Über einestages

1994

Hausbesuch beim a-ha-Sänger "Plötzlich verschwand Morten im Motorraum"


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Der Posterboy: Zu Tausenden schmachteten Teenager dem Sänger der Pop-Band a-ha nach. Es waren vor allem Mädchen, die ihm verfielen - und Steve Blame. "Er war der ultimative Metrosexuelle, lange bevor das Wort überhaupt existierte: Ein durch und durch Heterosexueller, der allein deshalb schwul wirkt, weil er sehr viel Wert auf sein Äußeres legte", sagt er.

Als Moderator von MTV traf Steve Blame in den neunziger Jahren die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich ab sofort jeden Monat an die besten Begegnungen. In Folge eins: Wie Blames Jugendschwarm Morten Harket von a-ha zu seinem ganz privaten Automechaniker wurde.


Als der vor Schweiß glitzernde Körper von a-ha-Sänger Morten Harket durch die Scheibe barst, reagierte ich, wie jedes Teenager-Mädchen auch reagiert hätte: Mit Begierde. Allerdings war ich kein Mädchen, sondern ein 25-jähriger Mann. Und mit meiner Faszination für seinen Auftritt im Video von "Take on me" stand ich in meiner Altersgruppe ziemlich alleine da. Niemand, aber auch wirklich niemand aus meinem männlichen Umfeld erwärmte sich für den Sänger mit der zwei Oktaven fassenden Singstimme.

In den frühen Achtzigern gab es kaum etwas Uncooleres, als a-ha zu mögen. Später änderte sich das, als das Album "Stay on these Roads" erschien. Aber davor war es undenkbar. Ich aber mochte ihren ungetrübten, naiven Pop. Und Morten wurde meine heimliche Phantasie-Liebschaft. Ich kaufte mir die a-ha-Alben und hörte sie, wenn niemand bei mir war und dachte dabei an ihn. Ich hätte nie gedacht, dass er mal mein Auto reparieren würde.

In Fleisch und Blut traf ich ihn zum ersten Mal 1988. In der Steve Blame-Show auf MTV musste er mir eine halbe Stunde Rede und Antwort stehen. Morten war charmant und sehr charismatisch. Er war der ultimative Metrosexuelle, lange bevor das Wort überhaupt existierte: Ein durch und durch Heterosexueller, der allein deshalb schwul wirkt, weil er sehr viel Wert auf sein Äußeres legte. Morten wusste genau, wie er auf die Scharen seiner Anhängerinnen wirkte. Und an jenem Tag merkte er auch genau, was für einen Effekt er auf mich hatte.

Einladung vom Superstar

In den darauffolgenden Jahren interviewte ich ihn noch zwei Mal. Einmal zusammen mit seiner Band im Studio, und dann noch bei einem Termin im Museum für Moderne Kunst in Oslo. Ich war inzwischen älter und weiser geworden, aber ich schwärmte immer noch für ihn.

Jahre später, es war 1994, rief Morten überraschend in der Redaktion von MTV an. Er wollte wissen; ob ich am nächsten Tag schon etwas vorhätte oder ob ich ihn nicht zuhause besuchen könnte.

"Nein, nein, ich hab gar nicht vor!" antwortete ich.

In Wahrheit war mein Terminkalender für den nächsten Tag randvoll. Außerdem sollte ich die MTV News moderieren. Doch mein Boss Fiona zeigte Verständnis - sie hatte als Teenager auch nach Morten geschmachtet.

Am nächsten Morgen stieg ich in meinen Fiat Panda und machte mich auf in den Süden Londons, wo Morten zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern in einem alten Herrenhaus wohnte. Noch während ich mein Auto vor dem Haus parkte, kam er hinaus und begrüßte mich. Er war sehr offen und freundlich und versprühte privat genau das gleiche Charisma wie vor der Kamera. Mir fiel sofort auf, dass er ein sehr reflektierter Mensch ist, der sich viele Gedanken macht, auch um seine Mitmenschen. Und er war genauso attraktiv wie eh und je.

Morten im Motorraum

Er bat mich in ein Zimmer, das vermutlich sein persönlicher Rückzugsraum im Haus war. Er griff sich eine Gitarre und stimmte ein Medley seiner größten Hits an, beginnend mit "Take on Me". Er sang. Er tanzte. Ich liebte es. Mein eigenes, privates Konzert! Seine Stimme war makellos, der Gesang engelsgleich. Und doch war es ganz anders als das, was ich mir in den Achtzigern wieder und wieder erträumt hatte. Es hatte einen Grund, dass er mich eingeladen hatte. Und der war nicht die persönliche Vorführung des "Take On Me"-Videos. Mit "Wild Seed", seinem neuen Album, wollte er als Sänger eine neue Richtung einschlagen. Er wollte erwachsen werden. Und von mir wollte er meine Meinung dazu hören.

Ich hatte das Gefühl, dass er - genau wie ich in gewisser Hinsicht - in der Vergangenheit gefangen war. Die Songs seines neuen Albums, die er mir vorspielte, ließen daran keinen Zweifel. Er wollte seinem Leben mehr Sinn geben. Er wollte als Musiker ernst genommen werden und als Songwriter. Man merkte, wie wichtig ihm die Songs und ihre Botschaft waren. Mir gefiel, was ich hörte.

Am Abend gingen wir gemeinsam Essen, mit Mortens Familie und seinem Manager. Als ich danach aufbrechen wollte, sprang mein Auto nicht mehr an. Wieder und wieder drehte ich den Zündschlüssel im Schloss, aber aus dem Motorraum hörte ich nur seltsame, metallische Geräusche. Morten kam herüber und sagte, ich solle aufhören, weil der Motor sonst absaufen würde, aber es war schon zu spät.

Von der Lichtgestalt vom echten Retter

Morten bat mich, die Motorhaube zu öffnen. Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wie das ging. Fünf Jahre besaß ich diesen Wagen schon, hatte aber noch nie unter die Motorhaube geguckt. Ich hatte noch nie das Öl gewechselt oder das Scheibenwaschwasser nachgefüllt. Ich kannte noch nicht einmal das Kennzeichen des Wagens. Das einzige, was ich über das Auto wusste, war, dass es schwarz war. Zum Glück war Morten da. Ich wusste, er würde mich retten. Und so war es auch. Er beugte sich ins Auto und betätigte den Motorhaubenzug.

Sekunden später steckte er bis zur Hüfte im Motorraum, die Hände ölverschmiert. In seiner Augenbraue glitzerte der Schweiß, genau wie damals, als ich ihn zum ersten Mal im Video von "Take on Me" gesehen hatte.

"Er sollte jetzt anspringen", sagte Morten.

Ich drehte den Schlüssel im Schloss und der Wagen sprang sofort an. Ich bedankte mich. Er ließ die Haube ins Schloss fallen und winkte mir zum Abschied. Ich fuhr davon und in meinem Kopf hallte der Song "The Sun Always shines on TV" nach.

Erbitterter Streit beim Abendessen

Mortens Solo Album erschien ein Jahr später. Ich arbeitete da schon nicht mehr bei MTV, sondern bei VIVA 2. Wir featureten ihn in einer unserer Shows, "Geschmackssache", aber es half nichts, sein Album floppte. Offensichtlich wollte sein Publikum den neuen Morten nicht, sie wollten den Morten, den sie von früher kannten. Ich auch. Er ist wirklich ein Ausnahmesänger, ein großartiger Künstler und a-ha ist eine irgendwie magische Band. Für mich gibt es gewisse Ähnlichkeiten mit dem, was Robbie Williams erlebt hat. Du magst allen beweisen wollen, dass Du wirklich singen, richtige Songs schreiben und auf der Bühne performen kannst. Aber es kann eben sein, dass das niemand sehen will, sondern dass den Leuten deine Begabung vollkommen ausreicht.

Ein paar Wochen später war ich mit Bob Geldof, seiner Frau Paula Yates und einer guten Freundin von mir abends aus. Während des Essens sagte Bob, dass seine Benefiz-Konzertreihe "Live Aid" seine Musikerkarriere ruiniert hätte. Ich entgegnete ihm, dass seine Karriere schon lange vor "Live Aid" vorbei war und dass er sie nur damit hatte wiederbeleben können, wenn auch nur vorübergehend. Danach wurde aus dem gemütlichen Dinner ein erbittertes Streitgespräch. Als die Rechnung kam, zückte Bob seine Kreditkarte. Ich zog ebenfalls meine Kreditkarte und untersagte ihm, die Rechnung zu zahlen. Damit, so sagte Bob, hätte ich endgültig bewiesen, dass ich ein arroganter Angeber sei, der garantiert einen Porsche fuhr.

Meine Freundin Emma sprang mir bei. Sie sagte, dass ich einen fünf Jahre alten Fiat Panda fahren würde, der vor der Tür stehe, wenn er sich davon überzeugen wolle.

Ich wandte mich an Bob und sagte: "Und Morten Harket ist mein Mechaniker".

Steve Blame war von 1987 bis 1994 Redakteur und Moderator bei MTV News - und traf in dieser Zeit die Stars dieser Welt: von Morten Harket bis Madonna, vom Dalai Lama bis zu Michail Gorbatschow. Auf einestages erinnert er sich an die besten Begegnungen - ab sofort immer am ersten Sonntag des Monats.


Zum Weiterlesen:


Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.
Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


Debatte

insgesamt 3 Beiträge zur Debatte
Fiu Tare am 3. Juli 2011, 13:43
Steve Blame irrt, wenn er sagt, dass es "uncool" war, in den 80ern a-ha zu mögen. Ich war ein großer Fan von a-ha und bin es heute noch. Und davon gab es viele,...

Johanna Paul am 14. März 2011, 22:50
Die musik von a-ha war niemand naive.
Sie war von anfang an genial, aber Steve Blame war vielleicht mehr an anderen aspekten interessiert.



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