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Tannenbaumidylle: 1958 war ich zu Weihnachten auf Urlaub von der Seemannsschule. Meine Mutter war damals 37 Jahre alt, ich war 16 und hatte gerade frisch bei der Schule angeheuert.
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Blau-weiß-gestreifte Bettwäsche und ein Kaninchenstall als Wohnung: Als Kind lernte Detlev Crusius den Lageralltag von DDR-Flüchtlingen in Westdeutschland kennen. Und eine Freiheit, die er nicht mehr aufgeben wollte. Auch nicht, als er nach Jahren wieder ein eigenes Zimmer hatte.
Seine Odyssee begann 1945: Da floh Detlev Crusius mit seinen Eltern vor der heranrückenden Roten Armee aus Pommern. Nach dem Krieg fand die Familie für einige Jahre in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) eine neue Heimat. Doch dann kam das Jahr 1953, und Mutter und Vater Crusius beschlossen, mit ihrem Sohn und den inzwischen geborenen Schwestern aus der DDR nach West-Berlin zu fliehen. Die folgenden beiden Jahre lebte der Zwölfjährige Detlev Crusius in Flüchtlingslagern: Berlin, Hamburg-Wandsbek, Krefeld.
Ich fand den Westen gut. Das Flüchtlingslager in Hamburg-Wandsbek war sehr ähnlich dem Lager in Berlin, nur sehr viel größer und auch viel sauberer, wir hatten da auch keine Flöhe. Es gab keine Baracken, nur richtige Steinhäuser, grau-weiß gestrichen, früher war das mal eine Kaserne. In den Schlafräumen standen zweistöckige Etagenbetten, es waren immer drei bis vier Familien in einem Raum untergebracht. Wir hatten sogar blau-weiß gestreifte Bettwäsche.
Anfangs wurde ich zur Lagerschule angemeldet. Ich ging da auch ein paar Tage hin, dann stürze das Dach ein und Schule war nicht mehr. Das traf sich günstig, denn es war warm, es ging in den Sommer. Die Monate, die ich im Lager Wandsbek war, gingen ohne Schule zu Ende, das Dach stürzte noch paar Mal ein.
Bei meiner Mutter wurde dann Paratyphus festgestellt, wohl eine Folge der Flohbisse im Lager Berlin. Sie kam ins Krankenhaus, wegen der Ansteckungsgefahr in eine geschlossene Abteilung. Wenn wir sie besuchten, konnten wir sie nur durch ein Fenster sehen und winken.
Schwarzfahrten mit Häuptling Geronimo
Kurze Zeit später fand mein Vater Arbeit in Krefeld, weit weg von Hamburg. Mutter war im Krankenhaus, Vater arbeitete im Rheinland, meine jüngeren Geschwister wurden zu einer Tante nach Bonn verfrachtet, ich war alleine im Lager. Zwar sollte ein Erwachsener aus unserem Schlafsaal auf mich aufpassen, aber der war mit eigenen Problemen beschäftigt, verständlich, hier hatte jeder eigene Probleme mehr als genug, und Schule fand auch nicht mehr statt.
Ich verbündete mich mit ein paar gleichaltrigen Jungen. Zuerst wählten wir einen Häuptling, das war der größte von uns, er stotterte nur ziemlich stark. Wir gaben ihm den Namen "Häuptling Geronimo", und er war sehr stolz auf diesen Namen. Nach diesen Vorbereitungen starteten wir unsere Hamburg-Streifzüge. Eigentlich durften wir das Lagergelände nicht verlassen, aber uns konnte niemand aufhalten. Es gab auch einen Zaun, aber der war kein Hindernis für uns.
Uns hatte es besonders der Hafen angetan. Als Schwarzfahrer fuhren wir mit Bus und Straßenbahn so oft wir konnten raus zum Hafen. Da kannte man uns bald, weil wir immer durchs gleiche Tor kamen. Anfangs haben die Männer vom Wachpersonal gefragt, wer wir sind. Wir hatten Häuptling Geronimo entsprechend trainiert und er stotterte den Pförtnern was vom Osten und vom Lager vor. Die Männer lachten über Stotter-Geronimo und ließen uns durch. Bald fragte keiner mehr. Geht nicht als "Blinder Passagier" an Bord und fahrt nach Amerika, sagte einer vom Wachpersonal mal scherzhaft.
Das dritte Lager: Krefeld
Der Hafen war für mich das wirkliche, das echte Leben, so wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Ich sah, wie die Ladenetze mit den Kisten und Ballen aus den Ladeluken der Schiffe gehoben und auf der Pier abgesetzt wurden. Die Winschen kreischten, ich sah die tätowierten Seeleute, wie sie schwitzend mit ihren Haken die Kisten und Ballen hin und her wuchteten, kippten, in die richtige Position brachten. Kommandos gingen hin und her, für meine Ohren brüllten alle durcheinander, das reinste Chaos. Es roch nach Diesel, Kaffee und Gewürzen, und viele andere undefinierbare Gerüche hingen in der Luft. Wenn wir von solchen Ausflügen ins Lager zurückkamen, dann war das große Lager in Wandsbek sehr klein, dann konnte ich abends nur schwer einschlafen.
Im November wurde meine Mutter aus dem Krankenhaus entlassen. Sie war nicht geheilt, aber nicht mehr ansteckend. Mein Vater hatte einen Platz für die ganze Familie in einem Lager in Krefeld gefunden. Kurz vor Weihnachten fuhren wir mit dem Zug nach Krefeld, unsere nächste Station, das nächste Lager. Wir hatten in Krefeld Verwandtschaft, ein Onkel meines Vaters wohnte dort, und das war wohl auch ein Grund für meine Eltern, nach Krefeld zu gehen. Aber die Familie des Onkels meines Vaters machte sich nicht viel aus Flüchtlingen aus dem Osten.
Das Lager in Krefeld war früher ein Lokal mit einem großen Tanzsaal gewesen. Den Tanzsaal hatte man einfach mit mannshohen Stellwänden aufgeteilt, wie große Kaninchenställe. Die separaten Wohnbereiche sollten Intimsphäre suggerieren und das taten sie auch, denn alle redeten und agierten auch sonst mit normaler Lautstärke in ihren Kaninchenställen - und nach zwei Tagen wusste ich alles über jeden im Saal.
"In der DDR war alles ganz prima"
Ich musste jetzt auch jeden Tag in die Schule fahren, erst mit der Straßenbahn, später mit dem Fahrrad. Gleich zu Anfang, in der zweiten oder dritten Woche, musste ich vor die Klasse treten und wurde vom Klassenlehrer, den wir Möli nannten, ausgefragt, sollte was von den russischen Besatzern und der "sowjetisch besetzten Zone" erzählen, von den Verhältnissen dort. Ich habe von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erzählt, von Thälmann, wie viel Spaß ich als Jungpionier gehabt hätte und wie prima es in der DDR war und dass wir da keine Konterrevolutionäre und auch keine Amerikaner gehabt hätten, so wie hier im Westen. Möli sah mich sehr verwirrt, fast verzweifelt an und hauchte nur: "Setzen."
"Du bist ja ein richtiger kleiner Kommunist, deine Eltern wären mit dir besser drüben geblieben", sagte Möli mit theatralisch ausgebreiteten Armen an die Klasse gewandt, als er seine Stimme wieder gefunden hatte. "Da müssen wir wohl noch etwas Geschichte pauken, damit du verstehst, dass die Amerikaner unsere Befreier sind." Es war mir nun wirklich ziemlich schnurz, wer uns befreit hatte. Ich wusste schon, was der Mann eigentlich von mir hatte hören wollen. Aber er war mir von der ersten Minute an mit seinem gönnerhaften Getue auf die Nerven gegangen, mit seinem blöden Gerede von den armen Brüdern und Schwestern aus dem Osten. Ich wollte ihn einfach auf Abstand halten und das ist mir auch gelungen.
Wenn ich ihn so richtig piesacken wollte, dann musste ich im Geschichts- oder Deutschunterricht nur das Gespräch auf die Nazi-Zeit bringen, was in der damaligen Zeit ziemlich schwer war, denn alle Erwachsenen und besonders unsere Lehrer wichen diesem Thema aus. Im Geschichtsunterricht hörte die Zeitrechnung bei "333 - große Keilerei" mit den Griechen auf. Alles, was danach kam, war gefährlich. Sogar die Römerzeit war nur was für ganz mutige Lehrer, denn da kamen ja auch Germanen vor, und das Germanentum war ja ziemlich in Verruf geraten.