| Hélène Berr: Die junge französische Jüdin studierte an der Sorbonne in Paris. Am 7. April 1942 begann sie damit, ein Tagebuch über ihr Leben unter den Nazis zu schreiben. Der letzte Eintrag ist vom Februar 1944. Im April 1945 starb Hélène Berr im KZ Bergen-Belsen. |
"Horror! Horror! Horror!", so lautet der letzte Eintrag. Die junge französische Jüdin Hélène Berr schildert das Leben unter den Nazis in Paris. Ihr Tagebuch, erst jetzt veröffentlicht, ist ein Dokument der Würde und Menschlichkeit. Von Romain Leick
Es gab Tage in jenem Frühling des Jahres 1942, da erschien Paris der Studentin Hélène Berr so sonnig, beschaulich und normal, dass eine vertraute, wundervolle Freude sie durchströmte, als gäbe es keinen Krieg und keine deutschen Besatzer. "Beim Erwachen, so milde das Licht, und so schön dies lebendige Blau", hatte der alte Dichter Paul Valéry gerade für sie auf das Titelblatt seines Bandes "Tel quel" geschrieben. Hélène war so kühn gewesen, den berühmten Mann um eine Widmung zu bitten.
Im Jardin du Luxembourg ließen wie immer die Kinder ihre Segelschiffchen im Wind auf dem glitzernden Wasser des Beckens schwimmen. Da drang, brutal und unvermittelt, die Wirklichkeit in diese Zauberwelt ein. "Die Deutschen werden den Krieg gewinnen", sagte ihr Begleiter.
Hélène spürte eine Anwandlung von Niedergeschlagenheit, aber dann gab sie sich einen Ruck und rief: "Nein! Was soll denn aus uns werden, wenn die Deutschen gewinnen?" Ihr Bekannter machte eine wegwerfende Geste: "Ach was! Nichts wird sich ändern ... die Sonne und das Wasser wird es auch weiterhin geben." Sie entgegnete: "Aber sie lassen nicht alle das Licht und die Sonne genießen!"
Hélène Berr, damals 21, war Jüdin. An der Sorbonne bereitete sie eine Diplomarbeit über die Interpretation der römischen Geschichte bei Shakespeare vor.
Am Dienstag, dem 7. April 1942, begann die Tochter aus einer gutsituierten, alteingesessenen Familie, Tagebuch zu führen. Der letzte Eintrag vom Februar 1944 endet mit einem Zitat aus "Macbeth": "Horror! Horror! Horror!"
Kurz danach, am 8. März 1944, wurde sie mit ihren Eltern frühmorgens zu Hause verhaftet. Der Vater Raymond, der für ein großes Chemieunternehmen gearbeitet hatte, starb Ende September 1944 in Auschwitz. Die Mutter Antoinette war schon im April in die Gaskammer geschickt worden. Hélène, Anfang November nach Bergen-Belsen verlegt, kam fünf Tage vor der Befreiung des Lagers durch die Engländer im April 1945 ums Leben.
Ihre Aufzeichnungen hatte sie einer treuen Bediensteten der Familie anvertraut, mit der Bitte, sie ihrem Verlobten Jean Morawiecki, dem "Jungen mit den grauen Augen", der aussah "wie ein slawischer Prinz", zu übergeben, falls ihr etwas zustoße. In Frankreich war die Veröffentlichung des Tagebuchs vor einem Jahr eine erschütternde Entdeckung, es wurde innerhalb weniger Wochen ein großer Erfolg. Jetzt erscheint es in einer sorgfältigen Übersetzung auf Deutsch, ein klarsichtiges Zeugnis der Menschlichkeit, geschrieben in knapp gefassten Sätzen aus dem Sumpf der Barbarei und der Niedertracht.
Den Judenstern trägt Hélène voller Trotz, "immer sehr elegant und sehr würdevoll". Die Leute sollen sehen, was das Abzeichen bedeutet - eine Schande und ein Beweis der Unterwerfung, gewiss, aber es nicht zu tragen wäre Feigheit und Verrat gegenüber jenen, die es tun. "Ich will das tun, was am mutigsten ist." Mit hocherhobenem Kopf blickt sie am ersten Tag den Leuten so fest ins Gesicht, dass sie die Augen abwenden. Kinder zeigen mit dem Finger auf sie: "Äh? Hast du gesehn? Jude." Aber es gibt auch spontane Bekundungen der Sympathie, Wildfremde lächeln sie an, eine Dame grüßt sie demonstrativ: "Guten Tag, Mademoiselle."
Im Hof der Sorbonne spürt sie den Kummer und die Betroffenheit ihrer Kameraden. "Mir schien plötzlich, dass ich nicht mehr ich selbst war, dass sich alles verändert hatte, dass ich eine Fremde war, als befände ich mich mitten in einem Alptraum." In der Metrostation scheucht sie der Kontrolleur in den letzten Wagen - in den müssen die Träger des gelben Sterns steigen.
Der Vater kam damals drei Monate ins Lager Drancy, weil sein Stern entgegen der Anordnung nicht fest auf das Jackett genäht war; er hatte ihn nur mit Häkchen und Druckknöpfen befestigt, damit er ihn leichter auf alle Anzüge und Mäntel umstecken konnte. Seine Firma musste ihn gegen Kaution freikaufen.
Auf dem Champ de Mars sieht Hélène die "Boches" - die Deutschen - exerzieren, "ihre Befehle klangen wie Tiergebrüll". Schikanen, Razzien und Deportationen folgen aufeinander. Schon bald wird kein Unterschied mehr zwischen französischen und ausländischen Juden gemacht. Hélène empfindet keinen Hass, sie versucht, das Sinnlose zu begreifen. Die Deutschen denken nicht, darauf kommt sie immer wieder zurück: "Das ist die Grundlage des Bösen; und die Macht, auf die sich das Regime stützt. Das eigene Denken, die Reaktion des individuellen Gewissens zerstören, das ist der erste Schritt des Nazismus."
Von über 75.000 aus Frankreich verschleppten Juden überlebten nur etwa 2500. Hélène Berr hätte mit ihrer Familie, als es noch Zeit war, ins unbesetzte Frankreich fliehen oder wenigstens untertauchen können. Sie blieb, auch weil sie ihren Stolz, ihre Würde, ihren Widerstandsgeist angesichts der Verfolgung nicht opfern wollte.
Der Schriftsteller Patrick Modiano, der ein Vorwort zu dieser lange vergessenen Stimme aus der Vergangenheit verfasst hat, fühlt sich durch "ihren Mut, ihre Geradheit, die Lauterkeit ihres Herzens" an einen Vers von Arthur Rimbaud erinnert: "Aus Feingefühl habe ich mein Leben verloren."

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