Über einestages

1998

10 Jahre Harry Potter in Deutschland

Die Hokuspokus-Maschine


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Endlich: Versunken in die ersten Seiten des letzten Harry-Potter-Buchs steht ein Mädchen im Oktober 2007 in einer Berliner Buchhandlung. Bereits ab Mitternacht wurden die Bande verkauft und damit die 1998 in Deutschland zum ersten Mal erschienene Reihe beendet.

Dieses Buch verjüngte seine Leser zu Zwölfjährigen: Vor zehn Jahren erschien in Deutschland der erste "Harry Potter"-Band. Die Magie der Geschichte zog Millionen in ihren Bann. Auch Schriftstellerin Tina Uebel - obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, den Zauberlehrling zu hassen.


So gut wie nichts, was Harry Potter betreffend nicht schon geschrieben wäre. Hundertfach. Und wer sich unter dem nächsten Feuilletonartikel über den Zauberlehrling nicht rechtzeitig wegduckt, läuft Gefahr, sich in einer vegetativen Trotzreaktion plötzlich und mit grellgrünem Lichtblitz in einen Nazi oder Ku-Klux-Klaner zu verwandeln.

Auch die Biographie der Heiligen Joanne ist erschöpfend ergründet. Wir wissen vom Anfang der Potter-Autorin Rowling - schreibend im vielbesungenen Café, bitterarm, verfroren und hungrig, umringt von ihrer großäugigen, in Dickens'sche Lumpen gehüllten Kinderschar, kurz vor dem Selbstmord. Wir kennen selbst das Ende - wie sie unter Tränen die letzten Kapitel allein in der Suite eines Luxushotels verfasste: Die Frau schuf Harry, Hogwarts und die Muggel, und nach dem siebenten Buche ruhte sie und sprach: Es ist gut.

Leider sprach sie dann als nächstes: Dumbledore ist schwul. Es hub große Entrüstung an, welt- und feuilletonweit wurde die Deutungshoheit eines Schriftstellers über sein Werk diskutiert, Beispiele im direkten Fontane-Vergleich entworfen, Intimsphäre für VIP-Romanfiguren eingefordert. Nie zuvor bewirkte ein Zwangsouting derartige Resonanz. All das war und ist selbstverständlich vollkommener Unsinn.

Ich bin zwölf!

Denn es verhält sich so: Zauberer sind nicht schwul. Sie sind auch nicht hetero. Der Zauberer - vielleicht ausgenommen David Bowie in "Reise ins Labyrinth" - ist asexuell. Das weiß doch jeder Zwölfjährige. Ich kann das sagen, ich bin nämlich zwölf.

Normalerweise nicht. Normalerweise bin ich dem Alter, in dem man merkt, man hätte schon vor etwa fünf Jahren beginnen sollen, über sein Alter zu lügen. Aber als ich den ersten Potter-Band in die Hände nahm, wurde ich wieder zwölf Jahre alt. Mit einen Lichtblitz natürlich. Infantem Retraro!

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Weder ich noch meine Peergroup sind anfällig für Fantasy-Gedöns. Wir spielen keine Rollenspiele, wir gehen nicht auf Mittelaltermärkte oder Manga-Conventions. Unsere Bücherregale sind frei von Michael Ende und Kleinen Prinzen. Wir kultivieren unseren gestählten Sarkasmus, wir zählen uns zur abgebrühten urbanen Intelligentia, selbst bei "romantischen Komödien" wird uns schlecht. Lesen wir Harry Potter, sind wir allesamt zwölf Jahre alt.

Medien- und Merchandising-Overkill

Dass wir Harry Potter lesen, folgte bei den unterschiedlichsten Menschen dem gleichen Prinzip, aber keinerlei Absprache. Entnervt von der mit Band 4 über die Welt hereinbrechenden Potter-Mania samt Medien- und Merchandising-Overkill, nahm sich einer nach dem anderen einen Potter zur Brust - im tiefen Vertrauen darauf, dass nur dümmlich sein kann, was derart im Mainstream reüssiert. Also aus dem einzigen Grunde, den Dreck hinterher wohlfundiert verreißen zu können.

Ich las meinen ersten Potter in einer Nacht durch. Am nächsten Tag schwänzte ich die Schule und kaufte mir von meinem Taschengeld die nächsten drei Bände. Meine Termine sagte ich ab, oder vielleicht hat mir auch meine Mutter eine Entschuldigung geschrieben.

Harry Potter lese ich, wie ich nicht mehr gelesen habe, seit ich zwölf war, wie ich gar nicht mehr lesen könnte. Fiebernd und übermüdet im Schein der Nachttischlampe bis in die frühen Morgenstunden. Unreflektiert. Zwölfjährig. Ich lese nicht, in bin dort. In Hogwarts, am Grimmauldplatz 12, in der Mysteriumsabteilung des Zaubereiministeriums. Zeit und Welt hören auf zu existieren, nur manchmal muss man die Nachttischlampe aus- beziehungsweise wiedereinschalten.

So hat ein Kind, das ich gut kannte oder wiedererkenne, früher gelesen. Hat geweint, als "Herr der Ringe" zu Ende war, alle meine Gefährten sich einschifften an den Grauen Anfurten und davonsegelten, und ich ganz allein zurückblieb. Rauschhafte Magie des Lesens - in "Tintenherz" beschrieben und behauptet, aber nicht erzeugt, wie ich feststellte, als ich nach meiner Potter-Epiphanie festzustellen versuchte, ob auch andere Bücher diesen Trick vollbringen. Sie taten's nicht. Eine Mittdreißigerin blätterte nostalgisch belustigt durch Tolkien-Bände und milde gelangweilt durch die von Cornelia Funke.

Englische Cover sind doof

Zeitgleich, oder nur wenig zeitversetzt, war dasselbe Phänomen überall in meinem Bekanntenkreis zu beobachten. Das war toll, denn meine kleinen Spielgefährten beschäftigten dieselben Fragen und Sorgen wie mich. Noch 16 Monate bis zum nächsten Band. Noch drei Tage. Hielt ich ihn endlich in Händen, schickten wir in der folgenden Potter-Nacht aufgeregte, bangende SMS unter lesenden Freunden. In Echtzeit tauschte ich mich über ein Buch aus, während des Lesens, wo wäre das je vorgekommen. Ich habe bei Band 5 meine gute Beziehung zu einem Münchner Lektor ernsthaft gefährdet, als ich ihm unbedacht meinen Schmerz über Sirius Blacks Tod klagte, und er erst auf den ersten hundert Seiten war.

Zuspruch und Information heischend, suchten wir Kontakt zu denen, die uns voraus waren, weil sie die englische Ausgabe besaßen. Überhaupt, die Ungleichzeitigkeit der Englisch- und Deutschlesenden. Weil ich zufällig mit der deutschen Übersetzung gestartet war, blieb ich dabei, aus Gründen der Vertrautheit. Und weil die englischen Cover doof sind. Zwölfjährige können so kindisch sein.

Man war allerdings für ein paar Monate äußerst erpressbar. Unter der Drohung von Buchinhaltsverrat wurde uns deutschen Spätlesern so manches Bier und diese und jene Gefälligkeit abgezwungen. Andererseits ließ sich bei der Anglofraktion Trost suchen in schweren Momenten, ohne Gefahr zu laufen, selbst versehentlich zum Potter-Verräter zu werden.

Verknallt in Snape

Die schweren Momente. Damals, als Sirius im Kampf mit Bellatrix fiel. Der Tod Dumbledores. Und natürlich Snapes Verrat, der uns Mädchen besonders hart traf, waren wir doch fast alle ein bisschen verknallt in ihn. In den Buch-Snape, wohlgemerkt - Purist, der ich bin, habe ich die Filme nie gesehen, und kneife bei Kinotrailern die Augen zu. Ich will doch nicht, dass die mir meine eigenen Bilder kaputtmachen, sage ich mit trotzigem Stimmchen. Zwölfjährige sind da unheimlich stur.

Ich jedenfalls habe nie an Snape gezweifelt. Nie. Wir glaubten an ihn, Mädchen wie Jungs. Wir haben schließlich Recht behalten, aber ich erinnere mich an lange, erregte Debatten, in denen wir verzweifelt versuchten eine Erklärung zu finden für das, was in jener Nacht auf dem Astronomieturm eigentlich geschehen war.

Und natürlich der schwerste Moment von allen: Das Ende des letzten Bandes. Nie wieder Potter. Finite Incantatem. Kein Wunder, dass Frau Rowling geheult hat. Urplötzlich, Lichtblitz, waren wir wieder alt. Bei zahllosen Krügen Butterbier wurden noch der grässliche "Neunzehn Jahre später"-Epilog und unsere maßlose Enttäuschung darüber verkraftet. Mit intellektueller Inbrunst ereiferten wir uns, dass der wahre Held nur der gebrochene Held sei, der in der Krise über sich hinauswachse, im Alltag aber einen dysfunktionalen Charakter zeigen müsse. Doch diese und alle andere Analysen fanden wir dann ja auch in den Erwachsenenzeitungen.

Das Abenteuer hört niemals auf

Schön und gut, doch es verhält sich natürlich so: Wenn wir zwölf sind, wollen wir nicht erwachsen werden und können uns nicht vorstellen, es jemals zu sein. 19 Jahre sind 19 Lichtjahre, Kindheit ist ewig. Die einzige Ewigkeit, die wir je hatten. Harry wird genau so wenig alt wie Dumbledore schwul. Wir wissen das. Auch wenn Harry zum Schluss sagt, er habe genug von den Abenteuern, wissen wir doch genau: das Abenteuer hört niemals auf.

Auch wenn wir nicht dabei sein dürfen, wissen wir: Er wird als Auror gemeinsam mit Hermine und Ron all die tollen Dinge erleben, die wir uns dann halt ohne Frau Rowlings Hilfe vorstellen werden. Das ist schon okay. Bloß, ihn uns auf einem vernünftigen Mittelklassebesen mit Kindersitz zu präsentieren, das berühmte verstrubbelte Haar ergraut und an den Schläfen licht, das verübeln wir Ihnen, Frau Rowling. Das ist nämlich fies.

In einer entzauberten Welt haben wir ja ohnehin schon zu leben. Einer Welt ohne Hexen, ohne Helden, ohne Magie. Eine Welt, in der selbst der Himmel an Heilkristalle hortende Esoteriker untervermietet wird. Eine Welt ohne nasebeißende Teetassen, Langziehohren, sprechende Gemälde, wiederausspuckende Toiletten, fliegende Memos, zu entgnomende Gärten, unwirsche Spiegel und tragbare Sümpfe.

Die Erwachsene in mir tröstet sich mit der staunenden Freude an der menschlichen Phantasie, die all dies in so überschäumender, zweckfreier, kapriolenschlagender Opulenz zu erdenken in der Lage ist. Die Zwölfjährige täuscht, an besonders grauen Tagen, einen Schnupfen vor und geht an ihr Bücherregal. Geht nach Hogwarts. Und fängt einfach von vorne an. Accio, Band 1.


Tina Uebel ist Journalistin und Romanautorin. Bisher sind von ihr "Horror Vacui" (Kiepenheuer & Witsch) und "Ich bin Duke" (Berlin Verlag) erschienen.



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insgesamt 6 Beiträge zur Debatte
luise schaefer am 3. Juli 2008, 16:16
Ich gehöre zu denen, die mit Harry Potter lesen gelernt haben.
Ich war 8 als ich in den Sommerferien, das erste mal darauf gewartet habe, dass mich ein Brief aus Hogwarts...

Daniela Lietz-Mühlbauer am 3. Juli 2008, 16:16
>Vielen lieben Dank! Besser kann man es nicht ausdrücken! Ich bin auch 12 (36) und wieder mal gerade mitten drin im 7. Band! Nicht zum letzten Mal...

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