neunzigern den Weg zu den heißesten Partys in Berlin. Feiern ohne Vorschrift, rund um die Uhr - mancher illegale Club überlebte nur wenige Nächte. Von Alexander Buchholtz


Berlin nach der Wende. Kulturelle Veranstaltungen aller Art schossen wie Pilze aus dem Boden, der jede Idee sprießen ließ, die neu, innovativ und irgendwie ein bisschen wahnsinnig war. Neben der paradiesischen Immobiliensituation trug dazu vor allem die Bevölkerungsentwicklung bei. Während in den ersten 15 Jahren nach dem Mauerfall rund 1,6 Millionen Menschen die Stadt verließen, zogen etwa 1,7 Millionen andere zu. Vor allem junge: Musiker, Künstler und jede Menge Studenten - eine kreative Bohème, die sich mit voller Wucht entfalten wollte.

Berlin hatte schon immer Anziehungskraft besessen, aber jetzt galt es, sich diesen riesigen Streifen Niemandsland quer durch die Stadt zu erschließen. Bevor alles verkauft und aufgeteilt werden konnte. Die neue Clubkultur wanderte schnell - heute hier, morgen dort. Abgelegenes leerstehendes Gebäude, Eigentümer unbekannt? Hier wird gefeiert! Und so kletterten zu nächtlicher Stunde die eingeweihten Gäste über Schutthalden, tasteten sich an Wänden durch lange von Kerzen dürftig beleuchtete Gänge oder stiegen durch Kellerlöcher - bis sie ins Heiligtum vorgedrungen waren - in einen alten U-Bahnschacht oder einen verrotteten Tresorraum zum Beispiel ... Die abenteuerliche Anreise erhöhte die Vorfreude auf den bevorstehenden Abend.

Drinnen war alles provisorisch: Strom, ein bisschen Equipment, Boxen, Plattenspieler, Mischpult und ein paar Kisten Getränke reichten für den Anfang. Die Macher scherten sich nicht um Bebauungspläne oder Vorschriften. Die vorgeschriebene Anzahl von Notausgängen, ordentliche Lüftung, ausreichende Toiletten oder GEMA-Gebühren kannten sie höchstens vom Hörensagen.
Wenn die Veranstaltung ohne unvorhergesehene Zwischenfälle oder Entdeckung durch die Polizei verlaufen war, professionalisierte sich alles rasch, vor allem Bar und Technik verloren schnell ihren vorübergehenden Charakter.

Exklusiv und geheimnisvoll

Nicht jedermann hatte Zutritt. Die Veranstalter, so hieß es, hatten immer "nur ein paar netten Bekannten" Bescheid gesagt, die dann wiederum Freunde mitbrachten.
Und so sollte es auch bleiben - manche Gastgeber dachte sich so einiges aus, um sicherzustellen, dass sich auf den Tanzflächen nur angenehmes Publikum tummelte: Für die Tanzwilligen öffneten sich die Pforten zu den Veranstaltungen, die für die Öffentlichkeit verborgen blieben, nur, wenn sie sich vorher per Mail angemeldet hatten, wenn sie das Codewort kannten oder einen Bürgen vorweisen konnten. Wer drin war, der gehörte zu den "richtigen Leuten".

Die Orte selbst bestachen durch ihren ganz individuellen Charme. Das Partyvolk feierte gern in denkwürdigen Kellern oder Kuppeln, Hallen oder Häusern, besonders wenn diese auch noch eine skurrile Geschichte hatten. Wie die inzwischen abgerissene Stahlkammer im ehemaligen Wertheim-Gebäude etwa, der "Tresor". Die Legende der Techno-Gemeinde ist aus illegalen Clubs hervorgegangen. Heute beherbergt die Firma gleichen Namens ein Label, ein DJ-Kollektiv und verfügt seit Ende Mai 2007 über einen neuen spektakulären Veranstaltungsraum, ein ehemaliges Kraftwerk.

Mancher Veranstalter war bemüht, den Räumlichkeiten eine eigene Note zu verleihen, indem er Kunstwerke ausstellte, mit Licht experimentierte oder auf Dutzenden Bildschirmen unanständige Filme flimmern ließ. Das improvisierte und minimalistische Interieur passte gut zur Musik; neben Electro dominierte Minimal Techno die Plattenteller. Mit ihrer unangepassten Mode trugen die Tänzer bereits die Trends von übermorgen. Man sah weit und breit garantiert niemanden im rosa Polohemd oder in einer der bekannten Edelmarken. Die Clubbesucher legten Wert auf Individualität, auf abgedrehte Experimente und bizarre Kombinationen; viele sahen damit auffallend gut aus. Oder bedenklich wach. Meistens beides.

Abenteuer-Spielplatz für Kreative

Das Zauberwort war "illegal". Dabei ist mit dem Begriff eigentlich weniger das Gegenteil von "legal" gemeint als vielmehr ein Lebensgefühl. Ein Gefühl, das von verrückten Orten erzählte und von Momenten, in denen sich Kunst, Musik und Mode wie selbstverständlich verbrüderte. Clubs fungierten als Spielwiese für all das, was es woanders (noch) nicht gab. Und alle, die dabei waren, fühlten sich als Pioniere, vereint durch das Gefühl, Teil der Avantgarde zu sein.

Etliche Clubs verschwanden schnell wieder von der Bildfläche. Im Internet gibt es eine lange Liste Berliner Clubs, die das Zeitliche gesegnet haben. Oder aber sie wurden zur legalen Einrichtung: Bekannte Clubs wie "Cookies", "Picknick", "Rio", "Rodeo" oder "Tape" versprühten ihren Underground-Charme, bevor sie sich entschlossen, die Spielregeln der Behörden zu akzeptieren. Und damit hatten sie ihre beste Zeit hinter sich. Touristen und Vorstädter strömten herbei. Und wenn dann jemand aus Hannover, Halle oder Heilbronn feststellte: "So 'was würde es bei uns nicht geben", dann war's wirklich vorbei. Die Insider hatten sich längst aus dem Staub gemacht.

Heute, 2008, gibt es kaum noch Clubs, die sich in der rechtlichen Grauzone bewegen. Zuletzt schlossen jüngst auch die "Villa" und die "wilde Renate", wenn auch - so ist zu hören - nur vorläufig. Die Blütezeit der illegalen Clubs ist vorüber. Aber ist nun wirklich Schluss mit dem gelebten Traum von Anarchie? Ist dieses Berlin einfach erwachsen geworden und sein Spieltrieb verkümmert? Mitnichten. Einfallsreiche Köpfe, die sich außerhalb der ausgetretenen Party-Pfade bewegen wollen, gibt es immer noch. Sie pflegen ihre Partys nur kaum noch in Kellern oder ungenutzten Häusern.

Per SMS oder Mail kommt die Info, wann und wo es losgeht. Dann treffen sich die Feierwütigen in Parks, unter oder auf Brücken, in Vorräumen von Sparkassenfilialen, in Waschsalons, auf Hinterhöfen oder in Fußgängerunterführungen. Es wird ausgelassen gefeiert - wie eh und je. Bis die Polizei kommt und dem Treiben ein jähes, aber freundliches Ende setzt.


Debatte

Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Verwandte Artikel

Jugendkultur: Bei den Sklaven des Spaßes

Pralle Beats, schöne Körper, grenzenloser Spaß: Die Love...

Love Parade: Maskenball der Massen

Sie begann als kleiner Umzug von Techno-Fans und entwickelte...

Feiern wie früher: Sex, Swing, Smoking

Party auf Teufel komm raus: Das Berliner Nachtleben der...


Artikel bewerten

3,0 (733 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...


Mehr im Internet




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht