| Einspülen der Brückenpfähle: Bei den Deichbauarbeiten am Friedrich-Wilhelm-Lübke-Kooges in Nordfriesland wurden die Jochpfähle für die Brücke zum Deichschluss - wie auf diesem Bild zu sehen - zunächst provisorisch gesetzt, um später auf die endgültige Tiefe gerammt zu werden. |
Mensch gegen Natur: Bei einer unerwarteten Sturmflut in Nordfriesland musste Gerhard Lenssen mit ansehen, wie ein losgerissenes Schiff die von ihm konstruierte Deichbrücke zerschlug - bis ein wagemutiger Arbeiter dem Spuk ein Ende machte.
Die Hamburger Tiefbau-Firma, bei der ich als Statiker arbeitete, erhielt 1954 den Zuschlag für den Bau des später so genannten Friedrich-Wilhelm-Lübke-Kooges in Nordfriesland. Vor dem bestehenden Deich sollte zwei Kilometer weiter seewärts ein neuer, 7,2 Meter hoher Deich errichtet werden. Er würde im Norden an den Hindenburgdamm, der die Insel Sylt mit dem Festland verbindet, und im Süden an den bestehenden Deich anschließen; 1300 Hektar neues Land würden so gewonnen werden - das war der Plan.
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Während von beiden Seiten, von Norden und von Süden, der Deichbau voranging, wurde die Marschlandfläche täglich zweimal von der Tide überflutet. Die Lücke, durch die das Wasser in die zukünftige Koogfläche ein- und ausströmte, wurde immer enger und die Fließgeschwindigkeit so groß, dass das Wasser den Boden an dieser Stelle mitriss. Wir konnten uns daher nicht einfach vorarbeiten, bis Nord- und Süddeich aufeinandertrafen, die Strömung wäre zu stark geworden. Und hier begann meine Aufgabe.
Für die Deichschlusslücke war eine Brücke vorgesehen. Bei Ebbe sollten von ihr Tafeln herabgelassen werden, die den Zufluss schließen würden. Meine Job war es zu ermitteln, wie lang die Deichschlussbrücke sein musste, damit die Geschwindigkeit des darunter zu- und wieder abfließenden Wassers nicht höher als ein Meter pro Sekunde wurde. Ich selbst war etwas erschrocken, als ich auf eine Länge von 450 Metern kam. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was uns und unserer Brücke noch bevorstand.
150 Tonnen ohne Halt
Im September 1954 erfolgte endlich der Deichschluss. Von See her waren bereits Steine zur Sicherung des Buschwerkes auf der Brückensohle in antriebslosen Güterschiffen, sogenannten Schuten, angeliefert worden. Wenn das Wasser abgelaufen und die Schuten im Trockenen waren, holten die Arbeiter die Steine und baute sie unter der Brücke ein.
Eine mit Steinen beladene Schute war noch immer vor der Brücke verankert, als uns das Herbstwetter einen bösen Streich spielte und mit einer Sturmflut überraschte. Die See, der Wind und die vom Südweststurm getriebene Schute zerrten an der Ankerkette. Eine zeitlang ging es gut, aber dann hielt der Anker nicht mehr stand - und die Schute bewegte sich, getrieben vom Sturm, unaufhaltbar auf die Brücke zu.
Mit ihren circa 150 Tonnen Gewicht schlug sie gegen eines der Holzjoche der Deichschlussbrücke. Unter ohrenbetäubendem Krachen brachen die Holzpfähle entzwei.
Durch den Anprall wurde die Schute zwar etwas zurück in Richtung See getrieben. Aber noch war ein Ende der Katastrophe nicht in Sicht. Der Wind hatte gedreht und kam jetzt etwas schräg, so dass die Schute auf das nächste Holzjoch der Brücke zutrieb und es zerschmetterte. Bis die Schute gegen Abend in Richtung offener See verschwand, hatte sie 150 Brückenmeter zerstört. Als sie außer Sichtweite war, atmeten wir auf.
Waghalsiges Manöver
Am nächsten Morgen um vier Uhr geschah, was niemand für möglich gehalten hätte: Die Schute kam zurück und machte an einer anderen Stelle noch einmal etwa 80 unversehrte Meter der Brücke zu Kleinholz. Erst das beherzte Eingreifen eines mutigen Zimmermannes machte der Sache ein Ende. Mit einer Axt sprang er auf die Schute und schlug ein Loch in die Wand. Die Schute soff ab und lag auf Grund.
In einer gewaltigen, baulichen Kraftanstrengung wurde die Brücke so weit wieder in Stand gesetzt, dass der Deichschluss termingerecht erfolgen konnte. Es waren hauptsächlich Vertriebene und Flüchtlinge, die sich nach der Fertigstellung im Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog eine Existenz als Bauern aufbauten. Heute zählt die Koog-Gemeinde 180 Einwohner.
Eines habe ich nach dem Zwischenfall gelernt: Es gibt Situationen, in denen es von Vorteil ist, Fehler einzugestehen. Die Firma hatte damals eine Versicherung, die nur solche Schäden beglich, die durch menschliches Versagen verursacht worden waren. Nach der von uns vertretenen Beurteilung hatte sich die Schute aufgrund mangelhafter Verankerung losgerissen. Hätte es sich um höhere Gewalt gehandelt, wäre die Versicherung nicht für den immensen Schaden aufgekommen.