| Auf der Mauer: Um den "antifaschistischen Schutzwall", wie die Mauer im SED-Jargon hieß, zu verteidigen, sollten sich Studenten in der DDR freiwillig zum Dienst an der Waffe verpflichten. Das Foto zeigt NVA-Soldaten, die 1990 auf der Grenzmauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin patrouillieren. |
Freiwillig an die Waffen? Als Just Neumann im Jahr des Mauerbaus in Zittau sein Studium antritt, sollen sich die Studenten schriftlich zum Dienst an der Waffe verpflichten. Ein Mitstudent weigert sich - und muss dafür büßen.
Sie kam plötzlich, die von der Propaganda euphemistisch als Antifaschistischer Schutzwall bezeichnete innerdeutsche Mauer. Sie bestand aus Betonplatten, maß in der Länge 107 Kilometer und war ganze vier Meter hoch. Zuerst heimlich und schließlich unter dem Hurrageschrei der Erbauer und den Wehklagen der Eingemauerten wuchs sie heran, in einer Zeit, in der es Beton für den Häuserbau nur auf Bezugsschein gab und die Städte langsam zu verrotten begannen. Groß muss die Angst der damaligen Machthaber vor weiter anwachsenden Flüchtlingsströmen gewesen sein.
Für mich hatte wenige Tage vor dem Mauerbau das erste Semester an der Ingenieurschule für Bauwesen in Zittau begonnen. Alles war neu und ungewohnt. Während der Pause betrat ein junger Mann im Blauhemd den Seminarraum und rief "Freundschaft". Er stellte sich als FDJ-Sekretär der Ingenieurschule vor und hielt eine lange Rede über Krieg und Frieden sowie über den Kampf der Arbeiterklasse an vorderster Front. Er las einige Schlagzeilen aus der SED-Presse über den Antifaschistischen Schutzwall vor und behauptete, es sei unsere Pflicht, mit der Waffe in der Hand unser sozialistisches Vaterland zu verteidigen. Ich hoffte, dass es wie üblich mit einem Kopfnicken getan wäre. Aber ich irrte mich.
Nach einer kurzen Pause legte der FDJ-Sekretär eine Liste auf den Tisch und forderte uns auf zu unterschreiben. Wir sollten uns verpflichten, mit der Hand an der Waffe unser sozialistisches Vaterland zu verteidigen. Verunsichert schauten wir uns an. Ein Student fragte, ob auch die Studentinnen unterschreiben sollten, und der FDJ-Sekretär fragte zurück: "Wieso, bist du weiblich?" Für einen Moment hatte er die Lacher auf seiner Seite. Die Ersten unterschrieben, denn wer unterschrieb, wurde in Ruhe gelassen, als aus der hinteren Reihe plötzlich laut und vernehmlich zu hören war: "Ich unterschreibe nicht!"
FDJ-Sekretär mit Wissenslücken
Der FDJ-Sekretär war sprachlos. Das hatte er noch nicht erlebt. Alle drehten sich um. Da traute sich einer und sagte nein! Das versetzte mich in Staunen, in Unruhe, in Ehrfurcht. Ein junger Mann stand dort, blond und groß, mit einem offenen Gesicht. Er verzog die Mundwinkel zu einem freundlichen Lächeln und wiederholte nochmals: "Ich unterschreibe das nicht."
"Und warum unterschreibst du nicht?", fragte der FDJ-Sekretär aggressiv.
"Ich bin Pazifist", antwortete der Student mit ruhiger Stimme und sein Lächeln schien noch freundlicher zu werden.
"Was sind Sie?"
Der FDJ-Sekretär schien nicht zu wissen, was ein Pazifist war.
Der Student klärte ihn darüber auf, dass Pazifisten jegliche Form der Gewalt ablehnen und keine Waffe in die Hand nehmen. Im Seminarraum herrschte gespanntes Schweigen. Ich schämte mich, denn ich hatte längst unterschrieben. Die Liste war gerade in der hintersten Reihen angekommen. Ein Student stutzte für einen Moment, schaute nach vorn, dann zu dem Kommilitonen, setzten nochmals an - und unterschrieb. Als der Sekretär die Liste wieder in der Hand hielt, nahm er den Verweigerer ins Visier und sagte:
"Du bist also der Einzige, der nicht gewillt ist, unser sozialistisches Vaterland zu verteidigen! Meinst du, dass dann du hier am richtigen Platz bist und auf Kosten der Arbeiterklasse studieren kannst, wenn du nicht bereit bist, etwas für den Frieden zu tun?" Der Student erhob sich, um etwas zu erwidern. Aber er wurde vom FDJ-Sekretär sofort unterbrochen: "Das wird ein Nachspiel haben. Wir sprechen uns noch!"
"Demokratie in Vollendung!"
In den nächsten Tagen begegneten wir unserem Kommilitonen mit einer gewissen Scheu. Wir alle, die wir unterschrieben hatten, schämten uns. Wir beneideten und bewunderten seinen Mut. Wir hatten Minderwertigkeitsgefühle. Warum nur hatten wir etwas unterschrieben, das was wir nicht hatten unterschreiben wollen? Wir wollten studieren und nicht verteidigen! Wenige Tage später wurde die Studentenschaft und der gesamte Lehrkörper zu einer Versammlung bestellt. Die Seminargruppen wurden geschlossen in die große Vorhalle geführt. Der FDJ-Sekretär, der Parteisekretär, der Direktor der Schule und der ungehorsame Student waren erschienen sowie Genossen der SED-Bezirksleitung, Vertreter des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Pfarrer einer kleinen Kirchgemeinde.
Gewerkschaft, Parteileitung, Direktorat und Geistlichkeit - Demokratie in Vollendung!
Ermüdende Reden von den Genossen der Bezirksleitung, vom Parteisekretär der Schule und vom Direktor der Ingenieurschule folgten. Der Verweigerer wurde mit keinem Wort erwähnt. Der Vorfall wurde lediglich zum Anlass genommen, zum Engagement für den Aufbau des Sozialismus aufzurufen und anzuprangern, dass es noch immer Menschen gebe, die dazu nicht bereit seien. Der Pfarrer kam auch kurz zu Wort, und ganz am Schluss, in die Aufbruchstimmung hinein, durfte auch der Student etwas sagen. Aber seine Worte gingen unter, die Podiumsteilnehmer ignorierten ihn. Die Versammlung löste sich auf, jeder ging seiner Wege, so als wäre nichts geschehen.
Der couragierte Student war in den nächsten Tagen nicht mehr zu sehen. In einem Aushang am Schwarzen Brett war zu lesen, er sei "mit Zustimmung der gesamten Studentenschaft und des Lehrkörpers aufgrund seiner gegnerischen Einstellung zu unserem sozialistischen Staat von der Ingenieurschule exmatrikuliert worden".
Ich fühlte mich, mit Verlaub, zum Kotzen.
Hätte ich nachgedacht und nicht unterschrieben, dann wäre ich für einen kurzen Moment ein Held gewesen. Aber ich wäre nie Ingenieur und Lehrer geworden, sondern Maurer geblieben. Mein Heldentum hätte nichts geändert. So war das im Sozialismus. Manchmal, wenn ich heute darüber nachdenke, glaube ich zu verstehen, warum die Menschen unter den Nationalsozialisten nichts gewusst haben wollen.
Auszug (leicht überarbeitet) aus Neumann, Just:: "Marionettentanz - Ein DDR-Bild", ISBN: 978-3-8370-6144-4
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