| Prosit auf die Einheit: Drei Männer 1990 irgendwo an der Mecklenburgischen Seenplatte beim Frühschoppen. |
Eigentlich wollte er nur mal die Kreidefelsen auf Rügen sehen - doch dann entdeckte er den spröden Charme des Ostens: Bei einer Reise durch die DDR machte der Fotograf Karlheinz Jardner im Wende-Frühling 1990 faszinierende Fotos - und dokumentierte eine Welt, die bald für immer verschwand.
Ich kannte das Gemälde aus dem Kunstunterricht in der Schule: Kreidefelsen auf Rügen von Caspar David Friedrich. Für mich ein absoluter Mythos. Einerseits faszinierten mich die Farben, das rosa, grau, grün, blau schimmernde Wasser in Kombination mit dem leuchtend weißen Kalkstein. Andererseits hatte ich die Vorstellung, dass ich zwar das Bild, aber nie die Szenerie in der Realität würde betrachten können. Ob es auf Rügen wirklich so aussah - für mich war das ein Geheimnis.
Und dann fiel die Mauer. Im Frühjahr 1990, ich war damals 36 Jahre alt und lebte in Essen, besuchte ich einen Freund in Berlin - und nutzte die Gunst der Stunde. Es muss etwa im Mai gewesen sein, als ich mich auf den Weg nach Rügen machte. Aufgewachsen im Ruhrgebiet, kannte ich von der anderen Hälfte Deutschlands - außer den gemalten Kreidefelsen - nur die Bilder, die das Fernsehen von der DDR zeigte. Den Palast der Republik zum Beispiel. Ich schloss daraus, dass die deutsche Mentalität da drüben die gleiche sei wie bei uns: Alles sehr ordentlich, alles sehr aufgeräumt. Ein kleines Stück DDR hatte ich außerdem immer mal wieder auf der Transitstrecke zwischen dem Grenzübergang Marienborn und Westberlin wahrgenommen. Es reizte mich nicht, davon mehr zu sehen.
Nur einmal hatte ich ein bisschen wirkliche DDR erlebt. 1985 begleitete ich den Sänger Klaus Lage als Fotograf auf einer Tournee durch den Osten, doch die war so durchorganisiert, dass keine Zeit blieb, sich umzuschauen. Das sollte diesmal anders sein. Mein Ziel waren die Kreidefelsen auf Rügen, ansonsten aber reiste ich völlig querfeldein. Ich wollte mich treiben lassen, ganz spontan entscheiden, ob ich rechts oder links von der Straße abfuhr, ich wollte fotografieren, wo es mir gefiel, und ich wollte übernachten, wo man mich ließ. Wie würden die Menschen reagieren?
"Sie können im Zimmer meiner Tochter schlafen!"
Auf meinem Weg durch die Mecklenburgische Seenplatte sollte ich einige Male überrascht werden. Ich stellte fest, dass einige Orte ziemlich trostlos wirkten - ganz anders als auf den Bildern, die ich aus dem Fernsehen kannte. In einem Dorf sprach ich eine Frau auf der Straße an und fragte nach einem möglichen Quartier. Sie schickte mich zur Gemeindeschwester. Dort schellte ich an der Tür und als geöffnet wurde, sagte ich: "Guten Tag, ich habe gehört, hier gäbe es vielleicht eine Möglichkeit zum Übernachten?" Die Antwort kam prompt: "Ja. Meine Tochter studiert in Leipzig, Sie können in ihrem Zimmer schlafen."
So kam es. Ich, eine wildfremde Person, durfte in diesem Zimmer bleiben. Ich war ziemlich überrascht und versuchte mir vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn zu dieser Zeit bei uns im Ruhrgebiet jemand an der Tür geläutet hätte - hätte da auch jemand gesagt: 'Klar! Kommen Sie 'rein! Wohnen Sie hier!'? Die freundliche Aufnahme war für mich ein ganz besonderes Erlebnis - und diese Offenheit sollte mir auf meiner Fahrt noch öfter begegnen. Ebenso wie eine ganz spezielle Grundhaltung meiner Gastgeber.
Die Menschen entschuldigten sich für das, was sie hatten. Zum Beispiel beim Frühstück. Dafür, dass die Butter hart war. Dabei schmeckte sie mir gut! Das sagte ich auch, doch es schien, als hätten die Leute ein schlechtes Gewissen, weil sie das Gefühl hatten, mir zu wenig bieten zu können. Natürlich gab es auch solche, die skeptisch waren, vor allem Männer. In vielen Gesprächen wurde das deutlich. Sie fragten sich, was ihnen die Wende bringen würde, was aus ihrer Arbeit wird, "wenn jetzt alle aus dem Westen rüberkommen". Was würde aus ihren Betrieben, den LPGs? Existenzängste, die ja nicht unbegründet waren.
Alles so schön schrömmelig
Die Gastfreundschaft gab mir die Möglichkeit zu sehen, wie die Menschen lebten. Wenn man Häuser nur von außen anschaute, erfuhr man noch nicht viel über die Wohnkultur. Die Wohnungen boten für mich auch eine Überraschung: Ich sah Wandregale mit Nussknackern, Bierkrügen und Ziertellern, ich sah ganze Einrichtungen - und dachte: Das kennst du doch! Im Ruhrgebiet sagte man dazu "Gelsenkirchener Barock". Ein Satz lag mir auf der Zunge: Das sieht aber schön schrömmelig aus. Man hätte auch sagen können: spießig. Oder eben anders, ein ganz privates Zuhause, in dem man sich wohlfühlt.
Was ich im Westen auch nicht kannte, waren die Warenwelten der Ostdeutschen. Ich wollte sie fotografieren, weil ich ahnte, dass sich dieses Bild ganz schnell ändern würde, zur Dokumentation: ein Schaufenster, in dem zwei einsame Fernseher standen; das von Hand gefaltete und mit Filzstift bemalte Preisschild "Logik-Leiterplatte 9,50 M", Ata-Putz- und Scheuermittel für 13 Pfennige, "Speisehülsenfrüchte" und "Eierteigwaren". Ein Ausverkauf.
Und dann gab es Situationen, die für mich einfach nur skurril waren - wie mein Besuch in einem Café in Neustrelitz. Außer mir saßen dort an diesem Abend auch einige Damen, die mich schon bald direkt ansprachen und fragten, ob ich aus dem Westen sei. Plötzlich ging die Tür auf und jemand, der schon reichlich Alkohol intus hatte, ging auf die Damen zu. Er schimpfte auf "Wessis" und unterstellte mir offenbar, dass ich mich für die Damen interessierte. Dabei wurde er ziemlich laut. Die Tür ging erneut auf und fünf Sowjetsoldaten traten ein. Sie schritten an mir vorbei, packten den Mann beim Schopf und schmissen ihn einfach raus. Ich war ziemlich irritiert und hielt es für einen guten Zeitpunkt, einfach zu gehen. Als ich das Café verlassen wollte, sagte die Garderobendame zu mir: "Ach, wollen Sie schon weg, junger Mann? Das ist schade, jetzt wird es doch gerade erst schön." Mir war nicht klar, was sie damit meinte. Ich war nur froh, heil wieder draußen zu sein.




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