| Transportexperten: Ein Mann bringt sein Care-Paket nach Hause. Besonders während der Blockade von Berlin wurden die braunen Päckchen dringend in der eingeschlossenen Stadt benötigt. Daher wurde der Transportexperten Generalleutnant William H. Tunner mit der logistischen Planung der Luftbrücke beauftragt. Tunner ließ das Unmögliche Realität werden, er perfektionierte die Luftbrücke soweit, dass die täglich benötigten 3475 Tonnen Kohle und Lebensmittel Berlin erreichten. |
Erst war die Verzweiflung groß - und dann die Freude. Aus dem hungernden Nachkriegsdeutschland schickte eine Berliner Mutter 1947 einen Hilferuf an eine zufällige Adresse in den USA. Ein paar Wochen später stand ein Paket vor der Tür. Von Sandra Bulling
Manfred Kranz ist gehörlos. Doch er nahm die Flieger sofort wahr, wenn sie über Berlin knatterten. "Wenn wir bei Kerzen- oder Petroleumlicht auf die Fluggeräusche der Rosinenbomber warteten, spürte Manfred das Nahen des Flugzeuges mit seinen Händen auf der Tischkante. Lange bevor wir es hörten", erinnert sich Renate Kranz. Die heute 68-jährige Berlinern war acht Jahre alt, als die Sowjets im Frühjahr 1948 den britischen, amerikanischen und französischen Sektor der Stadt von allen Versorgungsadern abtrennten. Für Familie Kranz war es eine ergreifende Zeit - nach den schrecklichen Jahren des Krieges wurde die Hoffnung auf Frieden wieder zerstört.
"Unsere Eltern hatten bei einem Feuer im November 1943 Hab und Gut verloren. Wir hausten danach notdürftig in einem Raum bei den Eltern meines Vaters in Tempelhof", erzählt Renate Kranz. "Im Winter waren es in mancher Nacht minus 9 Grad. Wir konnten uns nur mit heißen Ziegelsteinen in den Betten wärmen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Berlinern kamen wir durch." Und das verdankt Familie Kranz einem Amerikaner: Richard N. Hoerner.
Hilferufe nach Iowa
Gertrud Kranz, die Mutter von Renate und Manfred und Frau eines schwer kriegsverletzten Mannes, bastelte Spielzeug in Heimarbeit, um etwas Geld für die Familie zu verdienen. Im Jahr 1947 suchte sie in einer Lagerhalle Materialien und fand dort braune Pappkartons mit der Adresse einer amerikanischen Firma. In ihrer Verzweiflung über die Lebensumstände kam ihr eine Idee. Sie formulierte einen Brief, ließ ihn von einer Freundin ins Englische übersetzt mit der Schreibmaschine abtippen und schickte ihn an den Firmeninhaber Richard N. Hoerner in Keokuk, Iowa. Es war ein Hilferuf.
"Sie können sich vorstellen, wie wir staunten, als Monate später eine Antwort kam", meint Tochter Renate. Am 8. August 1947 erhielt Familie Kranz Post von Richard Hoerner. Er ließ sie wissen, dass viele Amerikaner mit den Bewohnern des Nachkriegsdeutschlands mitfühlten: "Es ist geradezu beschämend, dass viele von uns hier drüben so viel essen können und dass viele von Ihnen nicht so viel essen können, wie sie sollten, besonders Sie selbst, die sie Kinder haben", schrieb Hoerner.
Der Unternehmer wandte sich an Care, jene private Organisation, die zu dieser Zeit Hilfspakete nach Europa verschiffte und dort verteilte. Bereits zwei Monate später bestätigte Gertrud Kranz per Brief den Erhalt mehrerer Pakete: "Das hoffnungsvolle Warten wurde so reichlich belohnt und Sie können sich wohl vorstellen, wie die dankbaren Kinderherzen höher schlugen, als die Pakete geöffnet wurden." Hoerner schickte weitere Pakete.
Und er war nicht der einzige. Tausende Amerikaner kauften die braunen Kartons zu je 15 Dollar das Stück, die jeweils zwei Kilogramm Fleisch, eineinhalb Kilo Fett, je ein Kilo Mehl, Reis und Zucker, je ein Pfund Honig, Marmelade und Rosinen, ein Kilo Kaffee und Vollmilchpulver, ein Pfund Schokolade, ein halbes Pfund Eipulver und vier Stück Seife enthielten. Von Care ließen sie die Pakete zu Angehörigen und Bekannten bringen oder über die Kirche und Wohlfahrtsverbände an besonders Bedürftige verteilen.
Alle Zufahrtswege blockiert
Als sich im Frühjahr 1948 die Spannungen zwischen der Sowjetunion und den Westmächten intensivierten und die unterschiedlichen Pläne zum Aufbau Deutschlands nicht mehr zu vereinbaren waren, entschied sich Stalin zu drastischen Maßnahmen. Sein Plan: Eine Blockade Berlins sollte die westlichen Alliierten zwingen, sich zurückzuziehen. Doch er hatte die Rechnung ohne die amerikanischen Generäle gemacht, vor allem Lucius D. Clay. Es dauerte nur 48 Stunden, bis die Briten und Amerikaner nach der Sperrung aller Zufahrtswege eine erste Luftbrücke organisierten, um die Stadt mit dem Notwendigsten zu versorgen.
Im August 1948 schrieb Gertrud Kranz an Richard Hoerner: "Der Wille, unserer Stadt wieder ein bürgerliches Ansehen zu geben, wird seit mehr als acht Wochen durch die Stromsperren und viele andere Dinge derart gehemmt, dass mittlerweile nur noch der Glaube uns erhält. Das Vertrauen hat die Berliner Bevölkerung vollkommen in die Hand Ihres Volkes gelegt und hofft, dank der bisherigen Haltung auf volles Verstehen."
Hoerner half mit Wolldecken, Lebensmitteln und Vitamintabletten. Er konsultierte Ärzte und erstellte Ferndiagnosen, um die richtigen Medikamente für das offene Bein der Schwiegermutter von Gertrud Kranz und die Augenkrankheit ihres Schwagers zu schicken. Frau Kranz sendete weitere Briefe der Verzweiflung: "Wir wollen unseren Glauben nicht sinken lassen, dass wir die Menschenrechte hier nicht vollkommen verlieren. Es sind doch der Opfer genug und die Welt möge die Tage Berlins erkennen."

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