Über einestages

1945

Kindheit nach dem Krieg Geburtstag in Trümmern


Keine Gäste und keine Geschenke - so hatte sich Peter Hannemann seinen zehnten Geburtstag 1945 nicht vorgestellt. Stattdessen bekam er Ärger mit seiner Mutter und wurde auch noch mit einer Pistole bedroht. Erst ein Offizier sorgte dafür, dass es doch noch ein unvergesslich schöner Tag wurde.


Zwei Jungen spielen auf einer Straße in Berlin mit einer Panzerkette.


An meinem zehnten Geburtstag im Wonnemonat Mai 1945 standen die Bäume in Berlin in voller Blüte - zumindest jene, die vom Bombenkrieg verschont geblieben waren. Die Sonne strahlte am blauen Himmel, als wolle sie uns die Schrecken des gerade beendeten Krieges vergessen lassen.

Die Sowjets hatten Moskauer Zeit eingeführt: Um zwei Stunden hatten sie die Uhren vorgestellt. Schon am frühen Morgen kam eine Cousine meiner Mutter, die nur zwei Häuser weiter wohnte, zu uns zu Besuch. Die Frauen plauderten, tauschten die neuesten Nachrichten aus. Aber: Meinen Geburtstag erwähnten sie mit keiner Silbe.

Die Tante wollte bereits gehen, da rannte ich ihr in den Hausflur nach und nahm sie bei der Hand. Mit Stolz erklärte ich ihr, dass heute mein Geburtstag sei. Sie entschuldigte sich, sie hatte nicht an den Tag gedacht, erklärte sie mir. Die Verwandte versprach zugleich, am Nachmittag mit einem Geschenk wiederzukommen. Das hörte ich gern - meine Mutter jedoch weniger.

Kaum war ich wieder in der Wohnung, schimpfte sie mit mir. Es wäre sehr unangebracht, in dieser schweren Zeit eine Einladung auszusprechen. Schließlich hätten wir nichts, was wir Gästen anbieten könnten. Aber ich sah das anders: Am liebsten hätte ich der ganzen Welt von meinem Geburtstag erzählt - zumal er auf einen so schönen Tag fiel, nach einem verlorenen Krieg, den wir überlebt hatten. Vielleicht würde ich draußen jemand finden, der sich für meinen Geburtstag interessierte? Ich lief hinaus in den Hof, um dort zu spielen.

In diesem Mai war alles anders

Eigentlich war der Mai mein Lieblingsmonat - natürlich wegen meines Geburtstags, aber auch wegen des guten Wetters. Wir Kinder rannten gern zum Kreuzberg, um Maikäfer zu fangen. Aber in diesem Mai 1945 sah die Welt draußen ganz anders aus. Überall auf den Straßen und Plätzen tummelten sich Einheiten der Roten Armee. Auf der Wiese hinter unserem Haus war ein kleiner Friedhof entstanden: Die russischen Soldaten hatten dort zwei ihrer Kameraden und zwei Hausbewohner in selbstgezimmerten Särgen beerdigt.

Auf dem Hof hinter unserer Wohnung war in diesen Zeiten eine Feldküche und ein "Badezimmer" eingerichtet worden: Hier stand eine Gulaschkanone, an der ein Lette unentwegt kochte. Direkt daneben wusch sich manchmal ein Offizier mit nacktem Oberkörper aus einem Eimer.

In den wenigen Fensterscheiben, die im Krieg nicht zertrümmert worden waren, spiegelte sich die Sonne und tauchte den Hof in ein warmes Licht. In den oberen Stockwerken unseres Wohnhauses klafften von Granateneinschlägen zwei große Löcher. Auch das Küchenfenster unserer Parterrewohnung war im Bombenkrieg zertrümmert worden. Es stand wohl deswegen immer offen, so dass ich es auch als Ausstieg benutzen konnte.

Heimliche Kriegsspiele im Hof

Bald gesellte sich ein Mädchen aus dem Haus zu mir. Wir fanden zwei Besenstiele und "schossen" damit auf vorbeifliegende russische Flugzeuge. Wir spielten Krieg, als ob wir noch nicht genug davon gehabt hätten - und hofften inständig, dass uns kein Russe erwischen würde. Meine Spielkameradin verlor aber schnell die Lust und ging heim. Allein gelassen schaute ich mich neugierig um.

Vom Hinterhof konnte man auf die Schultheiss-Brauerei schauen, die wie eine Trutzburg aussah. Auch dort war eine Bombe eingeschlagen und hatte in dem Gemäuer eine tiefe Wunde hinterlassen. An der anderen Ecke des Hofs entdeckte ich zwei russische Soldaten, die bei einem Lastkraftwagen standen. Ich lief zu ihnen - mal sehen, ob ich von den Rotarmisten etwas zu essen ergattern kann! Forsch fragte ich nach "Chleb" - Brot. "Da", antwortete der eine und reichte mir einen randvoll mit Wodka gefüllten Becher. Mit einer Handbewegung gab er mir zu verstehen, dass ich diesen erst leertrinken müsse, wenn ich etwas kriegen wollte.

Kopfschüttelnd lehnte ich ab. Aber diese beiden Russen wollten ihren Spaß haben: Der eine Mann zog eine Pistole, lud sie durch und hielt sie gegen meine rechte Schläfe.

Trink oder stirb!

"Dawai!" - Nun los! - sagte er. Ich verneinte wieder: "Njet", stammelte ich auf Russisch. Auf keinen Fall würde ich das Zeug trinken! Die beiden Soldaten hielten mich nicht fest, ich hätte wegrennen können, aber das fiel mir nicht ein. Todesangst hatte ich zwar nicht. Aber ich überlegte, ob ich krank werden könnte, wenn ich den Alkohol trinken würde. Und wie würde meine Mutter reagieren, wenn ich der Aufforderung der Soldaten nachkäme? Sie würde mit Sicherheit schimpfen, zumal ich sie ja schon am Morgen erzürnt hatte - vielleicht bekäme ich sogar eine Tracht Prügel. Es war einer ihrer Lieblingsvorhaltungen, wenn ich blindlings Anweisungen anderer ausführte ohne diese zu hinterfragen. Also, keinen Wodka für mich, vielen Dank.

Der Druck des Pistolenlaufs fing an, mir wehzutun, da kam ein Offizier auf uns zu. Er erkannte sofort, was für ein Spiel hier gespielt wurde und schrie die Soldaten an. Tröstend legte er seine Hand auf meine Schulter. Ich verstand zwar kein Wort, von dem was er sagte, aber der Russe nahm die Pistole meinem Kopf weg.

Eine ganze Weile schimpfte der Offizier lautstark mit den beiden, bis er sich freundlich an mich wandte. Auf halb Russisch, halb Deutsch erklärte er mir, dass ich eine Wiedergutmachung für das Durchgemachte bekommen solle.

Die Entschädigung

Der Offizier und ich gingen vom Hof zusammen in ein Haus. Der Oberst hämmerte mit der Faust gegen die erste Tür im Flur. Als niemand öffnete, stemmte er sich gegen die Tür und verschaffte sich so Zugang in die fremde Wohnung. Es war niemand zu Hause, vermutlich waren die Bewohner geflohen. Zielstrebig ging der Russe auf die Küche zu, ich folgte ihm. Auf der Suche nach etwas Wertvollem schaute er in den Ofen - und siehe da: Dort verbargen sich zwei große Bleche mit Hefekuchen, der eine mit Streuseln, der andere mit Apfelstücken belegt. Was für ein Zufall, dass die Backware gerade zu meinem Geburtstag aufgetaucht war.

Die Kuchen rochen zwar schon alt, aber wie sagt ein altes Sprichwort: "Einem geschenktem Gaul schaut man nicht ins Maul“ - und so nahm ich die beiden Bleche dankend an, die mir der Offizier als "Entschädigung" besorgt hatte. Stolz trug ich meine Errungenschaft an der Feldküche im Hof vorbei zu unserer Wohnung.

Dort hatte sich in der Zwischenzeit Besuch eingestellt. Die Cousine meiner Mutter war wieder da und hatte dieses Mal ein großes Marmeladenglas gefüllt mit Nugat mitgebracht. In dieser knappen Zeit war ein Glas mit Nugat etwas ganz Besonderes. Auch eine meiner Patentanten aus Neukölln war gekommen. Sie hatte extra zu meinen Geburtstag den gefährlichen Weg angetreten. Die U-Bahn fuhr damals noch nur auf einer Teilstrecke, den Rest des Weges musste sie zu Fuß - über Trümmern kletternd - zurücklegen. Sie brauchte zwei Stunden.

Meine Mutter hatte zur Feier des Tages Kaffee gebrüht, den sie in einem Versteck aufbewahrt hatte. Er stammte aus einer der letzten Sonderzuteilungen. Die Damenrunde gönnte sich sogar ein paar Zigaretten. Als sie mich mit den Kuchenblechen sahen, wurde ich heiter begrüßt. Endlich mal wieder ein vergnüglicher Moment nach den Grauen des Krieges.

Schnell war der Kuchen aufgeschnitten. Genussvoll aßen wir und es störte uns gar nicht, dass er etwas altbacken schmeckte. Wir lachten viel und erzählten uns lustige Geschichten. Mich freute es besonders, dass ich es war, der den Frauen an diesem Tag im Mai 1945 die Freude ins Haus gebracht hatte.

Von der Bedrohung mit der Pistole habe ich meiner Mutter nie erzählt.


Debatte

insgesamt 2 Beiträge zur Debatte
Peter Hannemann am 27. Oktober 2012, 10:27
Vielen Dank für Ihre Ermunterung zum Weiterschreiben.

Ich bin z. Zt. in Berlin und da begegnet man der Vergangenheit an allen Ecken und Enden, das regt an. Für meine...

Sascha Nienstedt am 20. Oktober 2012, 15:36
Mehr davon, Herr Hannemann!


Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Verwandte Artikel

Kriegsende in Berlin: "Komm nur nicht her"

"Liebe Else, alle Schauergeschichten, die uns jemals...

Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs: Stadt, Land, Blut

Leichen in den Straßen, zerschossene Häuser - aber auch...

Weltkriegsende in Berlin: Tag eins nach Stunde null

Trümmer, Leichen und Verwüstung: Als sich Peter Hannemann am...


Artikel bewerten

4,9 (17 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht