| Konfetti-Spielerei: Für ihr Filmplakat, das 1954 für die Wiederaufführung des Filmklassikers "Kinder des Olymp" warb, fotografierte die Grafikerin Isolde Monson-Baumgart das Bildnis des Hauptdarstellers Jean-Louis Barrault von der Leinwand ab und streute Konfetti über das die Fotografie. |
Dralle Blondinen, harte Kerle und viele Explosionen: Übler Kitsch beherrschte die Kinowerbung in den fünfziger Jahren - dann revolutionierten ein paar junge Grafiker die Kunst des Filmplakats. Reißerisches war ihnen fremd, dramatisch waren ihre Motive allemal. einestages zeigt die Schönsten. Von Jens Müller
Grell, schrill und schrecklich kitschig prangten sie in den fünfziger Jahren an jedem deutschen Kino, ob in der Provinz oder den Metropolen: Filmplakate, die eher an die Aufreißeroptik der Sex-Schuppen an der Hamburger Reeperbahn erinnerte oder an die schwüle Heimatästhetik der NS-Zeit.
Dann trat Walter Kirchner auf den Plan. Im niedersächsischen Universitätsstädtchen Göttingen gründete der Jura-Student 1953 den Filmverleih "Neue Filmkunst". Kirchner brachte als erster Filme von Regisseuren wie Ingmar Bergmann oder Louis Buñuel nach Deutschland - uns er hatte sich auf die Fahnen geschrieben, seine Filme nicht mehr mit dem Standardmit ungewöhnlichen, grafisch gestalteten Plakaten zu bewerben.
Schon zehn Jahre später waren die Werke, die der Revolutionär von der Leine in Auftrag gegeben hatte, museumsreif - die Neue Sammlung, das Museum für angewandte Kunst in München, zeigte 1965 Filmplakate der Neuen Filmkunst in einer eigenen Ausstellung. "In wenigen Gebieten der Gebrauchsgrafik ist die Diskrepanz zwischen hoher Qualität und minderwertigem Machwerk so groß und so offensichtlich wie im Bereich des Filmplakats", hieß es damals im Katalog zur Ausstellung. "Litfaßsäulen und Plakatwände werden von marktschreierisch lauten, in Bild und Wort Superlativ an Superlativ reihenden Plakaten beherrscht, deren reißerische Banalität kaum noch zu unterbieten ist."
Der Autor wird beim Schreiben an Filme wie "Lawrence von Arabien" gedacht haben, für den ein säbelschwingender Araber und ein explodierender Zug im Schein eines gigantischen Vollmondes um Zuschauer warben. Die Neue Filmkunst wollte etwas anderes, nämlich "grafisch hervorragende Plakate, auf denen intelligent und sensibel, leise und eindringlich der Charakter, das Fluidum eines Films interpretiert ist". Anstatt "mit primitivsten Mitteln die Amüsierbegierde" anzustacheln, sollten die Poster "Interesse und Phantasie für ein künstlerisches Ereignis wachgerufen" werden. "Es sind zwei Welten", so der Katalogautor, "nicht nur des Plakats, sondern auch des Films."
Wettbewerb um die schönsten Grafiken
Tatsächlich gab es in der Filmwerbung Mitte der sechziger Jahre nicht nur die Trennung zwischen kommerziellem und künstlerischem Film. Auch in der Kinowerbung standen sich zwei sehr gegensätzliche Ansätze gegenüber. Aber während die bunten Kitschplakate des Mainstream-Kinos in Veröffentlichungen und Ausstellungen regelmäßig gefeiert werden, ist es um die grafische Gegenbewegung jener Zeit inzwischen still geworden - obwohl die Jahre zwischen 1953 und 1974 eine Ära anspruchsvoller Filmplakate in Deutschland waren, die es so weder zuvor und seither auch nicht wieder gab.
Auf der Suche nach einem kreativen Grafiker trat die Neue Filmkunst an Hans Leistikow heran, Professor an der Staatlichen Werkakademie im nahegelegenen Kassel. Statt den Auftrag allerdings selber anzunehmen, formulierte Leistikow daraus einen Wettbewerb für Studenten: Ein Plakat für den französischen Film "Das Leben beginnt morgen" sollte gestaltet werden. Der Sieger des Wettbewerbs, Hans Hillmann, erhielt am Ende den Gesamtauftrag für alle Drucksachen der Neuen Filmkunst
Es war die Geburtstunde einer neuen Epoche. Hillmann wurde in den folgenden Jahren zur Lichtgestalt der deutschen Filmgrafik, seine Plakate wurden zu Signalen. Die ersten Entwürfe fertigte Hillmann im Linolschnitt an und ließ sie dann im Siebdruckverfahren herstellen. Mit Fortschreiten der Technik griff er aber bald auch auf Fotos für die Gestaltung der Aufträge der Neuen Flmkunst zurück. Außerdem belebte Hillmann das Genre, indem er Plakataufträge an befreundete Grafiker wie Isolde Monson-Baumgart oder Wolfgang Schmidt weiterreichte. Schmidt war es zum Beispiel, der mit der Idee, Plakatmotive direkt von der Leinwand abzufotografieren, eine völlig neue Bildsprache erfand.
Paradiesische Verhältnisse
Die Plakate, die in diesen Jahren für die Filmkunstmeisterwerke des kleinen Göttinger Verleihs entstanden, wurden damals weltweit mit Preisen ausgezeichnet und in Ausstellungen gefeiert. Das Geheimnis des Erfolgs war einfach: Der Auftraggeber ließ den Künstlern freie Hand. Bis zum Abgabetermin hatten sie oft Wochen oder Monate Zeit - paradiesische Arbeitsverhältnisse für die Gestalter, und mit entsprechenden Ergebnissen. Hillmann und seine Kollegen brachten die deutsche Plakatkultur so auf ein Niveau, das zuletzt in den zwanziger Jahren erreicht worden war.
1959 griff ein weiterer Filmverleih die ehrgeizige Idee der Neuen Filmkunst auf: Der Duisburger Kinobetreiber Hanns Eckelkamp bekam als Mitarbeiter des Verleihs Sonder-Film die Chance, den Western "12 Uhr mittags" erneut in die Kinos zu bringen. Er setzte sich dafür ein, dass der Film nicht nur in die Action-Kinos kam. Für Ankündigung der Streifens in den Filmkunsttheater ließ er von dem Gestalterehepaar Fritz Fischer und Dorothea Fischer-Nosbisch eigens ein neues Plakat gestalten - und tatsächlich spielte der Film in den anspruchsvollen Häusern nun deutlich mehr ein als zuvor. Hanns Eckelkamp erkannte das Potential der Wiederaufführungen und gründete 1960 den Atlas Filmverleih.

In Sci-Fi-Thrillern und Horrorfilmen sind sie oft die wahren...
Ungeplante Explosionen, Schauspieler auf Drogen und ein...
Parken, träumen, knutschen: Vor 75 Jahren wurde das erste...