Über einestages

1977

Kapitäne erzählen Angriff der Killer-Möwen


zurück vor 1  /  4
Großbildansicht
dpa
zurück vor
Im Überlebensanzug: Richard Neu stellte sich 1977 für den Test eines Überlebensanzugs zur Verfügung. Die orangefarbenen Overalls, in denen man stundenlang in kalter See treiben kann, galten damals als neue Entwicklung. Vor der schottischen Küste ließ Neu sich zusammen mit einem Matrosen von Bord der "Poseidon" in die fünf Grad kalte See fallen. Nachdem man seinen Kollegen aufgrund einer Panikattacke bereits nach kurzer Zeit aus dem Wasser hatte holen müssen, trieb Richard Neu lange Zeit allein im Wasser. Der Bordmeteorologe erzählte ihm später, man habe ihn aufgrund des Schneetreibens vollkommen aus den Augen verloren. Die Aufnahme zeigt Kapitän Peter Reymer, der am 14. Januar 1997 die Funktionsweise einer völlig neu konstruierten Rettungsweste vorführt.

Es sollte ein Test sein - und wurde tödlicher Ernst. In einem neuartigen Rettungsanzug trieb Kapitän Richard Neu stundenlang im eiskalten Wasser vor der schottischen Küste, seine Crew hatte ihn im Schneesturm verloren. Dann versagte der Anzug - und riesige Möwen griffen an.


Ich kann nicht schwimmen. Es ist gar nicht nötig, schwimmen zu können, wenn man auf einem Hochseetrawler arbeitet. Wer in schwerer See "in den Bach fällt", wie wir Fischer das nennen, oder wer an Bord ist, wenn das Schiff sinkt, ist als Nichtschwimmer besser dran. Wenn es keine Chance auf Rettung gibt, ist das Ertrinken schneller vorüber.

Mein Leben lang bin ich als Fischer zur See gefahren. Von einem Bauernhof in Litauen, aus einem Dorf, in dem wir wie im Mittelalter lebten, brachte ich es zum Kapitän eines modernen Fabrikschiffs. Als die Hoheitsgewässer jedes Landes von 12 auf 200 Seemeilen erweitert wurden, begann das schleichende Ende der deutschen Hochseeflotte. Und für mich hieß es, eine andere Beschäftigung zu suchen. Ich heuerte beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten an, als "Sicherheitsoffizier" auf einem Fischereiforschungsschiff.

Im Januar 1977 wurde ich dem Fischereischutzboot "Poseidon" zugeteilt, das von Cuxhaven an die kanadische Labradorküste lief. Überlebensanzüge, diese orangefarbenen Overalls, in denen man aussieht wie ein Astronaut und stundenlang in kalter See treiben kann, galten damals noch als neue Entwicklung. Zwei Prototypen waren an Bord und sollten ausprobiert werden. Ich stellte mich als Testperson zur Verfügung, weil ich fand, dass es als "Sicherheitsoffizier" zu meinen Aufgaben gehörte.

"Lerne Leiden, ohne zu klagen"

Für den ersten Test stoppte die "Poseidon" unter Island, etwa 20 Seemeilen vor Keflavik. Matrose Achim und ich stiegen in die Anzüge, die man an den Handgelenken und an den Beinen mit einem Klettverschluss und am Hals durch einen Reißverschluss schloss. Im Nacken befand sich eine wulstförmige Schwimmweste. Das Prinzip: Meerwasser sollte in den Einzug einströmen und sich durch die Körpertemperatur erwärmen.

Wie frisch es dann wurde, wenn der Atlantik in den Anzug kroch, spürte ich, als ich einen Fischwurf von der "Poseidon" entfernt vom Schlauchboot glitt. 11 Grad war der Ozean kalt, ich holte tief Luft, doch immerhin wurde es in den nächsten Minuten wärmer. Als man mich nach einer halben Stunde auffischte, betrug die Temperatur im Anzug 19 Grad. Test bestanden.

Das Fischereischutzboot "Poseidon" fuhr weiter zur "Hamilton-Bank", wo wir als schwimmendes Krankenhaus für die Flotte der deutschen Hochseefischer trieben, für etwa 20 Trawler, also knapp 800 Mann Besatzung. Vor allem Knochenbrüche und Schnittwunden gehörten zum Alltag. Zu Verletzungen kam es, wenn das schwere Geschirr ausgesetzt oder eingeholt wurde. Manchmal mussten wir auch Tote übernehmen.

Fischer auf dem Nordatlantik zu sein war nie ein Vergnügen: Sturm, Eis und das Risiko, sich schwer zu verletzten, gehörten dazu. Einem Matrosen auf meinem Schiff durchschnitt eine gebrochene Kette das Kniegelenk, wie mit einem Peitschenhieb. Ein anderer verlor seine Augenbraue. Wir haben die Wunden geklammert. Ein paar Wochen später waren die Männer wieder einsatzfähig. Ich habe den Satz geprägt: "Lerne leiden, ohne zu klagen."

Allein im eiskalten Wasser

Als Kapitän eines Trawlers war man Arzt, Seelsorger und Psychologe zugleich. Besonders schlimm war es zu Weihnachten auf See, wenn die Stimmung der Besatzung, von denen einige Kinder hatten und ihre Familien vermissten, auf Tiefseeniveau absank. Andererseits spürte man den Druck, den Betrieb am Laufen zu halten und bekam vom Reeder vor der Abfahrt Zettel zugesteckt, auf denen stand: "Neu, vor allem Rotbarsch und Kabeljau fangen! Seelachs so wenig wie möglich." Dann hieß es, nicht nur Fisch zu fangen, sondern obendrein den richtigen Fisch zu finden.

Meine Bitte, den Überlebensanzug im ein Grad kalten Wasser vor Labrador zu testen, lehnte der Kapitän der "Poseidon" ab. Auf der Heimreise, sechs Wochen später, als wir den Nordatlantik überquert hatten, sollte ich die zweite Gelegenheit bekommen. Vor den Äußeren Hebriden stoppte die "Poseidon". Weil Matrose Achim am Abend zuvor etwas Alkohol getrunken hatte, schlüpfte sein Kollege Martin als Vertretung in den Overall. Etwa 50 Meter vom Schiff entfernt ließen wir uns in die fünf Grad kalte See fallen.

Doch Matrose Martin bekam nach kurzer Zeit eine Panikattacke. "Holt mich raus! Holt mich raus!", schrie er. Die Besatzung zog ihn aufs Schlauchboot - und tuckerte zurück zur "Poseidon". Ich konnte es nicht glauben. Es war fest vereinbart worden, dass das Schlauchboot zur Sicherheit immer neben den Testpersonen blieb. Ich rief noch hinter ihnen her, doch sie konnten mich offenbar nicht hören.

Möwen greifen an!

Ich trieb in der offenen See und versuchte, meine Furcht zu unterdrücken. Der Wind, der zu Beginn des Tests mit Beaufort vier wehte, frischte immer mehr auf. Das Wetter änderte sich dramatisch: Schneetreiben setzte ein und Böen der Stärke sieben peitschten über das Meer. Ich konnte "Poseidon" nicht mehr erkennen.

Zähe Minuten. Wie lange ich im Wasser trieb, weiß ich nicht, denn Zeit fühlt sich in einer Lebensgefahr ganz anders an. "Die wissen an Bord, wo ich bin und holen mich jeden Moment raus", redete ich mir ein.

In meinen Jahren als Seemann war ich zuvor zwei Mal knapp dem Tode entkommen. Auf dem Fischdampfer "Württenberg" traf mich ein schwerer Eisbrocken am Kopf, doch ich fiel nicht über Bord, sondern bewusstlos aufs Deck. Ein anderes Mal geriet ich mit einem kleinen Schlauchboot in die Schraube eines Trawlers, die mich wie durch ein Wunder nicht zermalmte, sondern nur einige Rippen brach. Nun schien mein Glück aufgebraucht zu sein.

Ich sah plötzlich einen hellen Schatten auf mich zukommen. Noch einen. Möwen! Ein Schwarm Möwen griff mich an. Sie zielten mit ihren spitzen Schnäbeln immer wieder auf mein Gesicht, direkt auf meine Augen. Es war wie in diesem Horrorfilm. Ich versuchte, mich zu schützen und durch die ruckartigen Bewegungen und den Seegang kippte ich immer wieder auf die Seite. Das angewärmte Wasser lief aus dem Anzug. Mir wurde kalt. Wenn eine Welle mich anhob, drehte ich verzweifelt den Kopf, um nach dem Schiff Ausschau zu halten. Keine Spur der "Poseidon."

Ich wusste, dass ich sterbe

Meine Beine wurden taub. Ich spürte, man muss das so ausdrücken, wie der Tod kam. Ich wusste, dass ich nun sterben würde. Seltsam war, dass es mir nicht sonderlich schwer fiel, mich zu verabschieden. Ich weiß noch, dass ich darüber nachdachte, ob ich als Seemann alles richtig gemacht hatte. Ich tröstete mich, denn ich war überzeugt, meine Aufgaben so gut es ging erfüllt zu haben.

In meinem Kopf sah ich einzelne Bilder: Meine Frau, unser Zuhause, wie Fotos aus unserem Leben. Ich ging mein Leben schnell durch, blieb dabei aber ganz ruhig. Dass die Möwen immer aggressiver wurden, bekam ich noch mit. Dann wurde es dunkel in meinem Kopf, als drehte jemand einen Lichtschalter ganz langsam aus. Es war mir, als sinke ich hinab in ein finsteres, tiefes Loch.

Als ich wieder zu mir kam, spürte ich in einer Art Dämmerzustand, wie mich starke Arme über Deck schleiften und man mich entkleidete. Ich selbst konnte mich nicht bewegen, es war, als sei ich gelähmt. Was nun geschah, war an Absurdität kaum zu überbieten, denn den Gefahren des Ozeans und den Möwen war ich entkommen, nicht aber dem Mediziner an Bord der "Poseidon". Der Doktor ließ mich entkleiden, unter eine heiße Dusche stellen und flößte mir einen halben Liter Punsch ein.

Nach 24 Stunden wieder Wachdienst

Mein unterkühlter Körper bäumte sich im Schock auf, ich zitterte, ich flatterte regelrecht, es war ein furchtbares Gefühl, das nicht enden wollte. Erst nach einer Stunde stabilisierte sich mein Kreislauf allmählich. Es grenzt an ein Wunder, dass mein Herz nicht aussetzte. Man brachte mich auf meine Kammer. 24 Stunden durfte ich ruhen, dann teilte man mich wieder einem Wachdienst auf der Brücke zu. Was ich erlebt hatte, die Furcht, die Todesnähe, beschäftigte mich noch einige Tage lang. Ich überlegte, Kapitän und Arzt mit meinen Vorwürfen zu konfrontieren, ließ das aber sein. Sie hatten zwar fahrlässig, aber nicht absichtlich falsch gehandelt.

Niemand an Bord sprach mit mir über das Ereignis, auf Anordnung der Schiffsführung. Aber der Bordmeteorologe berichtete mir heimlich, dass man mich im Schneetreiben vollkommen aus den Augen verloren hatte. Auf der Brücke sei Panik ausgebrochen und der Kapitän habe mehrere Matrosen zum Suchen abkommandiert. Dass man mich wieder fand? War reiner Zufall, meinte der Wettermann.

Die Hamburger Dienststelle beorderte mich auf das Fischerforschungsschiff "Walter Herwig", zu dessen Stammbesatzung ich bald zählen sollte. In den nächsten Jahren entwickelte man neue Überlebensanzüge, die den Körper komplett umschlossen. Die Augen werden durch ein Visier aus durchsichtigem Kunststoff vor den Attacken von Seevögeln geschützt.

An Bord der "Poseidon" ging ich nie wieder. Ich habe dem Kapitän und dem Schiffsarzt öffentlich keinen Vorwurf gemacht. Aber ihnen verzeihen? Das konnte ich nicht.


Kapitän Richard Neu, Jahrgang 1930, wuchs in einem entlegenen Dorf im litauischen Landkreis Tauroggen auf. 1940 floh seine Familie wegen des deutsch-sowjetischen Abkommens nach Schleswig-Holstein. Neu erlernte den Beruf des Netzmachers und Taklers, bevor er im Alter von 26 Jahren zur See fuhr. 1969 übernahm er als Kapitän seinen ersten Trawler und wurde von seinen Kollegen "King Richie" gerufen. Mitte der siebziger Jahre wechselte Neu als Nautischer Offizier ins Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und ging auf Reisen in die Arktis und Antarktis. Neu ist verheiratet und lebt in Hechthausen, Niedersachsen.


Aufgezeichnet von Stefan Krücken


Zum Weiterlesen:


Stefan Krücken: "Orkanfahrt - 25 Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten" Ankerherz-Verlag, Appel; 176 Seiten.
Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL Shop.

Zum Weiterhören:
Stefan Krücken: "Orkanfahrt - Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten", gelesen von Otto Sander; Random House Audio, Köln.
Die CD erhalten Sie im SPIEGEL Shop.

Der Verlag:
Die Bücher von Ankerherz sind authentisch, ganz nah dran und von ihren Erzählern autorisiert. In einem Format zwischen Bildband, Sachbuch und Reportage widmet sich der Hamburger Verlag Geschichten von unbekannten Helden.
Zur Internetseite von Ankerherz.



Oder fliegen Sie durch die Bilderwelt des 20. Jahrhunderts mit der einestages-Zeitmaschine!


Debatte

insgesamt 2 Beiträge zur Debatte
Florian Geier am 22. Mai 2013, 22:16
Hieß der Fischdampfer wirklich "Württenberg"
oder "Württemberg"?

Olaf Fiebig am 25. August 2008, 12:31
Die "letzte Hilfe" des Bordarztes ist in meinen Augen mehr als fahrlaessig. Bei der Vorbereitung zum Sportbootfuehrerschein und in jedem Segelkurs wurde immer wieder...


Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Verwandte Artikel

Kapitäne erzählen: Lachs und Kanonen

Ein cholerischer Kapitän, der gern trinkt. Eine Fangleine,...

Kapitäne erzählen: Der Untergang von Ocean City

Tosender Sturm, Chaos an Deck - und dann ein mörderisches...

Kapitäne erzählen: "'Schwabenstein', Sie werden geentert!"

"Ein Seemann ist kein Hasenfuß", weiß Gerhard Lickfett....


Artikel bewerten

3,0 (922 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht