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2008

Zeitenwende "Endlich angekommen!"


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K. Schubert Marko Schubert
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Die DDR-Familie: Ob DDR oder BRD - mit meiner Familie habe ich mich immer in beiden Systemen gut verstanden. Meine Eltern haben natürlich eine ganz andere Beziehung zu ihrer Vergangenheit. Hier ein traumhafter Urlaub auf der Insel Poel zu DDR-Zeiten. Damals waren wir logischerweise auch alle richtig glücklich.

Er hatte sich kein Stück bewegt - und wurde doch vom Ossi zum Wessi: Sein Leben lang wohnte Marko Schubert im Osten Berlins. Zu seinem 37. Geburtstag erlebte er seine persönliche Wende - 19 Jahre nach dem Mauerfall.


Mein 37. Geburtstag stand vor der Tür. Kein besonderes Ereignis - weder ein rundes Jahr, noch war gerade irgendetwas Außergewöhnliches passiert. Trotzdem hatte ich Lust, eine richtig große Party zu geben. Was mir fehlte, war ein pfiffiges Motto. Es sollte mit mir zu tun haben. Aber wer bin ich?

1971 im Ostberliner Stadtteil Friedrichshain geboren, habe ich dort mein komplettes Leben lang gewohnt. In meiner Stammkneipe in der Wühlischstraße werde ich von den vielen Zugezogenen bestaunt: ein gebürtiger Berliner, Ostberliner und dann auch noch Friedrichshainer! Wahrscheinlich bin ich einer der letzten meiner Art. Mein Wohnort blieb gleich, doch mein Heimatland wurde ein anderes. Die Zeitenwende erlebte ich an meinem 37. Geburtstag. Fast 19 Jahre nach der politischen Wende in Deutschland folgte meine persönliche.

Die Wundertüte des Westens

Der Mauerfall 1989 war für mich das schönste und wichtigste Ereignis meines Lebens. Von da an verlief es völlig anders als gedacht: keine Nationale Volksarmee, keine "freiwillige" SED-Mitgliedschaft, keine Bude mit Ofenheizung und Außenklo, kein Trabi mit 30, keine dreiwöchigen Zelturlaube am Ostseestrand, keine Sauregurkenzeit in Konsumläden und so weiter und so fort. Luxus spielt für mich keine große Rolle, aber daran gibt es nichts zu rütteln: Der Westen öffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte.

Ich konnte die Welt sehen. Meine Weltkarte an der Wand ist voll mit roten Punkten. Ich machte eine einjährige Weltreise, und meine Freunde und Bekannten leben weit verstreut; viele auch in Westdeutschland. Bis zum Mauerfall kannte ich ausschließlich Ostdeutsche. Heute zähle ich Hamburger, Mannheimer, Pfälzer und sogar Schwaben zu meinen Freunden. Meine Arbeitgeber waren meistens Wessis. Und auch mein Mädel ist Wessi durch und durch. Ich bin ein Ossi auf Tour.

Verloren habe ich durch die Wende - nichts. Alte Freunde aus der DDR und meine Familie sind mir weiterhin nah. Ein Jammerossi bin ich deshalb nie geworden; Ich denke nicht nostalgisch oder gar "ostalgisch" an mein früheres Leben. Aber ich erinnere mich. An meinen Kindergarten, wo ich wie jeder einen Platz bekam. Im Westen gibt es so etwas bis heute nicht. Ich betrachte mich im FDJ- oder Pionierausweis, denke an unsere "Go-Trabi-Go-Aktion" nach Budapest, an mein erstes Bier im Lager für Arbeit und Erholung und an meine DDR-Jugendweihe, betrachte meine Auszeichnungen und Urkunden aus vergangenen Tagen. Ich lache bei der Erinnerung an Zigaretten-Diebstähle in diversen Kaufhallen, sinnlose Gruppenratswahlen und einseitige Diskussionen im Staatsbürgerkunde-Unterricht.

Das Party-Motto

Ich habe auch nicht vergessen, dass ich meinen Abiturplatz nur bekam, weil ich mich drei Jahre für die NVA verpflichtet hatte, dass im Wehrerziehungslager bereits die ersten Jungoffiziere und Stasimitarbeiter in spe geschnüffelt haben und vor allem, dass ich keine Hoffnung hatte, jemals nach New York, Sydney und Barcelona zu kommen. Meine Kindheit und Jugend in der DDR war okay, aber ich bin unglaublich glücklich, dass solche Hohlköpfe wie Honecker und Krenz von der Bildfläche verschwunden sind. Es ist ein Glück, dass das unwirkliche Land, in dem ich meine ersten 18,5 Jahre verbrachte, nur noch in der Erinnerung existiert.

Mittlerweile wohne ich länger in der Bundesrepublik Deutschland als in der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin mehr Wessi als Ossi. Das wollte ich feiern! Die Gäste auf der Party zu meinem 37. Geburtstag in einer Kleingartenkolonie in Ostberlin: 50 Prozent Ost-, 50 Prozent Westdeutsche. Als Motto der Party schrieb ich auf die Einladungen: "Endlich angekommen". Nicht als Frage sondern mit Ausrufezeichen.


Debatte

insgesamt 5 Beiträge zur Debatte
Bettina Horn am 7. April 2009, 16:47
Hallo, ich bin schon seit 10 Jahren überzeugter Wossi. Lebe seit 1993 in Schleswig-Holstein, komme aber aus Meckl.-Vorpommern. Ich bin jedesmal erschüttert, wie fremd...

Heinz Eggert am 22. September 2008, 19:20
Diese Art erlebte Geschichte dringt leider in ihrer Differenziertheit in der Öffentlichkeit kaum durch..
Gruss aus Dresden HE


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