Über einestages

2012

Statistin beim Fernsehen 97-mal dieselbe Szene


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dapd
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Massencasting: Bewerber auf Nebenrollen in einem Film von Regisseur Quentin Tarantino vor dem Filmstudio in Potsdam-Babelsberg. Die Komparsen-Kandidaten wollten bei dem Weltkriegsdrama "Inglourious Basterds" mitspielen. Auch Silvia Friedrich träumte davon, über eine solche Nebenrolle ins Filmgeschäft einzusteigen - und prallte hart in der Realität auf.

"Ha, jetzt komme ich!" Mit diesem triumphalen Gefühl betrat Silvia Friedrich vor zehn Jahren die Filmstudios in Babelsberg. Insgeheim träumte sie vom ganz großen Karrieresprung. Dann wurde sie mit den Härten des Fernsehgeschäfts konfrontiert - und einem Mitstatisten, der unbedingt Doktor spielen wollte.


Meistens stehen finanzielle Nöte im Vordergrund, wenn man seine körperliche Erscheinung zeitweise an eine TV- oder Kinoproduktion verkauft. So ging es auch mir. Als Studentin war ich ständig klamm und musste mir regelmäßig Geld dazu verdienen. Deshalb nahm ich immer wieder kleine Jobs an. Einer davon war eine Statistenrolle in einer Arztserie, von denen in der Post-Schwarzwaldklinik-Ära so viele produziert wurden. Drehort Babelsberg.

Es war Winter und wir sollten Sommer spielen. Also packte ich kurze Kleidchen, Blusen, Sandalen und Shorts als Ersatz für weitere Rollen ein. So hieß es in der Anleitung. Bestimmte Farben waren tabu wegen eventuell technischer Probleme mit den Kameras. Das Gleiche galt für Streifen und Kariertes. Bei der Vorstellung, nun wie einst die Stars hinauszufahren in die grünen Anlagen rund um das traditionsreiche Filmgelände, stieg ein leises Kribbeln in meinem Bauch auf. Ich würde dort wirken, wo schon Marlene Dietrich ihre Beine in die Kamera gehalten hatte!

Beschwingt reiste ich aus Berlin an. Erst mit der Bahn bis Griebnitzsee. Dann weiter mit dem Bus. Genauso wie tausende Statisten in den 90 Jahren vor mir. Ich hatte keine Ahnung, wo ich aussteigen musste. Natürlich fuhr ich zu weit und musste eine lange Strecke zurückrennen. Um sieben Uhr morgens sollte ich in Babelsberg antreten. Das war nicht mehr zu schaffen. Ich kam zu spät. Beim Durchschreiten des Eingangstors hatte ich noch ein tolles Gefühl. "Heinz Rühmann und Marlene Dietrich? Das war einmal. Ha, jetzt komme ich!"

Doch schon bald wich diese heimliche Hoffnung auf einen unerwarteten Karrieresprung einer beklemmenden Ernüchterung. Ich lernte eine bittere Lektion: Statisten sind nicht mehr als namenlose Marionetten, die nach Gutdünken hin und her geschoben werden. Aus der Traum von der schillernden Filmfabrik.

Von Glamour keine Spur

Bis ich die Halle fand, in der wir drehen sollten, dauerte es eine Weile. Es war eiskalt, und überall lag Schnee. Eine Halle ist erst einmal eine Halle, mehr nicht. Alles war aus Blech, innen schlug mir eine eisige Kälte entgegen. Mitarbeiter wiesen mich in den Keller. Dort musste ich durch eine Tür, und da saßen im Dunst aus Schweiß und verbrauchter Luft etwa 70 Statisten auf Kisten und Klappstühlen, an Tischchen und auf ihren Taschen. Von Glamour keine Spur.

Eine oder zwei Damen wieselten mit Puderquaste und Schminkzeug durch die Reihen und malten in den Gesichtern der Anwesenden herum. Eine andere machte sich an den Frisuren zu schaffen. Irgendwann wurde auch ich mit Pinselchen und Bürstchen traktiert. Das machte mir nichts aus, denn ich war hart im Nehmen und brauchte das Geld. Meine Lippen bräuchten nur ein wenig Gloss, weil sie rot genug seien, sagte die kosmetische Dame und ich mochte sie auf Anhieb dafür.

Eine andere zauberte mir eine Hochsteckfrisur wie bei Grace Kelly und fand meine Haare sehr schön. Mein Gedanke, hier ein Star zu werden, den ich beim Anblick der hunderttausend anderen verworfen hatte, blühte wieder auf. Dann wurden wir angezogen. Aus heutiger Sicht kam ich mir wie eine von Heidi Klums Model-Anwärterinnen vor, die sich aus vielen Sachen etwas aussuchen und ganz schnell anziehen müssen, obwohl es nicht passt. Das betraf besonders das Schuhwerk. Ich quetschte mich in zu kurze weiße Pumps, bekam einen Kittel an, ein Schild, wo so etwas wie Medical-Center und mein Name Dr. Klara Sommer drauf stand und ein Stethoskop um den Hals.

Ganz wenig Zeit, ganz viel zu tun

Dann stöckelte ich wieder zu den anderen Statisten in den Warteraum. Wir hockten dort und schimmelten wartend vor uns hin. Ich hatte Glück. Ich wurde relativ bald geholt. Doch vorher versüßte mir ein junger Statist die Wartezeit. Er hatte sich in mich verguckt und wich mir nicht mehr von der Seite. Er sprach mich immer verzückt mit "Frau Doktor" an und wollte, dass ich ihm den Puls fühlte oder ihn bei seiner Arztrolle mental unterstützte. Ich ließ ihn abblitzen.

Er berichtete, dass er auch als Kleindarsteller im "Kondom des Grauens" mitgewirkt hatte, um mich damit doch noch irgendwie rumzukriegen. Aber dann, endlich! Eine junge Frau mit Klemmordner unterm Arm kam ins Statistenlager gerannt, guckte hektisch hin und her, zeigte hierhin und dorthin, gab Instruktionen und lachte nur selten. Ganz wenig Zeit, ganz viel zu tun. Sie suchte aus dem Hühnerstall einige Exemplare aus, unter anderem mich. Dann ging es los. Mein männlicher Groupie wünschte mir Glück, und ich stolperte ins Dunkle. Immer der jungen Dame mit dem Klemmordner hinterher.

Überall lagen Kabel und andere tückische Hindernisse herum. Das fiel mir gleich auf und ich bekam Angst, dass ich die Aufnahme durch Taumeln versauen könnte. Am Set, einer perfekten Klinik, die hinten herum nur aus Pappmaché bestand, vorne aber wie echt aussah, fielen mir zuerst die Essenstabletts für die Patienten auf, weil die aufgestapelt herumlagen und das Gemüse aus Plastik war. "Aha, am echten Essen wird also gespart", dachte ich.

Beim Film ist alles Theater

Dass mit echtem Essen ein solcher Dreh nicht zu bestreiten war, merkte ich schnell. Denn die Vorbereitung des Sets zog sich furchtbar in die Länge. Alle Glasflächen wurden aufwendig mit Mattspray besprüht, die Punkte, wo wer wann zu stehen hat, feinsäuberlich markiert, die letzte Haarsträhne des unwichtigsten Statisten onduliert, die Hände der irgendwie in der Nähe der Kamera stehenden Personen geschminkt. Bis der Ton lief, die Techniker in höchster Alarmbereitschaft versetzt, die Statisten an ihre Plätze zitiert und die Schauspieler einsatzbereit waren, nachdem sie 32-mal geprobt hatten, dauerte es gefühlt 50 Stunden.

Dann erst kam der erlösende Ruf: "Action". Jedes echte Gemüse wäre bis dahin längst verwest.

Nun konnte man endlich zeigen, was man kann. Alle stürmten los, jeder in seine Richtung und dann: Aus. Irgendetwas war falsch. Also noch einmal von vorn. 97-mal immer dieselbe Szene. Das war ganz normal. Der Regisseur oder einer der Techniker hatten immer wieder etwas auszusetzen. Egal ob es inzwischen zwei Uhr nachts war oder die Menschen bereits in die Sommerferien fuhren. Gab es nichts mehr zu bemängeln, suchten die Herren unter der überaus dämlichen Bezeichnung "Fusselcheck" nach Verunreinigungen auf dem Bildfenster. Alle Beteiligten drückten dann ihre erlahmten Daumen, dass keinerlei Flusen gefunden wurden.

So ging es Tag für Tag. Ich wurde häufig genommen, musste nie etwas sagen, denn das wäre ja eine Sprechrolle und die kostet die Filmleute extra. So latschte ich nur durchs Bild, mal von hier nach dort oder von dort nach da, immer den Kabelsalat auf dem Boden im Blick und strahlte oder guckte ernst. Je nach Regieanweisung.

Doch es machte Spaß. Wenn man auch beim Treppe rauf- und runtergehen oder Patiententablett vor der Kamera hin- und hertragen künstlerisch wenig gefordert wurde, so schnupperte man doch Filmluft und tauchte ein in den Mythos der Traumfabrik. Ich jedenfalls bekam regelrecht Ehrfurcht vor Theaterschauspielern, die ihren Text hintereinander weg aufsagen müssen, ohne die Chance auf Wiederholung. Beim Film ist eben alles Theater.


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