| Herr im eigenen Reich: Nach seinem Jurastudium begann J. Edgar Hoover im Alter von 22 Jahren, für das Justizministerium zu arbeiten. Mit 26 war er bereits Vizedirektor des Bureau of Investigation und drei Jahre später bis zu seinem Tod der unangefochtene Chef des FBI, insgesamt 48 Jahre lang. Hoover diente unter acht verschiedenen US-Präsidenten. Autor Tim Weiner nennt Hoover einen "amerikanischen Macchiavelli". |
Rechtsbrüche im Namen des Gesetzes: US-Autor Tim Weiner enthüllt in einem Bestseller die dunkelsten Kapitel in der Geschichte des FBI. Im Interview zeichnet er ein düsteres Bild von Mafia-Methoden, Manipulationen - und der unfassbaren Macht des legendären Chefs J. Edgar Hoover.
SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch zeichnen Sie ein düsteres Bild der amerikanischen Bundespolizei FBI. Seit der Gründung vor 103 Jahren soll sie kontinuierlich das Gesetz gebrochen haben. Ist das FBI am Ende eher eine Gefahr für den Rechtsstaat als ein Schutzschild?
Weiner: Das FBI war und ist vor allem eins: ein Machtinstrument des amerikanischen Präsidenten. Bislang hat sich noch jeder unserer Präsidenten als ein Staatschef im Krieg gefühlt. Und in diesen Kriegen war das FBI ein willkommenes Werkzeug zum Spionieren, Intrigieren und zum Machterhalt. Rechtsstaatlichkeit hat dabei nie eine wichtige Rolle gespielt. Als das Oberste Gericht 1939 die Rechte des FBI einschränkte, war es Präsident Franklin D. Roosevelt selbst, der den FBI-Chef J. Edgar Hoover anwies: Zur Hölle damit, macht weiter wie bisher.
SPIEGEL: Roosevelt hatte Angst vor den Nazis, doch die interessierten Hoover nicht besonders. Gegen wen richteten sich die Ermittlungen des FBI damals?
Weiner: Über viele Jahrzehnte jagte Hoover tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten. Im Dezember 1919 ordnete er eine landesweite Razzia an und ließ 249 ausländische Anarchisten per Schiff nach Russland deportieren. Kurz darauf verhafteten Agenten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zwischen 6000 und 10.000 Verdächtige, die Hoover für Kommunisten hielt. Seine Beamten brachen in Gewerkschaftsbüros ein, zerstörten die Einrichtung und zapften Telefone an.
SPIEGEL: Wie kein anderer verkörpert Hoover, der die Behörde von 1924 bis 1972 führte, das FBI. Wie konnte ein einzelner Mann so viel Macht erlangen?
Weiner: Indem er über jeden und alles eine geheime Akte anlegte und die Regierungsmitglieder geschickt gegeneinander ausspielte. Hoover war der raffinierteste Bürokrat des 20. Jahrhunderts, er diente nicht dem Gesetz, er war das Gesetz. Präsident Harry Truman, der Hoover misstraute, warf ihm 1945 sogar vor, er sei im Begriff, eine amerikanische Gestapo aufzubauen. Ein andermal sprach Truman davon, das FBI sei zu einem amerikanischen KGB geworden. Nixon versprach Parteifreunden fünf Mal, er werde Hoover entlassen. Aber kein Präsident, auch Truman und Nixon nicht, hatte jemals den Mut, das auch zu tun.
SPIEGEL: Wie würden Sie Hoovers Persönlichkeit charakterisieren?
Weiner: Er war ein amerikanischer Machiavelli, der sentimental wurde, wenn es um seinen Hund ging, aber in seinem ganzen Leben keine warmen Gefühle für andere Menschen empfand. Bis zu seinem 43. Lebensjahr wohnte er noch zu Hause, bei seiner Mutter. Für Hoover waren Rituale wichtig. Jeden Mittag um Punkt zwölf Uhr ging er zu Tisch und aß Roastbeef, jeden Abend Steak. Dazu gab es Jack Daniel's, aber stets nur ein Glas. Hoover ist der Mann, der den Antikommunismus in den USA groß machte und den Sicherheitsstaat predigte. Er ist der Erfinder allumfassender Überwachung.


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