| Reporter im Fluchtwagen: Der Journalist Udo Röbel (r.), damals stellvertretender Chefredakteur des Kölner "Express" fuhr am 18. August 1988 zwischen Köln und der Raststätte Siegburg im Fluchtfahrzeug mit. Er hatte sich in der Kölner Innenstadt angeboten, die Geiselnehmer bis zur nächsten Autobahnauffahrt zu lotsen. Heute sieht Röbel seine zunächst als journalistischen Scoop gefeierte Aktion selbstkritisch. Hinter Röbel ist Dieter Degowski mit den Geiseln Silke Bischoff (Mitte) und Ines Voitle (l., heute Falk) zu sehen. |
Er war dichter dran als alle anderen - und bereute es: Der Reporter Udo Röbel schrieb Geschichte, als er 1988 während des Geiseldramas von Gladbeck zu den Entführern ins Auto stieg. Auf einestages erinnert sich der spätere "Bild"-Chefredakteur an die dramatischen Stunden und an seinen größten Fehler.
einestages: Wann und wie haben Sie erfahren, dass in Gladbeck ein Banküberfall aus dem Ruder gelaufen war und in ein bizarres Roadmovie mit redseligen Gangstern, abgetauchte Polizisten, einer hemmungslosen Journalistenmeute und Geiseln in Todesangst ausartete?
Röbel: Ich war wohl einer der ganz wenigen Menschen, die Gladbeck erstmal verschlafen hatten. Wahrscheinlich sogar der einzige Journalist in Deutschland. Am ersten Tag des Geiseldramas verließ ich die Redaktion des "Express" in Köln am frühen Nachmittag. Da war mein Wissensstand, dass seit dem Morgen eine Geiselnahme in Gladbeck läuft und der Ausgang noch ungewiss ist. Am nächsten Tag hatte ich frei, sah kein Fernsehen, hörte kein Radio und las keine Zeitung - dass die Gangster Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner aus der Bank mit dem Auto nach Bremen flohen, einen Linienbus kaperten und an der Raststätte Grundbergsee den kleinen Emanuele di Giorgi erschossen hatten - all das fehlte mir.
einestages: Der stellvertretende Chefredakteur des "Express" war völlig ahnungslos?
Röbel: Bei mir setzt Gladbeck erst wieder am dritten Tag ein. Ich war frühmorgens Tennis spielen gegangen, völlig unbeleckt von dem, was passiert war. Als ich fertig war, geduscht hatte und einen Kaffee trank, sah ich auf einem kleinen Fernseher in der Cafeteria im Frühstücksfernsehen, was inzwischen passiert war. Da bin ich nichts wie los in die Redaktion.
einestages: Was haben Sie denn gedacht, als Sie im Fernsehen sahen, wie die Geiselgangster aus dem gekaperten Bus heraus eine Art Pressekonferenz veranstalteten und sich Rösner vor laufender Kamera den Pistolenlauf in den Mund schob?
Röbel: Ich habe gedacht, dass ich mir um die Schlagzeile heute keine Sorgen mehr machen muss. Das war ein rein journalistischer Reflex. Mein Gedanke war: "Ist ja irre, so etwas hat es noch nie gegeben!" Da war noch überhaupt kein Nachdenken dabei, wie diese Bilder denn entstanden sind. Als ich in der Redaktion ankam, war noch kein Mensch da. Ich habe alles, was über Nacht an Agenturmeldungen aufgelaufen war, sortiert und nachgelesen, was ich da eben im Fernsehen gesehen hatte. Ich stand knietief in Meldungen, damals lief das ja noch alles über Fernschreiben. Da kam dann der Redaktionsbote rein, der normalerweise die Agenturmeldungen abreißt und ich sagte zu ihm: "Das ist ja ein irres Ding mit Gladbeck." Und da antwortet er: "Ja, die stehen da unten." Ich zu ihm: "Wie, die stehen da unten?" Er: "Ich bin gerade eben die Breite Straße hoch, die sind gerade gekommen, die parken da unten, direkt vor dem Haus."
einestages: Was taten Sie als erstes?
Röbel: Meine erste Reaktion war natürlich: Wo ist ein Reporter, wo ist ein Fotograf? Und dann bin ich selber runtergegangen, denn ich war zwar damals stellvertretender Chefredakteur, aber ich bin ja nicht Journalist geworden, um Chef zu sein, sondern Reporter. Also bin ich runter, und dann sah ich sie 50 Meter entfernt.
einestages: Die Gangster parkten direkt am Pressehaus und wurden im Nu von Schaulustigen und Reportern umringt. Wie haben Sie die Atmosphäre erlebt?
Röbel: Als ich kam, war das eigentlich noch ein ganz friedliches Bild, normaler Straßenbetrieb. Die Geschäfte machten ja gerade auf. Das einzige, was nicht passte, war, dass mitten in der Fußgängerzone ein großer BMW stand. Ich näherte mich, und da war so eine Imbissbude, eine Bäckerei mit Kaffeeausschank, da holten sich Rösner und Degowski gerade Kaffee. Da bin ich dann so ganz langsam ran, während die wieder ins Auto stiegen. Ein stiller, friedlicher Morgen.
einestages: Und wie entwickelte sich die Szenerie dann?
Röbel: Innerhalb von drei, vier Minuten kamen natürlich die ersten Fotografen, dann wenig später auch Fernsehteams. Nach zehn Minuten hatte sich dann ein erster Pulk von Reportern um das Auto gebildet.
einestages: War Ihnen in diesem Moment nicht bewusst, dass das Geiselnehmer und Mörder waren, schwerbewaffnete Verbrecher? Wenn man die Bilder heute so sieht, würde man denken, dass Paris Hilton in dem Wagen saß, nicht Gangster, die kurz zuvor einen Fünfzehnjährigen exekutiert hatten.
Röbel: Das ist genau das, was so schwierig zu beschreiben ist. Ich war in einer unglaublichen Spannungssituation. Natürlich waren das Verbrecher. Ich sah ja auch die angsterfüllten Gesichter der Geiseln, sah die Waffen. Trotzdem blieb ich dran. So etwas hatte noch nie einer erlebt, auf so etwas war kein Reporter vorbereitet worden. Jetzt konnte man aber auf Zentimeter an solche Täter herankommen und von Angesicht zu Angesicht mit denen sprechen. Was man jetzt im Abstand von zwanzig Jahren darüber reflektiert, war damals noch nicht Teil meiner Überlegungen.
einestages: In der Menge waren auch Polizisten in Zivil. Haben Sie einen Zugriff befürchtet?
Röbel: Ich habe nicht mitgekriegt, dass da welche waren. Geschweige denn mitbekommen, dass da vielleicht sogar ein Zugriff vorbereitet wurde. Die Polizei hatte ja die ganzen Tage vorher nicht aktiv eingegriffen. Für uns Journalisten war das, so zynisch es klingt, mittlerweile schon so etwas wie Normalzustand. Offenbar war das einfach so bei diesem Geiseldrama. Also ging es nur darum, den besten Platz zu ergattern und zu verteidigen.
einestages: Dann kam der Moment, der sie berühmt machte - Sie haben sich zu Tätern und Geiseln in das Fluchtauto gezwängt, sind mit ihnen schließlich davongefahren. Wie kam es dazu?
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