| K(l)eine Rebellen: Um die Kleiderfrage wurden vor der Konfirmation eigentlich in allen Familien die heftigsten Konflikte ausgetragen. Nachdem der Konfirmand anfänglich auf Jeans bestanden hatte und bestenfalls Bereitschaft zeigte, zu diesem besonderen Anlass ein gebügeltes Hemd zu tragen, sahen am Tag der Feier natürlich trotzdem alle aus wie zu klein geratene Bankangestellte. |
Fliederfarbene Blazer, öde Präsente, fatale Sektgelage: Jedes Jahr feiern rund 500.000 Teenager in Deutschland Konfirmation, Firmung oder Jugendweihe. Benjamin Maack erinnert sich auch fast 20 Jahre danach noch gut an die eigene Konfirmation - und unchristliche Gedanken während des Gottesdienstes.
"Das geknickte Rohr ...", begann der Pastor den Konfirmationsspruch zu verlesen und legte segnend die Hand auf Olafs Kopf. Zeitgleich entfuhr Olli, Stephan und mir ein leises Glucksen. Herrje, wir waren drei Halbstarke in mies sitzenden Feiertagsklamotten und auf dem Höhepunkt unserer hormonellen Verwirrung. Damals war es praktisch unmöglich "Rohr" zu sagen, ohne dass alle Jungs im Raum kollektiv zusammenbrachen. Ich beiße schmerzhaft auf meine Unterlippe, um nicht laut loszulachen. In meinem Rücken der riesige Kirchenraum, gerammelt voll mit Verwandten, Nachbarn und Bekannten, über mir ein Gewölbe, so hoch und ehrwürdig wie man es sich als 14-Jähriger überhaupt nur vorstellen kann - "St. Peter und Paul", der Dom in meinem Heimatort.
Zu viert knien wir vor dem goldenen Altar, um beim Konfirmationsgottesdienst unsere Segnung zu erhalten. Als Bestätigung der Taufe und bewusstes "Ja" zum christlichen Glauben. Als Eintritt ins Vorzimmer des Erwachsenenlebens. Ich bin durch meine Konfirmation weder erwachsener geworden, noch war sie der Startschuss für ein inniges Verhältnis zu Gott und Kirche. Ich war einfach nur ein unglaublich schlecht gekleideter, von Komplexen geplagter 14-Jähriger in einem grauen Seidenblouson, schwarzen Karottenjeans, einem dämlichen Stehkragenhemd und den etwas zu großen Tanzschuhen meines Vaters.
Zu allem Übel hatte ich am Tag meiner Konfirmation einen Bad-Hair-Day, den ich versuchte, mit dem Haargel meiner Mutter unter Kontrolle zu bringen. Notdürftig betonierte ich meine Mähne zu dem zusammen, was ich damals für eine Frisur hielt. Leider entging mir in meiner Aufregung etwas Entscheidendes: Das Gel war mit einem penetranten Blumenduft parfümiert. Gefühlt roch ich an diesem Tag also mehr nach Mädchen als alle Konfirmandinnen, ihre Mütter, Schwestern, Tanten und Cousinen dritten Grades zusammen. Ich fühlte mich so mies wie selten zuvor.
Ich war ein christlicher Kapitalist
Vielleicht dachte ich damals, dass es möglicherweise doch einen Gott gibt. Einen zornigen Vater, der in seiner Allmacht schon vorausgesehen hatte, dass ich in der Kirche vor dem Altar weder an Segnungen noch an ihn denken würde. Ich dachte an Briefumschläge. Briefumschläge, die sich zu Hause stapelten. Briefumschläge mit 5-, 10- und 20-Mark-Scheinen. Eine unvorstellbare Menge Geld, die sich ohne mein Zutun vermehrte. Mehr Geld, als ich je zuvor besessen hatte. Und ich dachte an all das, was ich dafür würde kaufen können: ein Mountainbike? Oder eine Stereoanlage? Vielleicht einen eigenen Fernseher, nur für mein Zimmer. Ich war ein christlicher Kapitalist, ein Wechsler im Tempel von Jerusalem.
Aber irgendwie hatte ich auch das Gefühl, mir das Geld sauer verdient zu haben. Zwei volle Jahre war ich einmal pro Woche zum Konfirmandenunterricht gegangen und zweimal pro Monat in den Gottesdienst - bei uns musste man sich diese Besuche mit Stempeln bestätigen lassen. Genau genommen war die Vorbereitung auf meine Konfirmation mein erster richtiger Job.
Doch auch schon lange vor meiner Zeit als Konfirmand ging es bei diesen Feiern nur um die Anhäufung von Reichtümern. Seit ich mich erinnern kann, tigerte ich Jahr für Jahr am Konfirmationswochenende mit einer Faust voller Umschläge und einer robusten Plastiktüte durch die Straßen. Auch da waren die Glückwunschkarten schon harte Währung. Für jeden Umschlag, den man ablieferte, erhielt man an der Tür Süßigkeiten. Aus einem Korb durfte man sich ein oder zwei Teile nehmen. Hatte man Beziehungen zu der Person, die den Korb verwaltete, auch mal drei. Offene Umschläge brachten weniger als verschlossene, weil letztere die mit dem Geld drin waren.


Ohne Rücksicht auf das Ansehen meiner Eltern im Dorf ging ich bald dazu über, gerade bei blöden Kindern die Umschläge auch dann zuzukleben, wenn kein Bares drin war. So brachte ich es alljährlich zu einem ansehnlichen Schatz an Schokoriegeln, Miniaturgummibärchentüten und Maoam-Sechserpacks (nur die schlimmsten Knauserer verschenkten die Maoams einzeln).
Sakramente: Sekt, Bier und Kräuterschnaps
Zumindest in meinem Dorf war die Konfirmation auch die offizielle Heranführung an die Sakramente Sekt, Bier, Likör und Kräuterschnaps. Ich weiß nicht, wie viele am Abend ihrer Konfirmation noch klaren Verstandes davon berichten konnten, wie es am Morgen in der Kirche gewesen war.
Noch mehr Ansehen erntete allerdings, wer es schaffte, schon vorher seine Initiation in den zweifelhaften Zauber der Trunkenheit zu erleben. Bei mir geschah es ein Jahr zuvor - natürlich auf einer Konfirmationsfeier. Die meisten von uns warteten damals nur darauf, alt genug zu werden, um Leute zu kennen, die schon konfirmiert wurden. Dann pfiff man auf alle Süßigkeiten, fuhr zu dem Freund oder der Freundin und tat alles dafür, sich mächtig zu alkoholisieren. Warum? Fragen sie einen 13-Jährigen, der Sekt und Bier wittert, nicht nach dem Warum - er wird keine befriedigende Antwort geben können.
Meine Connection war ein Mädchen, das zwei Dörfer weiter wohnte. Zwölf Kilometer radelte ich durch die Pampa, setzte mich verschwitzt und ausgetrocknet von der langen Fahrt durch die Aprilhitze zwischen die anderen Gäste und durfte auch prompt meinen Durst stillen. Wenige Gläschen Sekt später war ich nach Strich und Faden abgefüllt. So lange ich saß, bemerkte ich das allerdings nicht. Erst beim Aufstehen hatte ich das erste Mal in meinem Leben eine Ahnung davon, dass der Erdball unter meinen Füßen rotiert. An den Rückweg habe ich nur noch eine schemenhafte Erinnerungen: Ich im Nirgendwo zwischen meinem Heimatdorf und dem anderen, mich übergebend in einer einsam in der Landschaft stehenden Telefonzelle.



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