Über einestages

1987

Treffen mit Boy George Heroin und Humor


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Interview nach Comeback: 1987 interviewte Steve Blame den Sänger Boy George für MTV im Londoner Halcyon Hotel. Der Musiker wurde gerade für seinen Nummer-Eins-Hit "Everything I own" gefeiert - nachdem er fünf Jahre wegen seiner Heroinabhängigkeit am Boden gewesen war. Nach seinem Entzug und der Trennung von seiner Band Culture Club folgte sein Comeback als Solokünstler.

Als Moderator von MTV traf Steve Blame in den neunziger Jahren die größten Stars der Welt. Auf einestages erinnert er sich jeden Monat an die besten Begegnungen. In Folge fünf: Wie Blame die Schwulenikone Boy George traf - und dieser nebenbei einen berühmten Kollegen outete.


Als ich in den frühen Achtzigern zum ersten Mal nach London zog, gehörte Boy George zum Inventar der Clubszene. Ein Laden, das Cha-Cha's am Charing Cross und größter Schwulenclub Londons, wurde in dieser Zeit mein Lebensmittelpunkt. Anfangs war es ein Alptraum, hineinzukommen, die Schlange vor dem Eingang zog sich bis um die nächste Straßenecke.

Das deprimierendste war, wenn die aufgetakelten Stammgäste der In-Crowd einfach an der Schlange vorbeimarschierten und Scarlet, der Türsteherin, einen Luftkuss zuwarfen, bevor sie den Club betraten. Scarlet war eine imposante Persönlichkeit. Ihre Haare waren zu einem Irokesenschnitt in Form der New Yorker Skyline aufgetürmt. Für mich war sie ein Star, sie zierte die Titelblätter von Fashion-Magazinen wie "Face" und "ID". Später trat sie sogar in dem Video zu Culture Clubs "Church of the Poison Mind" auf. Damals war ein Auftritt in einem Musikvideo gleichbedeutend mit dem Durchbruch, dann hattest du es wirklich zu was gebracht.

Im Club selbst sah es auch aus wie in einem Musikvideo. Es war stockfinster in dem Laden, nur das blitzende Licht des Stroboskops erhellte die Gesichter der aufgetakelten Gäste, die allesamt ihre Haare zu bizarren Ungetümen hochtoupiert hatten. Niemand trug identische Klamotten, jeder versuchte, die anderen mit einem besonders extravaganten Outfit auszustechen. Es war die totale Realitätsflucht. Und Boy George war der Mittelpunkt von all dem.

Ein "sauberes" Comeback

Mein erstes Interview für MTV mit einem richtigen Star führte ich mit Boy George. Er war in Topform, hatte just seine Karriere mit dem Song "Everything I Own" wiederbelebt, fünf Jahre nach seinem ersten Nummer-eins-Hit. Während dieser fünf Jahre hatte er sich von seinem langjährigen Freund, Jon Moss, der gleichzeitig auch Schlagzeuger in seiner Band Culture Club war, getrennt. Er war in die Heroinabhängigkeit abgeglitten, hatte zwei seiner Freunde wegen einer Überdosis verloren und wurde in den Medien verunglimpft. Nachdem er sich von seiner Band Culture Club getrennt hatte, verschwand er in einer Entzugsklinik und wurde clean. Und nun war er zurück, im Gepäck seinen ersten Hit als Solo-Künstler.

Wir waren zum Interview eingeladen, das im Halcyon Hotel, das in einer kleinen Seitenstraße des Holland Park lag, stattfinden sollte. Es war stadtbekannt dafür, die bevorzugte Absteige von Rockstars auf der Durchreise zu sein. Nach unserer Ankunft breiteten wir uns in einer der Suiten aus, der Producer und ich nahmen die Suite dann genauer in Augenschein. Mir schien sie wie der pure Ausdruck von Pop-Dekadenz: Mit einem Himmelbett und einem mitten im Zimmer angeordneten, versenkten Whirlpool.

Als George ankam, erkannte er mich sofort. Bei mir wiederum kamen sofort die Erinnerungen an die Zeit hoch, die wir gemeinsam im Cha-Cha's verbracht hatten. Ich musste daran denken, wie ich mit Jon Moss an der Bar stand und er sich ausheulte, dass George nie Geld dabei hatte und er immer die Drinks bezahlen musste. George, sagte er, habe stets Klamotten angehabt, die keine Taschen hatten, weil das einfach besser aussah. Zum Interview trug er eine schwarze Baskenmütze, die mit goldenen Sicherheitsnadeln verziert war, außerdem ein langes, schwarzes, kaftanähnliches Gewand - ebenfalls ohne Taschen. Jahre später interviewte ich Malcolm McLaren. Er sagte mir, dass George diese Klamotten trüge, weil er eine Figur wie eine Birne habe.

"Meine Songs wurden irgendwie seltsam"

George selber sagte, er wolle nicht, dass die Leute sehen könnten, wie er unter seinen Kleidern aussähe. Er erzählte davon, wie er früher immer in den Nachthimmel über London gestarrt hätte und vor sich hinträumte. "Sie werden mich nie kennenlernen", pflegte er zu sich selbst zu sagen. Doch sie lernten ihn kennen. Wir alle lernten ihn kennen. Was er wirklich nicht ahnen konnte: Wie gut wir ihn alle kennenlernen würden.

George wurde fast aus dem Stand berühmt, nur sechs Monate nach der Veröffentlichung von "Do you really want to hurt me" war er ein Weltstar - und wurde im Anschluss Opfer einer der übelsten Medienkampagnen, die die Welt bis dato gesehen hatte. "Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem mir alles egal war", sagte er über diese Zeit.

Er sprach auch über seine Beziehung mit Jon. Sie war das Fundament für den Erfolg von Culture Club, denn all die Songs, die George schrieb, schrieb er für Jon. "Als unsere Beziehung zerbrach, wurden auch meine Songs irgendwie seltsam." Die beiden hatten ihre Beziehung lange Zeit vor der Band geheim gehalten. George war sehr diskret und respektierte Jons Wunsch, es nicht zu verraten.

Lieber Tee als Sex?

Während des Interviews allerdings machte er eine Andeutung in Bezug auf George Michael, der seine sexuelle Ausrichtung damals auch nicht an die große Glocke hängen wollte. "In unserem Geschäft wimmelt es nur so vor Schwulen. Ich denke dabei an niemand bestimmtes, aber …", sagte er, und fing plötzlich an zu singen: "You gotta have Faith!"

George war voller Gegensätze - und im Rückblick stechen diese Gegensätze noch mehr hervor. Zum Beispiel sagte er über seine Heroinabhängigkeit, dass er es vor allem bedaure, "erwischt worden zu sein". Später sinnierte er, dass er sich wohl sein ganzes Leben lang fragen werde, warum er sich auf diese Droge eingelassen hatte. Ein paar Jahre zuvor hatte er irgendwo mal verlauten lassen, dass er eine gute Tasse Tee gutem Sex jederzeit vorziehen würde. Weder sei er "ein notgeiles Monster", noch habe er Sympathien für das Zölibat, aber er liebe Tee einfach über alles. Als ich ihn darauf in dem Interview ansprach, antwortete er nur: "Inzwischen mag ich Kaffee lieber. Er stimuliert mich mehr."

Boy George wusste, dass er einer der humorvollsten Popstars war: wortgewandt, geistreich und talentiert - und manchmal sehr widersprüchlich. Trotz allen Erfolgs als Sänger von Culture Club konnte er in einem einzigen Satz pure Egozentrik und totale Bescheidenheit vereinen. Diese Kombination machte ihn zu einem der besten Interviewpartner, die ich je erlebt habe. So sagte er im Rückblick auf seine Karriere: "Ich hatte ein paar Rohkrepierer unter meinen Alben, ich hatte eine Beziehung mit einem Schlagzeuger - es war ein bisschen, als wäre ich bei ABBA gewesen."


Steve Blame war von 1987 bis 1994 Redakteur und Moderator bei MTV News - und traf in dieser Zeit die Stars dieser Welt: von Morten Harket bis Madonna, vom Dalai Lama bis zu Michail Gorbatschow. Auf einestages erinnert er sich an die besten Begegnungen - immer am ersten Sonntag des Monats.


Zum Weiterlesen:


Steve Blame: "Getting Lost Is Part of the Journey". Lübbe Verlag, 2010, 379 Seiten.
Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


Debatte

insgesamt 3 Beiträge zur Debatte
Julia Weber am 8. August 2011, 17:13
Was für eine wirklich gute Erwiderung!

Paul Voss am 7. August 2011, 12:21
Das war wohl Ihre erste Autobiographie, oder?


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