Über einestages

1941-1945

Kroatien im Zweiten Weltkrieg "Wir fangen sie alle ein!"


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Culture and more Christian Schölzel
Dragica Vajnberger: Die Zeitzeugin Dragica Vajnberger aus Zageb im Interview für das Projekt "Dokumentation Zwangsarbeit", organisiert von der Fernuniversität Hagen und gefördert von Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft, Berlin.

Innerhalb weniger Wochen errichtete die kroatische Ustascha ein Terror-Regime, das seine Gegner unerbittlich verfolgte. Für zehntausende Juden bedeutete der 1941 neugegründete Unabhängige Staat Kroatien Deportation, Zwangsarbeit und Tod. Die 22-jährige Dragica Vajnberger versuchte zu fliehen.


Dragica war 22 Jahre alt, als Jugoslawien am 6. April 1941 von Deutschland und seinen Verbündeten überfallen wurde. Vier Tage später marschierte die Wehmacht in ihre Heimatstadt Zagreb ein, das noch am selben Tag zur Hauptstadt des "Unabhängigen Staats Kroatien" ausgerufen wurde. Was dieser Regierungswechsel für jüdische Familien wie die ihre bedeutete, wurde nur allzu schnell deutlich: Umgehend begannen Deportationen in eigens errichtete Konzentrationslager. Auch Dragicas 17j-ähriger Bruder wurde bei einer Razzia zusammen mit anderen Jugendlichen verhaftet. Ein letztes Lebenszeichen erhielten die Eltern aus dem Lager Koprivnica, danach hörten sie nie wieder von ihm.

Die neuen Machthaber dieses diktatorischen Satellitenstaates des Deutschen Reichs kamen aus der bis dahin eher unbedeutenden faschistischen Ustascha-Bewegung, ihr Führer Ante Paveli? wurde zum Staatsoberhaupt erklärt. Unmittelbar nach Errichtung des neuen Staates wurden "Rassengesetze" ähnlich denen des "Dritten Reichs" erlassen. Die brutale Verfolgung von Gegnern, Raub, Folter, Zwangsumsiedlungen und Massenmord begann, in deren Fokus kommunistische und bürgerliche Kroaten, Juden, Serben, Roma und Angehörige anderer ethnischer Minderheiten standen.

Juden wurden zur Kennzeichnung gezwungen, sie mussten einen gelben Stoffstreifen mit einem "?" (?idov = Jude) deutlich sichtbar am Arm tragen. Nur knapp entging die junge Dragica Vajnberger der Verhaftung, als sie eines Tages von der Polizei ohne dieses Abzeichen aufgegriffen wurde. Ständig hörte man von Razzien, Bekannte, Freunde wurden verhaftet. Die Angst vor der Deportation wurde zum ständigen Begleiter, und bald ging die Familie dazu über, auf gepackten Rucksäcken zu schlafen, da gewöhnlich die Menschen in der Nacht aus ihren Häusern verschleppt wurden und man auf keinen Fall unvorbereitet sein wolllte.

Flucht als einziger Ausweg

Nach fast einem Jahr unter diesen Bedingungen entschied sich Dragica Vajnberger, aus Zagreb zu fliehen. Einer ihrer Schulfreundinnen war die Flucht nach Split gelungen, das unter italienischer Besatzung stand. Wenngleich dort als Gegner der italienischen Faschisten verfolgt, hatten sich viele Juden und Serben zur Flucht in die italienische Zone entschieden, da die Überlebenschancen dort ungleich höher waren. Von besagter Freundin erhielt Dragica Vajnberger deren Personalausweis, den sie mit ihrer eigenen Fotografie überklebte. Im Zug versetzten die ständigen Kontrollen der Ausweispapiere und jede kleine Verzögerung im Fahrplan die junge Frau in Panik. Ein Polizist bemerkte bei der Durchsicht ihrer Papiere: "Wissen Sie, die Juden fliehen von hier. Die Italiener rühren sie nicht an, aber wir fangen sie alle bis Metkovi? ein und holen sie aus dem Zug."


Sie kam heil in Metkovi? an und bestieg das rettende Schiff nach Split, wo sie sich mehrere Monate lang mit fünf weiteren Personen eine kleine Wohnung teilte. Im September 1942 floh sie weiter nach Novi Vinodolski, doch schon wenige Wochen später, am 1. November 1942, fuhr in den frühen Morgenstunden ein Lastwagen vor, aus dem italienische Soldaten ausstiegen und befahlen: "In einer halben Stunde packt ihr die notwendigsten Sachen und kommt mit." Ohne jegliche Informationen über das Ziel der Reise wurden Dragica Vajnberger und andere Juden auf der Ladefläche des Lastwagens zusammengepfercht. Sie wurden in das Sammellager Kraljevica gebracht, wo die junge Frau auf Verwandte traf, die wie sie selbst aus Zagreb geflohen waren.

Die Verwaltung des an der adriatischen Küste liegenden Lagers, in dem Frauen und Männer in getrennten Baracken untergebracht waren, wurde den Häftlingen überlassen, wie sie auch ihren Alltag selbst zu organisieren hatten. Nach der Flucht eines der Lagerinsassen und dem Anrücken der Partisanen aus den Bergen spitzte sich die Situation jedoch zu, und im Sommer 1942 wurden die Gefangenen auf die Adriainsel Rab gebracht. In hölzernen, von Wanzen übersäten Baracken untergebracht, mussten die Häftlinge dort in der staubigen Sommerhitze für die italienischen Besatzer Zwangsarbeit leisten - Dragica Vajnberger in der Wäscherei und der Küche des Lagers.

Neuorganisation des Landes nach Kriegsende

Die Flucht der Bewacher nach dem Zusammenbruch des faschistischen Italien im September 1943 erlebte Frau Vajnberger im "Hospital" des Lagers nur bei halbem Bewusstsein und hohem Fieber - sie war schwer an Malaria erkrankt. Geschwächt schloss sich Dragica Vajnberger trotzdem einer Einheit jüdischer Partisanen an. Diese brachten die junge Frau nach Kordun im kroatischen Hinterland, wo sie die Militärverwaltung aufgrund ihrer Kenntnisse in Stenogaphie und Schreibmaschine sowie einiger Fremdsprachen unterstützte.

Nach der Befreiung Zagrebs ging sie erstmals in ihre Geburtsstadt zurück, wo sie feststellen musste, dass ihre Eltern deportiert und umgebracht worden waren. Lediglich die ältere Schwester hatte überlebt. Dragica Vajnberger organisierte in den kommenden zwei Monaten die improvisierte Stadtverwaltung der Truppen Titos, die die Macht im wiedererstandenen Jugoslawien übernommen hatten. Dann zog sie nach Belgrad, wo sie im Jugoslawischen Verteidigungsministerium tätig war. Ab 1947 arbeitete sie für Tanjug, die jugoslawische Nachrichtenagentur, und studierte Journalismus. Sie stand in engem Kontakt mit Milovan ?ilas, der zunächst zur Führungsriege der jugoslawischen Kommunisten gehörte, dann aber in Ungnade fiel. Nach ihrer Pensionierung 1973 zog Frau Vajnberger sich zu ihrer Schwester nach Zagreb zurück.

Das Gespräch mit Frau Vajnberger war zunächst Teil des Projekts "Dokumentation Zwangsarbeit", organisiert von der Fernuniversität Hagen und gefördert von Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft, Berlin. Das Geschichtsbüro Culture and more, München interviewte zwölf Überlebende von Zwangsarbeit aus Kroatien. Die hier gesammelten Erinnerungen waren Grundlage einer Ausstellung unter dem Titel "Zwangsarbeit und Unabhängiger Staat Kroatien 1941-1945", die über Monate in Berlin und Zagreb mit Erfolg gezeigt wurde.
Weitere Informationen zur Arbeit von Culture and more erhalten Sie unter www.cultureandmore.com.

Text: Anne Gemeinhardt, B.A. und Dr. Christian Schölzel für Culture and more, München


Debatte

insgesamt 4 Beiträge zur Debatte
Zeev Milo am 27. Januar 2011, 11:43
Zeev Milo
27. Januar 2011,
Zu: Daniel Marx.
25. November 2009, 11:41
Zu: „Rassengesetze auf dem Gebiet Kroatiens wurden bereits zuvor, im September und Oktober 1940 von...

Daniel Marx am 25. November 2009, 11:41
Zu: "Unmittelbar nach Errichtung des neuen Staates wurden "Rassengesetze" ähnlich denen des "Dritten Reichs" erlassen."
Rassengesetze auf dem...


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