| Heißer April: Ein bewaffneter Soldat bewacht am 6. April 1968 Feuerwehrleute zu ihrem Schutz, die im Hintergrund ein brennendes Haus in Washington löschen. Die Schäden der Krawalle beliefen sich auf rund 27 Millionen Dollar - in heutigem Wert wären das etwa 175 Millionen Dollar (knapp 132 Millionen Euro). |
Als sein Traum starb, brannte die US-Hauptstadt: Im April 1968 wurde Martin Luther King erschossen - daraufhin randalierten in Washington Zigtausende wütende Demonstranten. Tim Wright erinnert sich an brennende Straßen, den Einmarsch der Armee und bis heute nicht verheilte Narben.
Als die Fernsehnachrichten an diesem Abend begannen wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert war. Das Licht in unserem Wohnzimmer war aus, der Raum wurde nur von den flackernden Schwarzweißbildern beleuchtet: brennende Gebäude, Menschen, die Steine und Molotow-Cocktails warfen, während sie von Polizisten und Soldaten gejagt wurden. Es hätte ein Kriegsfilm sein können - aber dieses Drama spielte sich nicht mal 20 Kilometer von unserem Zuhause entfernt in der Hauptstadt Washington ab.
Ich war acht Jahre alt und verstand nicht, was ich sah. Aber von den Reaktionen meiner Eltern an diesem 5. April 1968 wusste ich, dass es wichtig sein musste. Meine Eltern wirkten angespannt und ängstlich. Meine Mutter kaute auf ihren Fingernägeln und rauchte Kette, während mein Vater wie versteinert auf den Fernseher starrte. Er arbeitete als Elektriker auf Baustellen für eine Firma mit Sitz in Baltimore. Auch dort gab es in dieser Nacht Aufstände und Plünderungen.
Schon am Tag zuvor hatte die Nachricht von der Ermordung Martin Luther Kings meine Eltern und die anderen Erwachsenen in Alarmstimmung versetzt. Viele arbeiteten in oder bei Washington und wir kannten die Geschichten unserer Väter nur zu gut, die zu spät zur Arbeit kamen, weil Demonstranten oder Randalierer den Berufsverkehr aufhielten.
Schon in der Nacht nach dem Attentat auf King am 4. April hatten die Unruhen in Washington begonnen. Der folgende Morgen hatte noch friedlich begonnen, bis der Bürgerrechtler Stokely Carmichael während einer Kundgebung an der Howard University mehr Ausschreitungen ankündigte. Anschließend begann die Gewalt erneut. Fensterscheiben wurden eingeworfen, Brände gelegt und Geschäfte geplündert. Ein mit Steinen und Flaschen bewaffneter Mob ging auf die Feuerwehrleute los, die versuchten, die Feuer zu löschen - und zwang sie zur Aufgabe.
Als schließlich 20.000 Menschen auf den Straßen waren und die Polizei von Washington einfach überrannt wurde, ließ Vizepräsident Hubert H. Humphrey das Militär in der Hauptstadt einmarschieren. Mehr als 13.000 Soldaten inklusive 1750 Nationalgardisten sollten helfen, den Aufstand niederzuschlagen. Marines mit Maschinengewehren postierten sich auf den Stufen vor dem Capitol und Soldaten der 3. Infanterie gingen vor dem Weißen Haus in Stellung. Die Krawalle, Brandstiftungen und Plünderungen kamen bis auf zwei Blocks an das Weiße Haus heran, bevor der Mob sich wieder zurückzog.
Ausflug ins Krisengebiet
Wir Kinder fuhren später häufig nach Washington. Bei Schulausflügen ging es in die verschiedenen Museen, wir besuchten die Kunstausstellungen, den Zoo, das Naturkundemuseum, das Luftfahrtmuseum, das Washington Monument. Mit unserem Jugendfußballverein fuhren wir zu Spielen der Profiliga und mein Vater hatte mehr als 15 Jahre lang Dauerkarten für die Footballspiele der Washington Redskins. Häufig fuhren wir während dieser Ausflüge durch die Gegend um die 14. Straße, wo die Aufstände am schlimmsten gewesen waren, Block um Block ausgebrannter Ruinen inmitten der Stadt. Mein Bruder und ich starrten durch die Autofenster auf die Trümmer und verkohlten Überreste, die zuvor Wohnungen und Geschäfte gewesen waren.
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