Revolution war anderswo: In den Zellen der Stasi herrschte noch Terror, als die SED bereits entmachtet war. Wer das frühere MfS-Gefängnis Hohenschönhausen besucht, kann dort Haarsträubendes hören - wie die Erlebnisse von Manfred Haferburg und Uwe Hädrich. Von Peter Wensierski
Verhaftet wurde Manfred Haferburg in einem Zug von Prag nach Nürnberg. Mit einem schlecht gefälschten Reisepass hatte der Ingenieur aus Greifswald im Mai 1989 versucht, über die Tschechoslowakei aus der DDR in den Westen zu kommen. Seine slowakische Freundin, die nur ein paar Abteile weiter saß, kam unbehelligt in der Bundesrepublik an; Haferburg wurde von den Tschechen an die DDR ausgeliefert.
So landete der damals 41-Jährige im Geheimgefängnis der Staatssicherheit. Von der Existenz der Stasi-Untersuchungshaftanstalt wussten nur wenige Eingeweihte. Für Passanten unzugänglich, lag der Bau mitten in einem militärischen Sperrgebiet in Berlin-Hohenschönhausen. Gefängnis und Umgebung waren auf keinem Berliner Stadtplan verzeichnet, sämtliche DDR-Karten - und sogar die West-Berliner Stadtpläne - zeigten an dieser Stelle nur leeres Gelände.
Selbst wer hier in den Zellen saß, wusste meist nicht, wo er gelandet war - Haferburg saß buchstäblich im Nichts, in einem Schwarzen Loch. Von dem, was sich im Sommer und Herbst 1989 in der DDR abspielte, wusste er nichts - hinter den Gittern von Hohenschönhausen machten die Stasi-Vernehmer weiter wie eh und je, als ob in der DDR alles beim Alten wäre. Wochenlang gab es tagsüber stundenlange Verhöre und nachts "Halbschlafentzug": Alle fünfzehn Minuten wurde in Haferburgs Zelle die grelle Leuchtstoffröhre angeschaltet, nur um etwas später wieder ausgemacht zu werden.
Kniescheibe weggeschossen
Dann kam der 1. November 1989. In der ganzen DDR waren die Menschen seit Wochen auf den Straßen, um für Reisefreiheit und freie Wahlen zu demonstrieren. Erich Honecker war bereits zurückgetreten, sein Nachfolger Egon Krenz traf an diesem Tag in Moskau Michail Gorbatschow, um sich die Rückendeckung der Sowjetunion zu sichern. In Prag stellten DDR-Diplomaten auf Geheiß Ost-Berlins zähneknirschend Ausreisepapiere für 300 DDR-Bürger aus, die sich in die westdeutsche Botschaft geflüchtet hatten.
Und in Hohenschönhausen saß derweil Haferburg ohne Zeitung oder Radio ahnungslos in einer engen Zelle ohne Fenster und erwartete das nächste Verhör. Plötzlich erschienen fünf Uniformierte, zerrten ihn in einen völlig leeren Raum. "Ich wartete allein in dieser Zelle, voller Angst, was denn nun mit mir geschehen würde", erinnert sich Haferburg heute. Unwillkürlich musste er an seinen Zellennachbarn denken. Der Ost-Berliner Jugendliche war im Frühjahr 1989 beim Fluchtversuch an der tschechischen Grenze zur Bundesrepublik gestellt worden. Obwohl er sich, die Hände über dem Kopf, nicht rührte, hatte ein Grenzer ihm mit einer Salve aus der Maschinenpistole die Kniescheibe weggeschossen.
Haferburgs Spannung stieg ins Unerträgliche. "Nach einer Ewigkeit kamen die Stasi-Wächter wieder", erzählt er. Sie waren wütend, angespannt - und schwer bewaffnet. Wieder zerrten sie ihn wortlos aus der Zelle. Im Gang verband ihm einer plötzlich von hinten die Augen. Haferburgs Proteste nützten nichts; er solle den Mund halten, herrschten ihn die Uniformierten an. So stolperte er durch die Gänge, die Schritte hallten laut wieder. Ein großes Metalltor wurde geöffnet und schloss sich knackend wieder hinter ihm. Er spürte kalte Novemberluft.
Leberhaken und Faustschläge
Haferburg musste stillstehen, auf jeder Seite hielt ihn ein Uniformierter am Arm fest. Der stampfende Gleichschritt von fünf, sechs anderen Posten war zu hören, dann metallisches Klicken, wie von Waffen. Panik ergriff ihn. "Ich zitterte am ganzen Körper und dachte nur: Wollen die mich erschießen?", schildert er die Situation vor fast 20 Jahren. Als Ingenieur war Haferburg Oberschichtleiter im einzigen DDR-Kernkraftwerk bei Greifswald gewesen, Vorgesetzter von 200 Leuten und Herr über vier Reaktorblöcke; er galt als offizieller Geheimnisträger. "Mein Herz raste, ich kämpfte dagegen an, mir in die Hose zu machen", erzählt Haferburg
Er versuchte, sich loszureißen, bekam einen Leberhaken verpasst. Man schleifte ihn weg, stieß ihn in ein Auto, das mit quietschenden Reifen losfuhr. Als er versuchte, die Augenbinde abzustreifen, traf ihn ein weiterer Faustschlag. "Wollen Sie mich anderswo beseitigen?", sei ihm durch den Kopf gegangen. "Gleichzeitig fand ich die Situation grotesk." Also fing Haferburg an zu lachen, "damit sie sich nicht an meiner Erniedrigung weiden konnten". Dann ein letzter Schlag in die Rippen. Bremsen quietschen, die Wagentür fliegt auf, während der Wagen noch rollt. Haferburg will sich festhalten, greift ins Leere - und schlägt hart auf dem Kopfsteinpflaster auf.
Blutend rappelte sich Haferburg auf, ratlos. "Ist das jetzt der Westen?", fragt er sich. An einer Straßenbahn-Haltestelle fragte er eine misstrauische ältere Frau, wo er denn sei. "Sie nannte einen Straßennamen", lacht Haferburg. "Ich wollte nur wissen in welcher Stadt." Die Frau ließ die Tram Tram sein und ging schnell zu Fuß weg, nachdem sie knapp "Berlin-Köpenick" geantwortet hatte. Ohne Fahrkarte schlug sich der lädierte Ex-Häftling zu seinen Eltern nach Eberswalde durch. Nur eine Woche später fiel die Mauer, aber das hilflose Gefühl, mit verbundenen Augen der Macht der Stasi-Männer ausgeliefert zu sein, kann Manfred Haferburg seither nicht vergessen.




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