| Der Held des Tages: Von seinen Mannschaftskameraden Thomas Häßler (l.), Marko Bode (r.), Fredi Bobic (dahinter) und Torwart-Trainer Sepp Maier (2.v.l.) umjubelt, liegt der deutsche Torwart Andreas Köpke nach dem 6:5-Sieg im Elfmeterschießen beim Halbfinalspiel der Fußball-Europameisterschaft 1996 zwischen Deutschland und England auf dem Rasen des Londoner Wembley-Stadions. Er hatte den Schuss des englischen Spielers Gareth Southgate gehalten und die Deutsche Mannschaft so ins Finale gebracht. |
Sieg oder Niederlage? Das Halbfinalspiel der Fußball-EM 1996 zwischen England und Deutschland gehört zu den unsterblichen Mythen des Sports. Hans-Werner Klein war bei der Zitterpartie im Wembley-Stadion dabei - und erlebte den legendären Wembley-Roar.
Der 26. Juni 1996 war ein Schicksalstag, für die Engländer stand einiges auf dem Spiel. Sie hatten sich viel vorgenommen für die Europameisterschaft im eigenen Land. "Football is coming home" lautete das stolze Motto des Turniers. Wochenlang hatte die Boulevardpresse die Stimmung angeheizt: "Achtung! For you Fritz ze Euro 96 iz over" titelte der Daily Mirror. Uneins war man sich eigentlich nur noch über die Höhe des Sieges.
Mein Platz im Wembley-Stadion befand sich inmitten englischer Fans, etwa 15 Meter vom Spielfeldrand entfernt. Sepp Maier übte mit Andreas Köpke noch ein paar flache, scharfe Bälle. Später sollte das Geschick des deutschen Torhüters spielentscheidend sein.
Während der Einzug der Engländer ins Stadion von frenetischem Jubel begleitet wurde, pfiff man die Deutschen schrill aus. Der Boden unter meinen Füßen bebte, als 75.000 Stimmen wie aus einer Kehle die Nationalhymne sangen. "God save the queen!" Die Decke der Wembley-Betonschüssel schien den Schall um ein Tausendfaches zu verstärken. Ein Schauer überlief mich. Die Fans hatten sich zu einem einzigen Wesen verbunden.
Deutschland k.o.?
Der Anpfiff. Was jetzt folgte, versuchten Generationen von Sportreportern vergeblich zu beschreiben. Man musste ihn einfach erlebt haben, um ihn zu begreifen: den "Wembley-Roar". Diese sagenhafte, unbeschreibliche Explosion abertausender Stimmen.
Die deutsche Mannschaft war sichtlich eingeschüchtert und verlor sofort den Ball. England walzte die deutsche Abwehr nieder. Mit Mühe konnte Köpke den Ball zur Ecke drehen. Paul Gascoigne, der umstrittene Stürmerstar, trat den Ball vors kurze Eck. Dann: Kopfball von Alan Shearer - und Tor. Unfassbar: Tor! Keine drei Minuten waren vergangen und schon war Deutschland k.o.! Der Aufschrei der Fans schien das Stahlbetondach des Stadions anzuheben. Alle sprangen von ihren Sitzen auf. Ein rot-weiß wogendes Meer aus Menschen im Glücksrausch. Wer hatte noch gleich Wembley einen Hexenkessel genannt? Egal. Er hatte ja keine Ahnung!
Eine Viertelstunde währte die Ekstase. Dann durchbrach Thomas Helmer auf der linken Seite die englische Abwehrkette und hob eine watteweiche Bogenflanke in die Mitte vor das Tor. Nur drei Schritte lief Stefan Kuntz dem Ball entgegen - und drosch ihn mühelos ins Netz. Die Luft stand still in diesem Moment. Für wenige Sekunden hörte die Welt auf, sich zu drehen. Bis alle wieder da waren. "Eng-land, Eng-land! Football's coming home!" Die geschlagenen Spieler wurden von den Stimmen der Fans zum Mittelkreis begleitet. Sie stellten sich auf ihre Positionen und gaben den Ball frei. Sofort rollte der nächste Angriff.
Beherrscht von einer allmächtigen Stimme
Noch bis vor kurzem war das englische Team verschrien. Als ein Haufen zu früh gealterter Quartalssäufer. Aber dann hatte man es wieder aufgebaut, im Glauben an einen tieferen Sinn. Das unsterbliche Albion, das England des Richard Löwenherz, sollte wieder auferstehen, wenigstens auf diesem Rasen. Nein, dieses Spiel konnten sie einfach nicht verlieren. Oder können Priester einen Gottesdienst verlieren? Dreißig lange Jahre hatten sie auf diese Chance gewartet. "Kill the Krauts! Football's coming home!" Rot-weiß wogte das Stadion. Die englischen Fahnen regierten. Für Union Flags war hier kein Platz.
"Come on and go! Come on and go!" Das Stadiondach warf den Wembley-Roar zurück. Eine einzige allmächtige Stimme beherrschte den Ort. Sie reagierte auf jede noch so kleine Wendung des Spiels. Lief der Stürmer nicht schnell genug, ebbte sie ab und stimmte ein spöttisches Gospel an: "Swing low sweet chariot." Dann wussten sie auf dem Rasen bescheid. Ein Spieler schnappte sich den Ball, rannte nach vorn, die Stimme trug ihn über den rechten oder linken Flügel, zwang ihn zu flanken, ließ den Ball in der Luft schweben, warf die Angreifer in der Mitte nach vorn und drückte endgültig den Abzug - zum Schuss aufs Tor.
Aber das Tor wollte nicht fallen. Wie ein Fels in der Brandung standen die Deutschen in ihrem Strafraum. Heldenhaft fegten sie die feindlichen Bälle von der Torlinie und vernichteten mit Kopfbällen jede noch so sichere Chance. Bis zur Halbzeit. Dann stand es eins zu eins. Die Fans erhoben sich von den Plätzen und schickten ihre Mannschaft applaudierend in die Pause.
Helden in Trance
Viele Fans hatten längst den Kampf gegen die Tränen verloren. Wer ein Herz hatte, der musste innerlich erzittern angesichts dieser gewaltigen Gemeinschaft. Der Chor hörte nicht auf zu singen. Die Fans schwangen weiter die Fahnen. Helden haben keine Pause.
Die nächsten 45 Minuten vergingen wie in Trance. Die Zeit dehnte sich ins Endlose. Jede Minute war so lang wie ein Tag. Ich spürte meine Ohren nicht mehr, meine Augen gehorchten einem fremden Befehl, und ein Mund, der nicht mehr mir gehörte, schrie und sang und ächzte und stöhnte. Ich kämpfte. Aber das Tor blieb trotzdem aus.
Dann waren 90 Minuten vorbei. Das Spiel ging in die Verlängerung. Jeden konnte er jetzt treffen: der plötzliche Fußballtod. Wenn das erste Tor, das spielentscheidende Golden Goal, ins Netz gehen würden - und damit alles entschieden wäre.
Hoffen auf Erlösung
Höchstens zweimal fünfzehn Minuten dauerte die Verlängerung. Aber Zeit war relativ. Zwischen dem Abschicken eines Passes und dessen Annahme, zwischen dem Flug des Balles von der Fußspitze des Torwartes bis in den gegnerischen Strafraum besaß die Zeit keine Gültigkeit mehr. Worum ging es hier eigentlich? Ehre? Interessen? Macht? Prestige? Nein. Alles falsch. Es ging um das Tor! Wir brauchten es. Wir ersehnten es. Damit wir endlich erlöst würden.
Nur würde das Tor nicht zu sehen sein. Zehntausende Arme und Köpfe, Fahnen und Hände würden die Sicht verdecken. Und es würde keine Wiederholung in Zeitlupe geben. Wie sollte man einen solchen Moment auch wiederholen? Man würde es fühlen, man würde es spüren auf der Haut, wenn die Kugel das Netz berührt. Man würde der Ball sein, den die große Stimme über die Linie tragen und der die Maschen des Netzes unendlich langsam dehnen würde.
Aber es gab keine Erlösung. Die Zitterpartie ging weiter. Elfmeterschießen.
Wenn alles möglich ist, wird es totenstill
Der erste englische Spieler lief an. Das Stadion explodierte. Drin! Dem deutschen Schützen, der auf den Ball zulief, schlug ein gellender Pfiff entgegen. Es war kaum zu erkennen, aber auch dieser Ball war drin. Ab jetzt folgte auf jedes Bangen immer wieder die Hoffnung, auf jedes endgültige Urteil eine vorläufige Begnadigung. Bis es 5:5 stand und Gareth Southgate anlief. Dies war die Sekunde, die sein Leben verändern sollte. Für die Dauer eines Herzschlages war alles möglich. Wenn England verlieren sollte, würden Millionenwetten verloren, würden Verträge nicht geschlossen und Firmen nicht gegründet werden. Kinder würden nicht gezeugt und Hoffnungen begraben werden. Eine Nation würde ausgeträumt haben.
Als Southgate den Ball auf seine Reise schickte, war die Stille im Stadion ohrenbetäubend. Köpke flog in Richtung Pfosten, als der Ball, von Southgates Fuß nur halb getroffen, gegen seine ausgestreckten Arme prallte. Er blieb einfach liegen, begraben unter seinen Mannschaftskameraden. Das Spiel war aus. Andi Möllers Elfmeter war nur noch eine lästige Formsache.
Kein Aufschrei des Entsetzens. Totenstille. Nur ein Häuflein Fahnen schwingender Fans jubelte irgendwo im deutschen Fanblock. Für einen kurzen Moment gehörte ihnen die Wembley-Arena, der heilige Schrein der Fußballwelt, ganz allein. Dann hob wieder die Stimme der Fans an und bedankte sich mit einer inbrünstig vorgetragenen Hymne feierlich und traurig - aber ungebrochen! - bei ihren Helden. Ohne jede Spur von Bitterkeit, Hass oder Neid. Man hatte gekämpft und man hatte alles gegeben. Es war ein Sieg. Egal, wie.
Albion lebte!
Eine zeitlang blieben wir noch im Stadion, meine englischen Fan-Kollegen und ich. Wir applaudierten, lachten, weinten, umarmten einander stumm und wurden ein bisschen verlegen, als uns das Pathos dieser Szene bewusst wurde.
Langsam drängte die rot-weiße Menge aus der Arena. Zurück durch die Betonschächte, über den Parkplatz, hin zu den Bussen. Es war immer noch bemerkenswert still. Manch einer lächelte sogar. Warum auch nicht? Eine große Fußballhoffnung war gestorben, aber Albion lebte. Das Löwenherz war zurückgekehrt und ein jeder trug es nun in seiner Brust. Es durfte ein neuer Traum geträumt werden. Denn Football's coming home. Soviel war sicher.
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