Über einestages

1990

Interview mit Tina Turner

"Sie hatte über das Elend der Welt triumphiert"


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Steve Blame
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Auf Schmusekurs: MTV-Moderator Steve Blame interviewte während seiner Karriere bei dem Musiksender zahlreiche Pop-Prominente - unter anderem Tina Turner, die er 1995 im Ritz in Paris traf.

Als Moderator von MTV traf Steve Blame in den neunziger Jahren die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich jeden Monat an die besten Begegnungen. In Folge fünf: Wie Blame sich von der Rock-Queen Tina Turner aufpäppeln ließ - und dabei das Geheimnis ihres Erfolgs fand.


Ich habe Tina Turner während meiner Zeit als Moderator bei MTV und Viva 2 mehrmals getroffen. Ich habe sie in vielen Konzerten gesehen, sie bei Konzerten in Athen, Köln und München auf der Bühne angesagt und habe mehr Interviews mit ihr geführt als mit jedem anderen Künstler. Doch erst 1995 verstand ich, warum sie ihren festen Platz in den Annalen der Popgeschichte verdient hatte.

Vorher hatte ich es immer nur geahnt. Bei einem Konzert in Knebworth in England spielte sie vor 40.000 Leuten. Ich stand mitten im Publukum und war von Kopf bis Fuß eingenommen von ihrer Stimme und ihrer schieren Präsenz auf der Bühne. Am Ende des Auftritts verabschiedete sie sich bei der Menge. Es war seltsam, ich fühlte mich davon persönlich berührt. Und als ich mich so umsah, fühlte ich, dass es den Menschen um mich herum genauso ging. Tina hatte sich bei uns bedankt und nun gingen wir alle von Glück erfüllt nach Hause. Ich hatte noch keinen anderen Künstler gesehen, der das vermochte.

Anschließend interviewte ich sie für MTV News. Je länger ich mit ihr sprach, desto mehr zogen mich ihr heiseres, ansteckendes Lachen, ihre Aura und ihre unfassbar positive Einstellung in den Bann. Nach dem Gespräch erzählte ich Freunden und Kollegen davon und ausnahmslos alle erwähnten sofort ihre Vergangenheit, den Missbrauch durch ihren Ex-Mann Ike Turner, den sie ausführlich in ihrer Autobiografie beschrieben hatte. Immer, wenn sie das sagten, hörte es sich an, als sei Tina nur ein weiteres Opfer, dass es irgendwie geschafft hatte, weiterzumachen, zu überleben. Doch das traf es nicht ganz. Aber was war es dann? Was machte Tina Turner so besonders?

Was strahlt Tina Turner aus?

Als der französische Dichter Jean Genet 1967 verhaftet wurde, hatte er einen Pott Vaseline dabei. Seine Wärter im Gefängnis waren darüber so erbost, dass sie ihn heftig verprügelten. Sie waren voll von Wut und Zorn darüber, was Vaseline für sie symbolisierte. Ein seinem Buch "Subculture: The Meaning of Style" beschreibt Dick Hebdige, wie bestimmte Objekte oder Handlungen große Teile der Bevölkerung abschrecken können, und dass genau diese Dinge so zu den Bauklötzen werden, aus denen eine Subkultur entsteht. Punk beispielsweise hatte die Sicherheitsnadel, das Herumrotzen und die nihilistische "No Future"-Attitüde.

Ich habe daraus gefolgert, dass die Vaseline eines Popstars, also seine ureigene Motivation, die auf seine Arbeit und seine Persönlichkeit abfärbt, ebenso entscheidend für seinen Erfolg ist. Sie definiert dessen Platz nicht nur in der Popkultur, sondern in der Kultur und der Gesellschaft ganz allgemein. Kurt Cobain vertrat den Nihilismus, Madonna strapazierte das Sittenverständnis, und selbst Lady Gaga, die ihre Fans mit "kleine Monster" anredet, symbolisiert damit ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Es sind einfache, klare Botschaften, die uns alle berühren und die uns zu einem Star mehr hinziehen als zu einem anderen. Aber was genau strahlt Tina Turner aus? Was ist ihre Vaseline?

Kurz nach der Veröffentlichung ihres "Simply the Best"-Albums 1991 wurde ich in Tina Turners Haus in Notting Hill Gate für ein Interview eingeladen. Wir saßen in einem kleinen Raum im Erdgeschoss der Londoner Stadtvilla, deren Front großzügig mit Stuck verziert war. Am Anfang des Interviews erwähnte ich beiläufig, dass ihr Album auf Platz elf der britischen Charts eingestiegen war. Tina verbesserte meine Betonung. "Platz elf!", sagte sie, die Betonung auf der Elf. Sie wiederholte es noch einmal. "Platz elf!" Es war erfrischend, endlich einen Popstar zu treffen, der seinen Zynismus hinter sich gelassen hatte und sich ehrlich über seinen Erfolg freuen konnte.

Zwischen Begeisterung und Depressionen

In den darauffolgenden Jahren trafen wir uns mehrmals und ich freute mich auf jedes einzelne Interview, weil ich wirklich jedes Mal einen fast schon unglaublichen Schub positiver Energie erfuhr. Ihre Wärme, ihr Optimismus und ihre gleichzeitig so besonnene Art stand im krassen Gegensatz zu den Gefühlen, die ich in dieser Zeit durchlebte, die wild zwischen absoluter Begeisterung und tiefer Depression hin- und herschwankten. Niemals jedoch ging es mir so schlecht wie 1995, als ich bereits für VIVA 2 arbeitete und sie zum Interview traf.

Ich arbeitete gerade mal ein Jahr beim Sender und hatte all mein Selbstvertrauen verloren. Ich war zwar offiziell Programmdirektor, hatte aber keine einzige folgenschwere Entscheidung getroffen, abgesehen von der Gestaltung des Senderlogos. Ich war gefangen in einem Job, den ich hasste, wusste aber gleichzeitig nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Obwohl ich unseren Chef, Dieter Gorny, schon Monate nicht mehr gesehen hatte, wurde ein Meeting mit ihm und allen Entscheidern anberaumt, bei dem die Zukunft des Senders besprochen werden sollte. Das neue Design. Die neuen Shows. Die neuen Moderatoren. Ich war zu diesem Meeting nicht eingeladen und verlor das letzte bisschen Interesse an meinem Job. Ich fühlte mich wie ein Karnickel, das gelähmt in die Scheinwerferkegel eines herannahenden Autos starrt und auf das unvermeidliche wartet.

Glücklicherweise fand am gleichen Tag wie das Meeting bei Viva 2 ein Interviewtermin mit Tina Turner in Frankreich statt, was mir den Tag erträglicher machte. Frühmorgens flog ich nach Paris, setzte mich ins Taxi und fuhr ins Hotel Ritz. Als ich ankam, begegnete ich Roger Davies, Tinas Manager. Ich kannte ihn schon lange, hatte ihn oft getroffen und ich konnte an seiner Reaktion ablesen, dass er sah, dass mein Selbstbewusstsein seit unserem letzten Treffen komplett unter die Räder gekommen war.

Triumph über das Elend dieser Welt

Als Tina eintraf, umarmte sie mich. Zum ersten Mal überhaupt sprachen wir beim Interview über ihre Vergangenheit; etwas, was ich mich in den vorangegangenen Gesprächen nie anzuschneiden getraut hatte. Über ihren Missbrauch und ihre Wiederauferstehung. Ihre erfolgreiche Solokarriere während der achtziger Jahre, die sie zurück an die Spitze geführt hatte. Während ich mit ihr sprach, dachte ich auch über meine eigene Situation nach. Sie sagte, sie hätte in dieser harten Zeit oft gedacht, dass das Leben nun zu Ende sei. Doch das Leben hört eben nicht mit 40 oder 50 auf. Sie sagte, dass es immer eine Möglichkeit gibt, die Dinge zu ändern. Und dann fragte sie mich, ob ich verstünde, was sie meinte. Ich nickte, obwohl ich mir nicht sicher war.

Dann war die Interviewzeit abgelaufen. Wir schossen noch ein paar Fotos und verabschiedeten uns, bevor ich mich auf den Weg zum Flughafen machte. Als ich im Taxi saß, kreisten meine Gedanken nur darum, was sie gesagt hatte. Ich schöpfte Hoffnung für mein eigenes Leben. Meine eigene Zukunft. Ich wollte nicht einfach nur weitermachen, es irgendwie durchstehen. Das hieße, mich in einen permanenten Schwebezustand zu begeben, in dem die Vergangenheit nie abgeschlossen und bewältigt würde, in dem ich immer nur verbittert zurück und nie nach vorne schauen würde. Und dann machte es Klick und ich verstand.

Tina ist niemand, der einfach nur überlebt hat. Das wird ihr nicht im Ansatz gerecht. Sie birgt etwas viel Kraftvolleres, Schöneres. Sie symbolisiert den Triumph über das Elend dieser Welt. Es ist dieser Triumph, dieser Sieg, der uns alle berührt, mit dem wir alle etwas anfangen können. Das ist die Vaseline, die aus Tina Turner eine der wahrhaft Großen gemacht hat.


Steve Blame war von 1987 bis 1994 Redakteur und Moderator bei MTV News - und traf in dieser Zeit die Stars dieser Welt: von Morten Harket bis Madonna, vom Dalai Lama bis zu Michail Gorbatschow. Auf einestages erinnert er sich an die besten Begegnungen - ab sofort immer am ersten Sonntag des Monats.


Zum Weiterlesen:


Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.
Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Jan-Bernd Meyer am 3. Juli 2011, 13:26
moin, moin,

das ist doch ein schöner Artikel.

Aber natürlich würde mich interessieren, was er machte, als er nach dem Treffen mit Tina Turner zu dem Meeting...


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