
Max Ittenbach/Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz
Aufmarsch junger FDJ-Mitglieder in der DDR zu Pfingsten 1954 im Berliner Lustgarten zum zweiten Deutschlandtreffen der Jugend in Ost-Berlin.
Es war 1969, ein Jahr nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, als ich eine offizielle Einladung nach Ostberlin bekam. Ich war damals in der Außerparlamentarischen Opposition tätig - und Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS). Die Einladung kam von Günther Jahn, dem Ersten Sekretär des Zentralrates der "Freien Deutschen Jugend", kurz FDJ, die in der BRD seit 1951 verboten war.
Als Vorstandsmitglied des VDS war ich für Internationales zuständig, und da die DDR nach völkerrechtlicher Anerkennung ihrer staatlichen Souveränität hungerte, klammerten sich deren Bevollmächtigte an jeden Strohhalm, der diesem Eigenstaatlichkeitsanspruch dienlich schien. Selbst ich, ein belangloses Sandkorn im Getriebe des Weltgeschehens, war ihnen bedeutend genug, als Baustein ihrer Autonomie zu dienen. So oder ähnlich mussten die Hintergedanken von Jahn gewesen sein, als er mich per Depesche als Gast der DDR zu Konsultationen nach Ostberlin einbestellte.
Die Beziehungen der Außerparlamentarischen Opposition mit der Deutschen Demokratischen Republik waren damals nicht unproblematisch: Eine eigenständige Vertretung der Studentenschaft hat es in der DDR nicht gegeben, der Kontakt lief über die FDJ. Doch die Verständigung zwischen den Spitzenvertretern aus Ost und West gestaltete sich schwierig: Wir Westdeutschen plauderten in aller Offenheit über Sozialismus und Freiheit. Die Ostvertreter jedoch trugen einen unsichtbaren Mundschutz - wohl aus Angst vor ideologischer Ansteckungsgefahr.
Ein Labyrinth aus Sackgassen
Nach detaillierten Instruktionen über meine Schleichwege zum Grenzübergang von West nach Ost, begab ich mich dorthin - zum Bahnhof Friedrichstraße. Das geteilte Berlin durchzog zu dieser Zeit ein weit gespanntes Netz von U- und S-Bahnhöfen. Im Dritten Reich von der Deutschen Reichsbahn betrieben, war das Betriebsrecht für das Gesamt-Berliner Streckennetz nach dem Zweiten Weltkrieg auf Anordnung der alliierten Siegermächte an die Staatsbahn der Sowjetzone im Osten gefallen. Das "Deutsche Reich" war zwar zerschlagen, die "Reichsbahn" aber blieb zunächst. Sie schlängelte sich ungehindert durch die Ost- und Westsektoren, bis die Mauer kam. Als die Grenzen dichtgemacht wurden, entstanden Geisterbahnhöfe. Wo Züge aus dem Westen einst gehalten hatten, mussten sie nun unter Ost-Berlin ohne Halt durchfahren, um diesseits der Sektorengrenze wieder in den Westen zu gelangen.
Der Bahnhof Friedrichstraße war nach dem Mauerbau flugs zu einem Labyrinth gestaltet worden, dessen verschlungene Wege in Sackgassen zu enden schienen. Fahrgäste aus dem Westen verloren sich in unterirdischen Anlagen, von wo aus sie zwischen verschiedenen S- und U-Bahnlinien wechselnd wieder in den Westen fuhren. Während ihres meist kurzen Aufenthaltes hatten die Reisenden nicht viel zu tun - außer vielleicht für billig Geld im "Intershop" einkaufen. Die Gleise der Bahnsteige über der Erde, durch Sichtblenden voneinander getrennt, endeten an Prellblöcken und Sperren.
Auf den ebenerdigen Gängen in der Zwischenetage befand sich der Grenzübergang: Pass- und Zollkontrolle, Verhör- und Warteräume, sogar Arrestzellen waren dort. Die Passkontrolleinheiten der DDR trugen nur zur Tarnung die Uniformen der Volksarmee. In Wirklichkeit waren sie nicht den Grenztruppen des Verteidigungsministeriums unterstellt, sondern der Stasi. An der westlichsten Grenze des Imperiums der Sowjetunion und seiner Satellitenstaaten trugen diese Vollzugsbeamten die Bürde, die Arbeiter- und Bauernmacht zu schützen und den Frieden der Welt zu sichern. Ihren grimmigen Mienen nach zu urteilen, nahmen sie diese Aufgaben sehr ernst.
Grenzgänger konnten ein Lied davon singen: Erst nach nicht selten stundenlangem Warten und eingehender Überprüfung ihrer Absichten, Papiere und Zahlungsmittel durften die Einreisewilligen aus dem Westen endlich durch den Eisernen Vorhang schlüpfen.
Ein scheinbarer Zufall
Mir, dem offiziellen Gast der FDJ, widerfuhr derart Unbill natürlich nicht. Mit der S-Bahn aus Westberlin am Bahnhof Friedrichstraße angelangt, durchschritt ich einen unterirdischen Verbindungsgang in Richtung der Stufen hinab zum U-Bahnsteig. In dessen Nähe befand sich ein "Dienstübergang", den zu benutzen nur Angehörigen der Reichsbahn eingeräumt war. Auch hohen Funktionären der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins und der im Westen im Untergrund agierenden Kommunistischen Partei Deutschlands war dieses Schlupfloch in das Paradies der Werktätigen bekannt. Unbemerkt von öffentlichen Blicken wurden selbst Agenten durch diesen Gang geschleust, der in eingeweihten Kreisen "Ho-Chi-Minh-Pfad" genannt wurde - in Anlehnung an das Wegnetz der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams während des Vietnamkriegs.
Ich junger Emissär der Außerparlamentarischen Opposition offenbarte dem überaus freundlichen Genossen Grenzposten das vereinbarte Kennzeichen und durfte ohne weitere Kontrolle passieren. Auf Ostberliner Seite angelangt, spähte ich nach einer Kontaktperson - fand sie aber nicht. Also begab ich mich in die Höhen des Tageslichts und fand mich vor dem Portal des Bahnhofsgebäudes wieder, den Weg zur FDJ-Zentrale eigenfüßig zu finden.
Da kam mir unverhofft ein Taxifahrer entgegen. "Wohin?", fragte er scheinheilig. Ich wurde misstrauisch: Gewöhnlich saßen die Fahrer hier gelangweilt hinter dem Steuer, oder sie lasen Zeitung im Wagen und warteten, bis ein Fahrgast Einlass begehrend an die Fensterscheibe klopfte. Dieser Chauffeur aber war allzu auffällig darauf bedacht, mich daran zu hindern, eine anderes Taxi zu wählen. Ich folgte seinem Wunsch.
"Ich will der sozialistischen Volkswirtschaft nicht schaden!"
"FDJ, Unter den Linden", gab ich dem Fahrer als Zielrichtung an. Er schien überhaupt nicht verwundert. Während der kurzen Wegstrecke fragte er beiläufig, ob ich Westmark gegen Ostmark tauschen wolle: "Sagen wir eins zu vier... oder fünf? Das wäre doch ein gutes Geschäft für uns beide!" Als konspirativ erfahrener Studentenfunktionär schwante mir nichts Gutes: "Eine Falle!", dachte ich mir. Ich wusste, Schwarzumtausch war verboten und wurde in der DDR als Devisenvergehen strafrechtlich verfolgt. Zwar vermutete ich nicht, die Hintermänner des Verführers würden mich durch unbedachtes Handeln in das Zuchthaus locken wollen. Ich wäre aber erpressbar gewesen, hätte ich mich auf diesen Handel eingelassen. Vielleicht hätten die Genossen mich unter Druck setzen und zu Spitzeldiensten überreden wollen?
"Nein, so etwas mache ich nicht!", lehnte ich entschieden ab: "Ich will der sozialistischen Volkswirtschaft keinen Schaden zufügen!" Der Taxifahrer war enttäuscht. Wortlos ließ er mich vor dem FDJ-Gebäude aus dem Wagen steigen und die Fahrtkosten zuzüglich eines bescheidenen Trinkgeldes entrichten.
Nicht minder enttäuscht schienen die FDJ-Genossen. Sie hatten mich eine lange Weile im Flur vor dem Büro ihres Vorsitzenden warten lassen, bevor sie mich zum Chef einlassen würden. Ein simpler Trick: Die ausgedehnte Wartezeit erhöht die Bedeutsamkeit des Besuchten. Ich stand im Flur vor der Tür, ging einige Schritte auf und ab und ertrug dieses Wichtigkeitsritual nur mit äußerster revolutionärer Disziplin. Schließlich ergriffen mich doch Ungeduld und Empörung. Ich kehrte der Tür des FDJ-Vorsitzenden den Rücken - bereit, die Rückreise in den kapitalistischen Westen anzutreten. Just in diesem Moment hörte ich: "Herein!".
In der Zwischenzeit musste den Ersten Sekretär Günther Jahn die Nachricht ereilt haben, dass ihnen der als unbedarft eingeschätzte Abgesandte der westdeutschen Studentenbewegung leider nicht auf den Leim gegangen war. Mehr schien er nicht gewollt zu haben. Gelangweilt und belanglos plätscherte die Unterredung zwischen uns gegensätzlichen Sozialisten aus Ost und West dahin. Am Ende blieben wir uns fremd.
Zum Weiterlesen:
Nandinda: "Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachkriegsbiographie". Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009, 734 Seiten.
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