| It's a grand old Team: Als St.-Pauli-Fan kommt man nicht drum herum, den schottischen Erstligisten Celtic Glasgow sympathisch zu finden. Die "Fanfreundschaft" entstand in den achtziger Jahren durch vereinzelte private (Gegen-)Besuche. Ende der Neunziger durfte ich dann gemeinsam mit 80 weiteren Fans einen einwöchigen Besuch in der schottischen Metropole sowie ein Spiel der "Bhoys" erleben. Eigentlich halte ich nicht viel von Fanfreundschaften, doch die Celts bringen alles mit, was mich vom Gegenteil überzeugt: grenzenlose Begeisterungsfähigkeit, kompromisslose Anfeuerung, Trinkfestigkeit, ein überschaubares Gewaltpotential und atmemberaubende Gastfreundschaft. 2003 gab es eine der wenigen Gelegenheiten, Celtic in einem Pflichtspiel in Deutschland zu unterstützen. Im ersten Vorrundenspiel der Champions League musste der schottische Vizemeister bei den Bayern antreten. Nach der 1:0-Führung durch Alan Thompson glaubten mehrere Tausend Celtic-Fans an ein Wunder, das der niederländische Bayern-Stürmer Roy Makaay durch seine Treffer zum 1:1 (74.) und 2:1 (87.) zunichtemachte. Den Schotten war es egal, eine Minute nach dem Ausgleich hallte schon wieder "You'll never walk alone" durch das Olympiastadion. Später am Abend wurde noch gemeinsam gefeiert. Und das heißt bei den Schotten immer, trinken bis der Arzt kommt. Ich traf den ein oder anderen Bekannten aus Glasgow wieder. Einer fragte mich in einer Kneipe, ob ich noch ein Bier wolle, er ginge jetzt zum Tresen. Mit Hinweis auf zwei noch fast volle Biere in meinen Händen, ebenfalls von ihm spendiert, sagte ich: "Thanks, no more beer please." Fünf Minuten später stand er mit einem Glas Cola-Whiskey vor mir und grinste: "You've said no more beer." |
Zaubertore, Titelträume, Wahnsinnssiege: In jedem Stadion-Ticket steckt Fußballgeschichte, in einem Schuhkarton mit Eintrittsbillets ein ganzes Fanleben. Mike Glindmeier hat sich durch seine Kicker-Karten aus 20 Jahren gewühlt - und dabei reichlich Gänsehaut bekommen.
Eintrittskarten sind wie Postkarten, die man sich selber schreibt. Sie erinnern einen später auf einen Blick an fremde Fußballstadien, neue Städte, an zwischenmenschliche Begegnungen der netten oder weniger netten Art. Alte Tickets von legendären Partien verleihen einem den Hauch von Exklusivität ("Ich war dabei") und demonstrieren, auf einen Haufen gestapelt, die Liebe zum eigenen Verein. Und selbst wenn man die Eintrittspreise aller alten Eintrittskarten zusammenzählt und auf eine erschreckende Summe kommt - am Ende muss man sich eingestehen, dass man, über die Jahre betrachtet, mit dem Kauf eines Kleinwagens sicher nicht annährend so glücklich gewesen wäre.
Einmal im Jahr hole ich deshalb den Schuhkarton mit den gesammelten Eintrittskarten aus knapp zwanzig Jahren Fan-Dasein hervor und stöbere in der Kiste. Die Tickets sind stumme Zeitzeugen von Freud und Leid. Wie blöd etwa muss man sein, um ausgerechnet mit dem auswärtsschwachen FC St. Pauli 24 Stunden im Sonderzug zu sitzen, alles für eine Niederlage in München. Und wie grandios war das Aufstiegs-Endspiel im Mai 2001 in Nürnberg, das für so vieles andere entschädigt hat.
Wie reif ich mit der Zeit geworden bin: Früher hätte ich nie einen Fuß in den Hamburger Volkspark gesetzt, der HSV war unaussprechlich. Mittlerweile verdanke ich meiner gestiegenen Toleranz eines der besten Spiele, das ich je live gesehen habe. Was ich wiederum über meine heimliche Lieblingsnationalmannschaft Island nicht behaupten kann, bei der die Länderspielreisen eindeutig vom Erholungsfaktor dominiert werden. Doch selbst mit Island kann man historische Spiele erleben.
Ein Wunder lag in der Luft
Müsste ich anhand meiner Ticketsammlung eine Top-Drei der besten Spiele festlegen, die ich im Stadion erlebt habe (ohne Beteiligung meines Lieblingsclubs St. Pauli) - die Bronzemedaille würde ausgerechnet an den Lokalrivalen HSV gehen. Das 4:4 der Rothosen am 13. September 2000 in der Champions-League-Vorrunde gegen Juventus Turin übertraf in 90 Minuten alles, was ich als neutraler Fußballzuschauer bis dahin live gesehen hatte.
Fußball-Klebebilder umgibt die Aura des Unvergänglichen....
Uwe Seeler gehört zum HSV wie der Hafen zu Hamburg. Deshalb...