Über einestages

1958-1989

Tabus in der DDR Fernsehen, hören, schweigen


Unser erster Fernseher: Ende der fünfziger Jahre gab es in der DDR Fernseher nur auf Berechtigungsschein. Besonders die Kinder drängten uns, einen Apparat anzuschaffen; die Kindersendungen waren sehr beliebt. Wir Erwachsenen interessierten uns für Nachrichten und Unterhaltungssendungen in der ARD. Ein guter Freund hatte schließlich bei einem Wochenendbesuch 1958 als Überraschung ein solches Stück im Gepäck: einen Apparat für 2000 Mark. Als Angestellter im Staatsdienst hatte er eine Bezugsbescheinigung erhalten, wollte aber selbst noch kein Gerät kaufen. Die notwendige Antenne entstand Marke Eigenbau. Der Fernseher diente uns dann 15 Jahre.

Der gutgemeinte Rat kam einer Aufforderung zum Lügen gleich: Die Kinder von Ernst Woll mussten früh lernen zu schweigen - denn zu Hause lief Westfernsehen. Die Geheimniskrämerei nahmen sie ihren Eltern übel.


Im Jahr 1958 gelang es uns durch Beziehungen, in der DDR einen Fernsehapparat zu kaufen. Von da an verzichteten wir fast keinen Tag auf die ARD-Nachrichten. Als unsere Kinder, die in den fünfziger Jahren geboren wurden, zur Schule kamen, stellte sich uns Eltern ein Problem, dass wir, wie wir heute finden, nicht zufriedenstellend lösten. Den Kindern musste klargemacht werden, dass das Thema Westfernsehen außerhalb heimischer Gefilde tabu war. Das kam einer Aufforderung zum Lügen und wissentlichem Verschweigen gleich und war für die Kinder ein schwieriger Spagat.

Als das Zweite Programm (ZDF) auf Sendung ging, stellten sich uns auch technische Probleme. Mit den Apparaten und Antennen aus DDR-Produktion war der Empfang ohne weiteres nicht möglich. Selbst geschickte Fernsehmechaniker waren aufgeschmissen, weil Teile gebraucht wurden, die nur in der Bundesrepublik zu beschaffen waren. Als Paket von der Westverwandtschaft? Fehlanzeige, die Pakete wurden immer kontrolliert und derlei Inhalt einbehalten. Und so wurde ein Heer von Rentnern zu Abenteurern und Schmugglern, weil sie, aus dem Westen kommend, die begehrten Teile im Gepäck mit sich führten - eine ungemein aufregende Angelegenheit, denn sie hatten strenge und gründliche Zollkontrollen zu überwinden. Wurde diese oder andere Schmuggelware dabei entdeckt, waren Repressalien, zum Beispiel die Verweigerung künftiger Reisen, nicht ausgeschlossen.

Rentner in der Illegalität

Meine Schwiegermutter war bereit, sich dem mit diesem illegalen Tun verbundenen Stress auszusetzen - im Nachhinein gestand sie, dass dies die angstvollsten Minuten ihres Lebens waren. Man stelle sich die Szene vor: Die - meist unhöflichen, bärbeißigen - Zollbeamten forderten sie auf, den Koffer zu öffnen. Nur sie wusste, dass sich unter der Schicht gebrauchter Wäsche das in Einzelteile zerlegte Zusatzgerät befand; und nur sie wusste, dass durch ein flüchtiges Abtasten des Kofferinhaltes die Sache aufgeflogen wäre. Da half nur eines: Pokerface und das Zittern der Hände in den Griff bekommen! Tatsächlich muss ihr Schauspieltalent überzeugend gewesen sein, denn es blieb nur bei einer oberflächlichen Besichtigung des Kofferinhaltes. Dann waren die Zollkontrollen vorbei, und auf den Gesichtern aller im Abteil befindlicher Rentner machte sich unendliche Erleichterung breit.

Wenn man schon das Erste und Zweite Programm empfangen konnte, so fehlten doch Programmzeitschriften. Mein Schwiegervater schrieb deshalb in wöchentlicher Fleißarbeit die halbstündige Programmvorschau mit. Seine Aufzeichnungen schrieben wir und andere Familienmitglieder dann ab. Die erste Zeitung, die meine Schwiegermutter - damals 85-jährig - nach der Wende abonnierte, war die "Hörzu", weil sie - endlich!!! - ein gedrucktes Programm haben wollte (obwohl sie weiterhin nur ARD und ZDF einschaltete).

Zum Schweigen verurteilt

Zur Freiheit gehört in meinen Augen die ungehinderte, unzensierte Informationsaufnahme durch Wort und Bild aus aller Welt. Die damalige Möglichkeit, Ost- und Westnachrichten zu sehen und zu hören, bot die einmalige Chance, das Aufgenommene gegeneinander abzuwägen, eigene Schlüsse zu ziehen - auch zur Wendezeit ein unschätzbarer Vorteil. Es entstanden oft schärfere Bilder, die viel Unausgesprochenes erkennen ließen.

Unsere Kinder machten uns später jedoch Vorwürfe, dass sie im Kreise ihrer Schulkameraden bei interessanten Filmbesprechungen zu eisernem Schweigen verurteilt oder aufgrund ihrer vorgeblichen Ahnungslosigkeit sogar regelrechter Geringschätzung ausgesetzt gewesen waren. Mehr noch, sie warfen uns später vor, dass wir sie nicht stärker in unsere privaten Gespräche - untereinander und mit sehr vertrauten Verwandten und Bekannten - über offensichtliche Fehler in der DDR-Politik einbezogen haben.

Soviel Wahrhaftigkeit war also nicht einmal im Kreise der eigenen, kleinen Familie gegeben. Ich vermute, dass wir Eltern von Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus beeinflusst waren, als wir von Kindern gehört hatten, die ihre Eltern wegen des Abhörens von Feindsendern angezeigt hatten. Hohe Strafen für die Eltern folgten. In der DDR wurde niemand wegen des Westfernsehens gerichtlich belangt. Mehrmals erlebte ich aber in Leitungssitzungen, Betriebs- und Gewerkschaftsversammlungen, wie Kollegen deshalb vor aller Ohren getadelt wurden. Für empfindliche Menschen, die sich nichts zu Schulden kommen lassen wollen - und zu diesen zähle ich mich auch - war bereits dies sehr unangenehm.


Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Bernd Rabe am 16. Juni 2009, 16:53
Ich bin "auf der anderen Seite des Zaunes" in Westberlin aufgewachsen.
Bei vielen Besuchen in der damaligen DDR in den späten 60er und den 70er Jahren wurde mir das...


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