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1968

Heiligabend in der K1

"Weihnachten war was für Spießer"


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Familienessen: Vater trägt Anzug und Krawatte, die Kinder sind geschniegelt und gescheitelt, während sie am festlich gedeckten Tisch sitzen und auf die Weihnachtspute warten. Die perfekte weihnachtliche Familienidylle von 1965.

Weihnachtszeit, Demozeit! Während der Adventstage in den sechziger Jahren nahmen die Mitglieder der Kommune 1 mit spektakulären Aktionen den Kampf gegen die Besinnlichkeit auf. In der Rock'n'Roll-Ära der wilden WG wurden dann auch Haschplätzchen gebacken - aber garantiert nicht in Sternform. Von Rainer Langhans


Eine Sache mal vorweg: Natürlich haben wir in der Kommune 1 nie Weihnachten gefeiert. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Am Heiligabend haben wir uns mit Freunden getroffen aber Weihnachten war für uns überhaupt kein Thema. Wir fanden diese Art des fröhlichen Gefeieres und friedlichen Getues einfach nur widerwärtig.

Weihnachten, dass war etwas für Spießer. Wir hielten das ganze religiöse Zeug für Schwachsinn. Und das Fest, wie es in Deutschland begangen wurde, war für uns nur eine einzige Konsumorgie. Künstliche, vollkommen falsche Bedürfnisse waren das in unseren Augen, darauf wollten wir die Leute aufmerksam machen. Außerdem gab es ja noch den Krieg in Vietnam, der ja auch in unserem Namen geführt wurde, an den aber an Weihnachten niemand denken wollte - stattdessen wurde auf Friede, Freude, Eierkuchen gemacht.

Deswegen war Weihnachten für uns eine hochgradig verlogene Sache, wir sahen darin vor allem eine Gelegenheit, unsere Mitmenschen darauf aufmerksam zu machen, dass sie ein falsches Leben führen. Und wir wollten das vorführen, wir wollten sie stören in ihrer Scheinheiligkeit. Also haben wir uns hingesetzt und gezielt überlegt, worüber sich die normalen Leute wohl aufregen würden.

Schockierte Weihnachtsbummler

Dabei herausgekommen sind die Weihnachtseinkaufs-Demos, das war unsere Art, Weihnachten zu begehen. Schon mehrere Tage vor den Feiertagen fingen wir damit an. Wir haben uns in den Weihnachtsrummel gestürzt und uns unter die Kauflustigen gemischt. Dann verteilten wir Flugblätter gegen den Vietnamkrieg und fingen Diskussionen mit den Leuten an. So kam es immer wieder dazu, dass vor den Kaufhäusern kleine Grüppchen von Leuten standen und diskutierten. Sie standen vor dem KaDeWe, auf dem Ku'damm - und das war verboten. Menschenansammlungen mussten sofort aufgelöst werden, das war die Order damals.

Die Polizei, die damals noch keine Erfahrung mit so was hatte, kam dann mit kleinen Eingreiftrupps angerückt und trieb die Leute auseinander - oder zog sie in ihre Einsatzfahrzeuge und nahm sie vorläufig fest. Der Witz war: Wir hatten da schon immer lange das Weite gesucht. Wir zettelten lediglich die Diskussion an und zogen dann weiter. Die Polizei setzte also immer Unschuldige fest, ganz normale Weihnachtsbummler. Für die war das natürlich ein Schock. Denn die Leute wurden von der Polizei teilweise ziemlich massiv angegangen.

Das Ganze hatte teilweise schon etwas sehr martialisches. Über Lautsprecher rief die Polizei immer wieder: "Sie halten hier eine ungenehmigte Versammlung ab. Gehen sie sofort auseinander, hier spricht die Polizei." Die ahnungslosen Konsumenten wussten natürlich überhaupt nicht, wie ihnen geschah. Am nächsten Tag haben sich viele von ihnen bitterlich in den Zeitungen beschwert, dass sie auf so rüde Art und Weise von der Polizei bei ihren Weihnachtseinkäufen gestört worden waren.


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Natürlich haben wir Haschplätzchen gebacken

Für uns war das natürlich ein voller Erfolg. Wir experimentierten damals mit neuen Demonstrationsformen und das war eine davon. So schufen wir ein Bewusstsein bei ganz normalen Leuten für Probleme, mit denen wir als Linke und Kommunarden ständig zu kämpfen hatten: Zum ersten Mal erfuhren ganz normale Leute die Repressalien durch den Staat und die Polizei am eigenen Leib - etwas, dass bislang nur uns widerfahren war und dass sie höchstens aus der Zeitung kannten.

Aber ansonsten war es das mit dem Weihnachtsfest bei uns in der Kommune. Wir haben weder etwas gekauft, noch etwas aufgehängt, noch Plätzchen gebacken. Wir hatten da einfach eine komplett andere Sichtweise, für uns war das etwas Verlogenes, das wir um jeden Preis stören wollten. Und auch wenn man es nicht denken würde: Wir haben tatsächlich in der ersten Zeit in der Kommune nicht nach der Maxime "Sex, Drugs and Rock'n'Roll" gelebt, das kam erst später. Aber auch da haben wir keine weihnachtlichen Haschplätzchen gebacken oder so. Ich meine: Natürlich haben wir Haschplätzchen gebacken, aber nicht speziell zu Weihnachten. Damit hätten wir dem Weihnachtsfest zu viel Ehre getan.

Heute feiere ich Weihnachten übrigens immer noch nicht. Meistens sitze ich nur zu Hause und lese, manchmal gehe ich zu einer von meinen Frauen und verbringe den Heiligabend mit ihr, dann trinken wir auch schon mal einen Glühwein zusammen. Und tatsächlich genieße ich Weihnachten heute auch auf eine Art, es ist eine friedliche Zeit, eine stille Zeit, in der eine gewisse Besinnlichkeit doch trotz allem spürbar ist. Und das finde ich schön und kann es heute auch genießen.



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Debatte

insgesamt 2 Beiträge zur Debatte
Gunnar Sandkühler am 24. Dezember 2009, 18:33
Au weia! ... das kann man doch nicht im Ernst veröffentlichen! ... Rainer, zurück an die Arbeit! Denn als Publizist langhansweilst Du echt nur!

WALTER Behle am 24. Dezember 2008, 10:48
Ey rainer war wirklich ein ganz cooler.schade das die zeiten so ziemlich vorbei sind.aber irgendwie machen wir ja weiter.gruß an alle die nicht aufgeben.
walter


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