| Spionage-Akt: Diese Doppelseite mit Aufnahmen von Klaus Ender erschien 1971 in der DDR-Zeitschrift "Das Magazin" und brachte dem Fotografen eine Vorladung der Nationalen Volksarmee ein. Man beschuldigte ihn der Spionage, da auf dem rechten unteren Bild hinter dem Modell ein großer Gebäudekomplex zu sehen ist. Kurz zuvor allerdings, so erinnert sich Ender, hatte er einem Major und einem Oberstleutnant Aktaufnahmen verkauft, angeblich für einen Bildband, der als Freundschaftsgeschenk bei Manövern mit sozialistischen Bruderarmeen überreicht werden sollte. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Major wurden die Spionage-Vorwürfe fallen gelassen. Die ganze Geschichte lässt sich Sie nachlesen auf www.klaus-ender.de |
"Glauben Sie im Ernst daran, dass Sie mit nackten Ärschen den Sozialismus aufbauen helfen?" Der Aktfotograf Klaus Ender über seine Karriere als Meister der DDR-Nackedeis - und den Tag, als die Staatssicherheit ihn als IM anwarb.
Klaus Ender, 1939 in Berlin geboren, gilt als der Altmeister der DDR-Aktfotografie. Weil in der Ulbricht-DDR auch anspruchsvollere Nacktaufnahmen verpönt waren, erschienen seine ersten Fotos in Westzeitschriften wie "Konkret", dann ab 1965 auch in der legendären DDR-Illustrierten "Das Magazin". 1975 organiserte Ender die von mehr als hunderttausend DDR-Bürgern besuchte Ausstellung "Akt & Landschaft", die die Aktfotografie in der DDR salonfähig machte und ihm auch international Beachtung einbrachte. Ender lebt heute auf Rügen.
Das Frühjahr 1957 war angebrochen. Ein Jahr voller dramatischer Ereignisse stand vor der Tür, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Bis auf das Jahr 1945, das mit dem Kriegsende Vertreibung, Flucht und Krankheiten für mich brachte, hatte ich eine recht glückliche Jugend erlebt.
Nun stand ich kurz vor der Gesellenprüfung im Bäckerhandwerk, schrieb Gedichte und war seit zwei Jahren Ringer in der obersten DDR-Liga. Ich hatte meine erste Freundin, nette Kumpels und in der Zeit des aufkommenden Rock'n'Roll, der vom westlichen Rundfunk herüberschwappte, vergaßen wir Jugendlichen die Pein der erbärmlichen Nachkriegsjahre.
Der propagierte Sozialismus ging an den meisten von uns vorbei. Oft fuhren wir nach West-Berlin, kauften dort Jeans und andere Luxusartikel, die es in der DDR nicht gab. Zu diesem Zeitpunkt stieß ich das erste Mal mit der DDR-Politik zusammen. Von uns Berufsschülern wurde verlangt, im Sportunterricht Schützengräben für den "Ernstfall" auszuheben. Ich weigerte mich, und wurde ungefragt Anführer von uns jugendlichen Protestierern. Die Schuldirektion lud unsere Eltern vor, um uns zur Räson zu bringen. Angesichts der Drohung, durch die Gesellenprüfung zu rasseln, kippte die Mehrheit um. Bei mir förderte das Gefühl, drei Jahre umsonst gelernt zu haben, Trotz und Wut. Da ich bald volljährig wurde, entschloss ich mich zur Flucht aus der DDR.
"DDR-Nackedeis" in limitierter Auflage
Im Westen bekam ich in Friedrichshafen am Bodensee eine neue Lehrstelle. Oft stand ich vor den gleißenden Auslagen der Fotogeschäfte. Ich war fasziniert von der Werbung und kaufte mir im Oktober 1957 vom ersten Gesellenlohn die erste Kamera meines Lebens - auf Raten. Ich ahnte nicht, dass dieser Kauf die Basis für meine gesamte Berufslaufbahn werden sollte.
Nach anderthalb Jahren holte mich die Sehnsucht nach Freundin, Eltern und Kumpels ein - ich kehrte im Herbst 1958 in die DDR zurück. Daheim schmückte ich mein Zimmer mit Aktbildern aus der DDR-Zeitschrift "Das Magazin". "Du auch?", war die Reaktion meiner Mutter. Ich bat sie, sich die Bilder genauer anzuschauen. Dann meinte sie: "Na wenigstens sind es ästhetische Bilder, derer man sich nicht schämen muss!" Ich sagte: "Etwas anderes käme auch nicht in Frage!"
"Das Magazin" war viele Jahre die einzige Zeitschrift in der DDR, die in jeder Ausgabe einen Akt - im Volksmund "DDR-Nackedei" - brachte. Das Heft war so begehrt, dass die Abonnentenzahl staatlich begrenzt wurde. Weder meine Mutter noch ich ahnten damals, dass ich bald selbst "Nackedeis" fotografieren würde. Zumal ich bis dahin noch kein Mädchen nackt gesehen hatte.
"Die kriegst du nicht!"
Ich nahm eine Arbeit als Bäcker an, fotografierte in der Freizeit und trat schließlich dem DDR-Kulturbund, Sektion Fotografie, bei. Der Fotoklubleiter machte mir Mut: "Du hast ein ungewöhnliches Talent und kannst einer unserer ganz Großen werden." Ich zog auf die Insel Rügen, um mir (und der Welt) zu beweisen, was in mir steckte.
Dort traf ich1963 mein erstes Aktmodell. Ich saß in einem Straßencafé in Göhren, als ein ungemein attraktives Mädchen von etwa 18 Jahren vorbeidefilierte. "Bezahlt mal für mich, dieses Mädchen muss ich ansprechen", rief ich meinen Kumpels zu und sprang auf. "Die kriegst du nicht", hörte ich noch, "das ist ein Mädchen aus der ersten Gesellschaft!" Da war ich schon auf ihrer Höhe und sagte zu ihr, dass es mir unangenehm sei, sie auf der Straße ansprechen zu müssen. Sie hielt inne, ich stellte mich als ein sehr engagierter Fotoamateur vor, der sie sehr gern ablichten würde. Darauf erwiderte sie, dass sie einem Maler Modell stünde, ihr das auch Spaß mache - und dass sie ein paar gute Fotos gebrauchen könne. Ich hatte mein erstes Modell!
Ein Problem gab es jedoch: Jetzt hatte ich zwar tolle Fotos, doch der Absatz von Aktbildern in der DDR war zu gering, um davon leben zu können. Ich veröffentlichte meine Bilder also heimlich (und oft anonym) in westdeutschen Zeitschriften, während ich weiter als Saisonkraft auf Rügen arbeitete. Als der Sommer vorbei war, landete ich als Heizer eines Metallbetriebes mit Zwölf-Stunden-Schichten in Naumburg an der Saale: Nachts schaufelte ich 20 Zentner Briketts in die drei Niederdrucköfen, morgens zog ich die Asche wieder heraus. Und nebenbei fragte ich mich, was wohl ein westdeutscher Zeitschriftenleser über mich denken würde, wenn er mich hier rußgeschwärzt sehen würde.
Splitternackter Fotograf
Der Sommer 1964 nahte und ich war zurück auf Rügen. Mehr als fünfzig Mädchen standen mir in schönster Strandlandschaft Modell. Ich arbeitete von nachts um 3 bis mittags um 12 Uhr in einer Backstube. Dann radelte ich mit einem geliehenem Fahrrad zum FKK-Strand und sprach Mädchen an, die mir gefielen. Ich zeigte ihnen meine Bildmappe und fragte, ob sie mir Modell stehen würden. Selbst splitternackt, fotografierte ich bis zum späten Nachmittag. Abends entwickelte ich Filme und Fotos, und nach ein paar Stunden stand ich wieder bei 40 Grad Hitze am Backofen.
Die Aufnahmen, die in diesem Sommer entstanden, schickte ich an alle Redaktionen, von denen ich annahm, dass sie Aktaufnahmen veröffentlichen würden - auch an "Das Magazin". Für jeden Profi war es ein Wunschtraum, eines der zwölf Monatsbilder für diese Zeitschrift zu liefern. Sogar Fotografen aus dem Ausland bewarben sich darum.
Und dann das: 1965 erschien mein erster Akt im "Magazin", bis Jahresende auch noch zwei weitere. Noch im selben Jahr reichte ich meinen Antrag zur Zulassung als freischaffender Bildreporter ein - ich wollte von jetzt an als Profi arbeiten. Der Winter war mit eisigen Temperaturen eingezogen und ich hauste in der "Rattenburg", wie das heruntergekomme Anwesen auf einem Hinterhof in Sassnitz unter den Einwohnern hieß. Kein Ofen, kein Schornstein, eingefrorenes Wasser auf dem Flur, keine Toilette. Drei stinkende Elektroheizungen, die rund um die Uhr liefen, brachten mich über den Winter. Bei jedem Fotomodell, das mich aufsuchte, entschuldigte ich mich für dieses schreckliche Milieu.
Eiskalte Herren von der Stasi
Auch sonst war der Start in die Selbständigkeit als Fotograf nicht gerade einfach. Mein Vorstoß, den Schritt in die Selbständigkeit mit einer großen Fotoausstellung "Akt & Landschaft" zu beginnen, erlitt einen heftigen Dämpfer. "Herr Ender, glauben Sie im Ernst daran, dass Sie mit Ihren nackten Ärschen den Sozialismus aufbauen helfen?", meinte der durchaus wohlwollende Funktionär, dem ich meinen Wunsch vortrug. Ich antwortete: "Sicher nicht, aber irgendwann wird auch der letzte Funktionär begreifen, dass die Darstellung unseres Lebens nicht nur aus verherrlichter Arbeit bestehen kann, und eine rote Fahne kann ich neben meine Aktmodelle nun mal nicht setzen." "Mag sein", meinte er, "aber es bleibt bei einer Ablehnung!"
Als ich eines Tages von der Arbeit kam, erwarteten mich zwei Offiziere der Staatssicherheit. Es kam zu einem eisigen Verhör, bei dem die Beweiskraft auf Seiten der Stasi lag. Ich stand seit meiner Rückkehr aus Westdeutschland 1958 unter ständiger Überwachung. Die Stasi hatte alle meine Aktivitäten erfasst, der Vorwurf lautete "Kontaktaufnahme zum Klassenfeind BRD", Fotosendungen von DDR-Modellen an westliche Verlage, nicht angemeldete Devisenhonorare und damit Steuerbetrug, Umgehung aller gesetzlichen Regelungen der DDR und vieles mehr.
Mir wurde klargemacht, dass es nur dieses eine Gespräch geben würde. Ohne Einlenken meinerseits würden die Unterlagen direkt an die Staatsanwaltschaft gehen. Ich musste damit rechnen, fünf Jahre oder mehr ins Zuchthaus zu kommen. Die Stasi-Offiziere erklärten offen: "Wir haben auch dort Mittel, Sie fertigzumachen. Das haben schon ganz andere Kaliber nicht überstanden!" Selbst, wenn ich die Haft überstünde, sei ich dann vorbestraft und könne eine Zulassung als Fotograf abschreiben. "Sie haben 48 Stunden Zeit, sich folgendes zu überlegen: Sie unterzeichen, dass Sie Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatsicherheit werden, oder unsere DDR-Justiz wird ihr Urteil über Sie sprechen."
Nach 48 Stunden und unzähligen Versuchen, aus dieser Sache herauszukommen, unterschrieb ich das Revers - und wurde 15 Jahre lang "Geisel" der Staatssicherheit.
Abgang nach Österreich
Am 10. Mai 1966 machte ich mich in Binz auf Rügen selbständig. Ich brauchte Jahre, um durch eine saubere, zurückhaltende Aktfotografie, außer "Das Magazin" auch andere Redaktionen für meine Arbeit zu gewinnen. Endlich erschienen meine Fotos auch im Jugendmagazin "Neues Leben", im "Schlagermagazin" und in der "Deutschen Bauernzeitung". Der Grundstein für mehr Freizügigkeit aber wurde erst 1975 gelegt: Um aus der Provinz herauszukommen - Rügen hatte kein West-Fernsehen -, war ich nach Potsdam gezogen, und dort ging auch endlich auch mein langgehegter Wunsch einer eigenen Fotoausstellung in Erfüllung.
Die Ausstellung "Akt & Landschaft" sahen mehr als hunderttausend Menschen in sechs Städten, für Jahrzehnte wurde sie zu einem Maßstab für künstlerische Aktfotografie. Meine Fotos wurden nun auch auf internationalen Ausstellungen gezeigt, doch ich selbst litt sehr darunter, nicht ins westliche Ausland reisen zu dürfen. Da erinnerte ich mich meines unehelichen österreichischen Vaters und beantragte heimlich in der österreichischen Botschaft eine Überprüfung meiner Staatsbürgerschaft. Nach drei Jahren erhielt ich die Staatsbürgerschaft Österreichs, und 1981 reiste ich aus.
Da ich meinen DDR-Pass behalten hatte, durfte ich mich die Hälfte des Jahres weiter dort aufhalten und fotografieren. Meine Modelle entschädigte ich mit Westwaren. Die Anweisung der Stasi, mich bei jeder Einreise zu melden, ignorierte ich - und krachte schließlich gewaltig mit der Staatsmacht zusammen: Nachdem ich 1984 in der DDR geheiratet hatte, versuchten die DDR-Behörden, die Übersiedlung meiner Frau zu verhindern. Schließlich konnte wir doch ausreisen - nur zurück ging nun nicht mehr. Ich verlor meine alte Heimat, bis zum Mauerfall im November 1989.
Inzwischen wohnen meine Frau und ich seit zwölf Jahren wieder auf jenem Eiland Rügen, das mir diese Karriere ermöglichte. Dort entdeckte ich mein Hobby aus Jugendtagen - die Dichtung! - wieder und schuf Poesie-Bildbände, die den Lesern Wege aufzeigen, die im täglichen Trott des Alltags übersehen werden.
Nachtrag 2.6.2009: Vom 24. April bis 26. Juli 2009 zeigt das Schloss Wernigerode die Ausstellung "Akt und Landschaft" von Klaus Ender. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.
Eine zweite Ausstellung mit dem Titel "Jenseits der Hast" ist vom 11. April bis 2. August 2009 im Wernigeröder Bürgerpark zu sehen. Alle Informationen dazu gibt es hier.
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