Über einestages

1992

Konfirmations-Feiern Haargel, Gott und Geldgeschenke


zurück vor 1  /  16
zurück vor
K(l)eine Rebellen: Um die Kleiderfrage wurden vor der Konfirmation eigentlich in allen Familien die heftigsten Konflikte ausgetragen. Nachdem der Konfirmand anfänglich auf Jeans bestanden hatte und bestenfalls Bereitschaft zeigte, zu diesem besonderen Anlass ein gebügeltes Hemd zu tragen, sahen am Tag der Feier natürlich trotzdem alle aus wie zu klein geratene Bankangestellte.

Fliederfarbene Blazer, öde Präsente, fatale Sektgelage: Jedes Jahr feiern rund 500.000 Teenager in Deutschland Konfirmation, Firmung oder Jugendweihe. Benjamin Maack erinnert sich auch fast 20 Jahre danach noch gut an die eigene Konfirmation - und unchristliche Gedanken während des Gottesdienstes.


"Das geknickte Rohr ...", begann der Pastor den Konfirmationsspruch zu verlesen und legte segnend die Hand auf Olafs Kopf. Zeitgleich entfuhr Olli, Stephan und mir ein leises Glucksen. Herrje, wir waren drei Halbstarke in mies sitzenden Feiertagsklamotten und auf dem Höhepunkt unserer hormonellen Verwirrung. Damals war es praktisch unmöglich "Rohr" zu sagen, ohne dass alle Jungs im Raum kollektiv zusammenbrachen. Ich beiße schmerzhaft auf meine Unterlippe, um nicht laut loszulachen. In meinem Rücken der riesige Kirchenraum, gerammelt voll mit Verwandten, Nachbarn und Bekannten, über mir ein Gewölbe, so hoch und ehrwürdig wie man es sich als 14-Jähriger überhaupt nur vorstellen kann - "St. Peter und Paul", der Dom in meinem Heimatort.

Zu viert knien wir vor dem goldenen Altar, um beim Konfirmationsgottesdienst unsere Segnung zu erhalten. Als Bestätigung der Taufe und bewusstes "Ja" zum christlichen Glauben. Als Eintritt ins Vorzimmer des Erwachsenenlebens. Ich bin durch meine Konfirmation weder erwachsener geworden, noch war sie der Startschuss für ein inniges Verhältnis zu Gott und Kirche. Ich war einfach nur ein unglaublich schlecht gekleideter, von Komplexen geplagter 14-Jähriger in einem grauen Seidenblouson, schwarzen Karottenjeans, einem dämlichen Stehkragenhemd und den etwas zu großen Tanzschuhen meines Vaters.

Zu allem Übel hatte ich am Tag meiner Konfirmation einen Bad-Hair-Day, den ich versuchte, mit dem Haargel meiner Mutter unter Kontrolle zu bringen. Notdürftig betonierte ich meine Mähne zu dem zusammen, was ich damals für eine Frisur hielt. Leider entging mir in meiner Aufregung etwas Entscheidendes: Das Gel war mit einem penetranten Blumenduft parfümiert. Gefühlt roch ich an diesem Tag also mehr nach Mädchen als alle Konfirmandinnen, ihre Mütter, Schwestern, Tanten und Cousinen dritten Grades zusammen. Ich fühlte mich so mies wie selten zuvor.

Ich war ein christlicher Kapitalist

Vielleicht dachte ich damals, dass es möglicherweise doch einen Gott gibt. Einen zornigen Vater, der in seiner Allmacht schon vorausgesehen hatte, dass ich in der Kirche vor dem Altar weder an Segnungen noch an ihn denken würde. Ich dachte an Briefumschläge. Briefumschläge, die sich zu Hause stapelten. Briefumschläge mit 5-, 10- und 20-Mark-Scheinen. Eine unvorstellbare Menge Geld, die sich ohne mein Zutun vermehrte. Mehr Geld, als ich je zuvor besessen hatte. Und ich dachte an all das, was ich dafür würde kaufen können: ein Mountainbike? Oder eine Stereoanlage? Vielleicht einen eigenen Fernseher, nur für mein Zimmer. Ich war ein christlicher Kapitalist, ein Wechsler im Tempel von Jerusalem.

Aber irgendwie hatte ich auch das Gefühl, mir das Geld sauer verdient zu haben. Zwei volle Jahre war ich einmal pro Woche zum Konfirmandenunterricht gegangen und zweimal pro Monat in den Gottesdienst - bei uns musste man sich diese Besuche mit Stempeln bestätigen lassen. Genau genommen war die Vorbereitung auf meine Konfirmation mein erster richtiger Job.

Doch auch schon lange vor meiner Zeit als Konfirmand ging es bei diesen Feiern nur um die Anhäufung von Reichtümern. Seit ich mich erinnern kann, tigerte ich Jahr für Jahr am Konfirmationswochenende mit einer Faust voller Umschläge und einer robusten Plastiktüte durch die Straßen. Auch da waren die Glückwunschkarten schon harte Währung. Für jeden Umschlag, den man ablieferte, erhielt man an der Tür Süßigkeiten. Aus einem Korb durfte man sich ein oder zwei Teile nehmen. Hatte man Beziehungen zu der Person, die den Korb verwaltete, auch mal drei. Offene Umschläge brachten weniger als verschlossene, weil letztere die mit dem Geld drin waren.



Ohne Rücksicht auf das Ansehen meiner Eltern im Dorf ging ich bald dazu über, gerade bei blöden Kindern die Umschläge auch dann zuzukleben, wenn kein Bares drin war. So brachte ich es alljährlich zu einem ansehnlichen Schatz an Schokoriegeln, Miniaturgummibärchentüten und Maoam-Sechserpacks (nur die schlimmsten Knauserer verschenkten die Maoams einzeln).

Sakramente: Sekt, Bier und Kräuterschnaps

Zumindest in meinem Dorf war die Konfirmation auch die offizielle Heranführung an die Sakramente Sekt, Bier, Likör und Kräuterschnaps. Ich weiß nicht, wie viele am Abend ihrer Konfirmation noch klaren Verstandes davon berichten konnten, wie es am Morgen in der Kirche gewesen war.

Noch mehr Ansehen erntete allerdings, wer es schaffte, schon vorher seine Initiation in den zweifelhaften Zauber der Trunkenheit zu erleben. Bei mir geschah es ein Jahr zuvor - natürlich auf einer Konfirmationsfeier. Die meisten von uns warteten damals nur darauf, alt genug zu werden, um Leute zu kennen, die schon konfirmiert wurden. Dann pfiff man auf alle Süßigkeiten, fuhr zu dem Freund oder der Freundin und tat alles dafür, sich mächtig zu alkoholisieren. Warum? Fragen sie einen 13-Jährigen, der Sekt und Bier wittert, nicht nach dem Warum - er wird keine befriedigende Antwort geben können.

Meine Connection war ein Mädchen, das zwei Dörfer weiter wohnte. Zwölf Kilometer radelte ich durch die Pampa, setzte mich verschwitzt und ausgetrocknet von der langen Fahrt durch die Aprilhitze zwischen die anderen Gäste und durfte auch prompt meinen Durst stillen. Wenige Gläschen Sekt später war ich nach Strich und Faden abgefüllt. So lange ich saß, bemerkte ich das allerdings nicht. Erst beim Aufstehen hatte ich das erste Mal in meinem Leben eine Ahnung davon, dass der Erdball unter meinen Füßen rotiert. An den Rückweg habe ich nur noch eine schemenhafte Erinnerungen: Ich im Nirgendwo zwischen meinem Heimatdorf und dem anderen, mich übergebend in einer einsam in der Landschaft stehenden Telefonzelle.


Sie haben Firmung oder Jugenweihe gefeiert? Erzählen Sie Ihre Geschichte auf einestages!

Doch die Sache mit dem Blackout hatte auch ihr Gutes. Als ich endlich zu Hause angekommen war, schmutzig, betrunken und mit Erbrochenem auf dem Jackenärmel, empfing mich mein Vater an der Haustür. Er sah mich, fasste sich kurz an die Stirn, als würde er versuchen, sich daran zu erinnern, wer ich bin. Okay, klickte es in meinem vernebelten Hirn, jetzt setzt es richtig Ärger. Doch keineswegs. Stattdessen drehte sich mein Vater verstohlen um, prüfte ob die Luft rein war, schob meinen wankenden Kinderkörper in mein Zimmer, steckte mich ins Bett und gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte: "Wir erzählen deiner Mutter lieber nichts davon." Niemals davor und nie wieder danach haben mein Vater und ich einen so herrlich verschwörerischen Moment miteinander geteilt.

Die Existenz einer gütigen, nachsichtigen Allmacht

Am Tag meiner eigenen Konfirmation war ich dann kein bisschen betrunken. Letzten Endes erschien mir diese Feier als Vorwand für die Eltern, mal wieder eine richtig große Party mit allen Verwandten, die mich zu dieser Zeit null interessierten, zu schmeißen. Statt mitzufeiern, hing ich mit meinem Freund Matthias in meinem Zimmer rum und fühlte mich irgendwie punkig dabei, laut die Songs der deutschen Kürbismetalband Helloween zu hören. Rückblickend betrachtet eine halbherzige Protestaktion gegen das Sakrament der Konfirmation.

Am Ende des Tages fühlte ich mich auf jeden Fall so reich wie Dagobert Duck und dachte ernsthaft darüber nach, ob ich ein Bad in meinen neugewonnenen Reichtümern nehmen könnte, wenn ich alles in Pfennige umtauschen würde. Handtücher zum Abtrocknen hätte ich genug gehabt. Auch so eine komische Konfirmationstradition: dem Konfirmanden Handtücher zu schenken. Ich habe damals immer die Handtücher meiner Eltern benutzt und nie über die Anschaffung auch nur eines einzigen eigenen Badetuchs nachgedacht. Jetzt besaß ich auf einmal einen ganzen Stapel unterschiedlichster Exemplare. Neulich habe ich eins wiedergefunden. Es war schwarz mit einem teewurstfarbenen Zackenmuster drauf und lag im Kofferraum meines Vaters unter einem öligen Rasenmäherteil.

Eine harte Lektion über die Vergänglichkeit von Reichtum und Besitz und vermutlich die spirituellste Erfahrung im Zusammenhang mit meiner Konfirmation lernte ich einige Wochen später. Ich legte fast mein gesamtes Geld in einem Mountainbike an. Es war orange mit lilafarbenen Kuhflecken, hatte 18 Gänge und war schon nach den Sommerferien im selben Jahr so verdreckt und zuschanden geritten, dass die Schaltung nicht mehr funktionierte. Es landete im Schuppen und hat das Tageslicht erst wieder erblickt, als mein Vater es auf den Müll warf.

Unterm Strich ist wohl der Segensspruch, der mich damals in der Kirche fast dazu gebracht hat laut loszulachen, das einzige Geschenk gewesen, das mir bis heute von meiner Konfirmation geblieben ist. Er lautete: "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht nicht auslöschen." Die Existenz einer gütigen und nachsichtigen Allmacht - fast 20 Jahre später klingt das nach einem wunderbar tröstlichen Versprechen.



Debatte

Kommentare? Fragen? Ergänzungen? Diskutieren Sie mit! Zur Debatte ...

Artikelinfos


versenden


Löschung des Berichts beantragen

Verwandte Artikel

Parallelgesellschaften: Katholiken zwischen Dogmatismus und Toleranz

Über Parallelgesellschaften wird viel gestritten. Dabei wird...

Scout vs. Amigo: Volle Rückendeckung

Der Ranzen ist für Schüler mehr als ein Bücherbehältnis....

Deutsche Heiligtümer: Lärmen fürs Leben

Teenies im Ausnahmezustand: Seit Generationen sind...


Artikel bewerten

3,4 (52 Bewertungen bisher)


Foto hinzufügen


Mehr aus der Rubrik...




» Album bearbeiten


» Album-Metadaten bearbeiten


» Produktionsansicht