Manche ersehnen die deutsche Einheit, andere haben die Maueröffnung nicht verkraftet: Kurz vor dem Ende der DDR trifft Michael Kuss-Setz im Februar 1990 Wessis, die im Osten das große Geschäft wittern und Ossis, die auf Freiheit und Konsum hoffen - oder sich in Rituale flüchten.
Die Grenzstation sieht in diesen Februartagen 1990 noch aus wie seit achtundzwanzig Jahren: Eine hohe Trennwand durchschneidet den Bahnsteig; hier die Züge in die DDR, drüben die nach Westen. Immer noch schnüffelnde Hunde und bewaffnete Grenzer. 'Was soll das alles noch?', frage ich mich. Wird hier Schmierentheater gespielt, weil man noch nicht weiß, wohin mit Kulissen und Akteuren? Ich bin auf dem Weg nach Annaberg, zu meinem Freund Matthias. Von West nach Ost ohne Visum.
Ich drücke die Nase an die vereisten Scheiben, neugierig, aufgeregt, in dem Bewusstsein, hier spielt sich Weltgeschichte ab. Türen werden zugeschlagen, andere aufgerissen. Ein alter Grenzer studiert meinen Pass. Die vielen Stempel machen ihn skeptisch. "Was ist Zweck und Ziel Ihrer Reise in die DDR?" Ich leiere den seit Jahren gängigen Spruch herunter, höflich und mit jenem Respekt, den die DDR und ihr Personal zur Kompensierung ihrer Minderwertigkeitsgefühle benötigen. Der Angstschweiß steckt noch in den Abteilen, obwohl einige Reisende bereits motzen und mit bissigen Bemerkungen die neue Freiheit proben. Also habe ich fast Mitleid mit dem Grenzer; was kann er dafür, dass jetzt alles über ihm zusammenbricht, dass er sich an ein Ritual klammert, um nicht den letzten Halt zu verlieren? Müssen wir denn gleich als Sieger ins besiegte Land einfallen?
Der letzte DDR-Stempel im Pass
Ein sehr junger Grenzer mit Milchbubengesicht fragt mich interessiert: "Sie leben in London?" Und nach einer Weile fügt er hinzu: "Was es alles gibt!" Wohlwollend und neugierig schaut er mich an. Ob er ahnt, dass bald keine Gültigkeit mehr haben wird, was er noch gestern gelernt hat? Eine robuste, dralle Zöllnerin mit sächsischem Dialekt streift den Jungen mit missbilligendem Blick; akribisch durchsucht sie mein Köfferchen. "Haben Sie etwas zu verzollen? Führen Sie pornografische oder andere unzulässige Schriften mit?" Ich frage: "Was sind unzulässige Schriften?" Statt einer Antwort drückt sie mir wortlos meinen letzten Stempel mit DDR-Hoheitszeichen in den Pass. Was wird die Frau in ein paar Monaten machen? Abgewickelt arbeitslos sein oder beim einstigen Staatsfeind integriert das vereinte Land an der polnischen oder tschechoslowakischen Grenze schützen?
"Leipzig Hauptbahnhof! Hier Leipzig Hauptbahnhof!" Am Ende des Kopfbahnsteigs steht ein weiß gekleideter Mann und verkauft "Bild"-Zeitungen. "Genscher am Zwei-Plus-Vier-Verhandlungstisch", ruft er. "Kommt bald die Einheit?" Das bedruckte Papier wird ihm förmlich aus der Hand gerissen. "Bild"-Zeitung am Leipziger Hauptbahnhof! Ich zwicke mich in den Arm. Im Bahnhofsrestaurant gibt es als Salatbeilage noch immer geriebenes Weiß- und Rotkraut in Essig und Öl zu den Kartoffeln mit Bratwurst. "Viermarkachtunddreißig!" sagt die Bedienung weder freundlich noch unfreundlich, sondern einfach nur gleichgültig. Erkennt sie nicht den Wessi in mir? Warum jubelt sie nicht in Erwartung der Wohltaten? Ich wundere mich über die Pfennigabrechnung sogar beim Kaffee. Ich runde auf; bei diesen Preisen kann man großzügig sein. Die Kellnerin steckt mein Westgeld wortlos ein.
"Wir war'n doch geene Verbrecher nich!"
Am Tresen ein Mann um die 30 in einer beigefarbenen Windjacke; er torkelt und gestikuliert "Wir war'n doch geene Verbrecher nich!" lallt er. "Wir ham doch für die DDR gearbeetet! Für unser Land! Unn jetze? Nu sinn wer wie der letzte Arsch!" Was soll ich ihm antworten? Im Bummelzug nach Annaberg sitzen zwei junge Glatzköpfe in Springerstiefeln und mit Bierflaschen. Wo kommen die denn schon her? Ist das West-Import oder gab's die schon in der DDR? Sie klopfen sich auf die Schultern, lachen laut, einer sagt: "Kamerad! Jetzt geht's los!" Der andere grölt: "Deutschland einig Vaterland! Prost!" Flaschen klirren.
Mein Freund Matthias hat um die 40 Jahre auf dem Buckel; sein Sohn ist 14. Genauso alt war Matthias 1961, als wir ein paar Wochen vor dem Mauerbau bei einem Ost-West-Fußballturnier noch miteinander gegeneinander spielten. Danach war jahrzehntelang Sendepause; bis auf die Weihnachts- und Osterkarten, die Westpäckchen mit Bohnenkaffee und Gewürzen für das heimliche Schweineschlachten im Schatten der LPG und die Dankespäckchen aus dem Osten mit Erzgebirg'schen Nussknackern oder Räuchermännchen. Für Matthias' Sohn habe ich ein einfaches Transistorradio mitgebracht. Er freut sich nicht. Achtlos legt er es in die Ecke und drückt demonstrativ auf seinen Gameboy, den ihm Matthias vom Begrüßungsgeld in Westberlin gekauft hat.
"In ein paar Jahren wird Tacheles geredet!"
"Es wird gesamtdeutsche Wahlen geben!" sage ich zu Matthias, und er antwortet: "Ich werde mich erstmal bei den Christen reinschmuggeln und mich dort als Kandidat aufstellen lassen! Unsere nationale Bewegung ist noch im Aufbau begriffen, aber in ein paar Jahren wird Tacheles geredet! Die Tschechen warten schon darauf, wieder heim ins Reich zu kommen!" Er lacht. Träume ich? Hier spricht jemand, der nach 28 Jahren Frust als LPG-Bauer seine Chance wittert.
Erschrocken über das nationale Geschwafel fahre ich am gleichen Abend zurück in die Stadt, die noch Karl-Marx-Stadt heißt, und suche ein Hotel. An der Bar sitzen ein Holländer und ein Westdeutscher. Der eine ist Antiquitätenaufkäufer alter Bauernmöbel, der andere Versicherungsvertreter; beide wollen das Erzgebirge abgrasen. "Da ist was zu holen!" sagt der Holländer und deutet auf seinen Ikea-Katalog: "Die warten nur darauf, ihre ollen Schränke gegen moderne Möbel umzutauschen!" In einer Kneipe tönen aus der Musikbox westdeutsche Schlager aus den Siebzigern. Die Bedienung sagt "Sie sind aus'm Westen!", und als ich nicke, sagt sie: "Das sieht man gleich! An der Kleidung. Und überhaupt." Ich bestelle eine Runde, und die Frau sagt: "Die Einheit und die D-Mark müssen kommen! Sonst mach' ich rüber!"
"Wollen Se mich nicht mitnehmen?"
Sie schwärmt: "Was es da alles zu kaufen gibt! Ich könnt mich verlaufen in so 'nem Kaufhaus!" Dann rückt sie näher und flüstert: "Wollen Se mich nicht mitnehmen? Wenn ich die Möglichkeit hätte, ich würde alles stehen und liegen lassen. Aber so alleene, ganz ohne Anhalt? Nee, ich wees nich..." Ich erzählte ihr von einer anderen Frau, mit der ich vorher in einem Café ins Gespräch gekommen bin. Sie hatte nichts übrig für meine echten Jeans und den Wintermantel von C&A, und den Kaffee, den ich ihr mit meinem Westgeld spendieren wollte, lehnte sie auch ab. "Die vollen Kaufhäuser machen mich krank und hilflos!" sagte sie. "Was soll ich mit dieser enormen Auswahl? Muss denn alles so protzig sein? Bald werden wir arbeitslos sein und können uns das sowieso nicht mehr leisten!" "Das war bestimmt die Frau von einem Parteibonzen!" erwiderte die Bedienung aus der Kneipe mit West-Musik. "Die hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt! Wie kann man nur so blind und verbohrt sein?"
Später im Hotel liege ich wach. Nachdenklich und ohne die Frau aus der Kneipe. Viel erlebt an einem einzigen Tag, am Tag meiner letzten Grenzüberschreitung von West- nach Ostdeutschland. Frühe Tendenzen für die Zukunft eines Landes, das bald ein anderes sein wird.