Weihnachtszeit, Demozeit! Während der Adventstage in den sechziger Jahren nahmen die Mitglieder der Kommune 1 mit spektakulären Aktionen den Kampf gegen die Besinnlichkeit auf. In der Rock'n'Roll-Ära der wilden WG wurden dann auch Haschplätzchen gebacken - aber garantiert nicht in Sternform. Von Rainer Langhans
Eine Sache mal vorweg: Natürlich haben wir in der Kommune 1 nie Weihnachten gefeiert. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Am Heiligabend haben wir uns mit Freunden getroffen aber Weihnachten war für uns überhaupt kein Thema. Wir fanden diese Art des fröhlichen Gefeieres und friedlichen Getues einfach nur widerwärtig.
Weihnachten, dass war etwas für Spießer. Wir hielten das ganze religiöse Zeug für Schwachsinn. Und das Fest, wie es in Deutschland begangen wurde, war für uns nur eine einzige Konsumorgie. Künstliche, vollkommen falsche Bedürfnisse waren das in unseren Augen, darauf wollten wir die Leute aufmerksam machen. Außerdem gab es ja noch den Krieg in Vietnam, der ja auch in unserem Namen geführt wurde, an den aber an Weihnachten niemand denken wollte - stattdessen wurde auf Friede, Freude, Eierkuchen gemacht.
Deswegen war Weihnachten für uns eine hochgradig verlogene Sache, wir sahen darin vor allem eine Gelegenheit, unsere Mitmenschen darauf aufmerksam zu machen, dass sie ein falsches Leben führen. Und wir wollten das vorführen, wir wollten sie stören in ihrer Scheinheiligkeit. Also haben wir uns hingesetzt und gezielt überlegt, worüber sich die normalen Leute wohl aufregen würden.
Schockierte Weihnachtsbummler
Dabei herausgekommen sind die Weihnachtseinkaufs-Demos, das war unsere Art, Weihnachten zu begehen. Schon mehrere Tage vor den Feiertagen fingen wir damit an. Wir haben uns in den Weihnachtsrummel gestürzt und uns unter die Kauflustigen gemischt. Dann verteilten wir Flugblätter gegen den Vietnamkrieg und fingen Diskussionen mit den Leuten an. So kam es immer wieder dazu, dass vor den Kaufhäusern kleine Grüppchen von Leuten standen und diskutierten. Sie standen vor dem KaDeWe, auf dem Ku'damm - und das war verboten. Menschenansammlungen mussten sofort aufgelöst werden, das war die Order damals.
Die Polizei, die damals noch keine Erfahrung mit so was hatte, kam dann mit kleinen Eingreiftrupps angerückt und trieb die Leute auseinander - oder zog sie in ihre Einsatzfahrzeuge und nahm sie vorläufig fest. Der Witz war: Wir hatten da schon immer lange das Weite gesucht. Wir zettelten lediglich die Diskussion an und zogen dann weiter. Die Polizei setzte also immer Unschuldige fest, ganz normale Weihnachtsbummler. Für die war das natürlich ein Schock. Denn die Leute wurden von der Polizei teilweise ziemlich massiv angegangen.
Das Ganze hatte teilweise schon etwas sehr martialisches. Über Lautsprecher rief die Polizei immer wieder: "Sie halten hier eine ungenehmigte Versammlung ab. Gehen sie sofort auseinander, hier spricht die Polizei." Die ahnungslosen Konsumenten wussten natürlich überhaupt nicht, wie ihnen geschah. Am nächsten Tag haben sich viele von ihnen bitterlich in den Zeitungen beschwert, dass sie auf so rüde Art und Weise von der Polizei bei ihren Weihnachtseinkäufen gestört worden waren.
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