Über einestages

1971

Besuch in der CSSR Mit Geheimauftrag nach Prag


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Metro-Baustelle am Wenzelsplatz: In Prag blieb Zeit für eine Stadtbesichtung - etwa am Wenzelsplatz. Der Platz wurde nach dem Heiligen Wenzel von Böhmen (auch Wenzeslaus von Böhmen) benannt.

Im Gepäck hatte er äußerst vertrauliche Botschaften: 1971 baten tschechische Emigranten Ernst Pelzing, Medikamente und Nachrichten an Eltern, Freunde und einen Pfarrer zu überbringen. Die Reise wurde zum konspirativen Abenteuer.


Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 kamen viele tschechische Emigranten in die Bundesrepublik. Einer von ihnen wurde später mein Tschechischlehrer, seine Familie lernten meine Frau und ich 1971 kennenlernen. Wir erfuhren dabei, wie es in seiner Heimat hinter dem Eisernen Vorhang tatsächlich aussah. Die Eltern meines Lehrers, so hörten wir, lebten in bescheidenen Verhältnissen in Prag, wo es um ihre Gesundheit und die medizinische Versorgung nicht zum Besten stand.

Meine Frau und ich planten schon seit längerem eine Reise nach Prag. Als unsere Bekannten davon erfuhren, fragten sie zaghaft, ob wir uns vorstellen könnten, die Eltern und einige gute Freunde in Prag und Umgebung sowie einen Pfarrer in Ústi nad Lebem, dem ehemaligen Aussig an der Elbe, zu besuchen. Wir sollten Medikamente und Nachrichten aus erster Hand überbringen. Die Antwort fiel nicht schwer, wir wollten helfen.

Die Fahrt nach Prag sollte mit unserem Daimler erfolgen. Nachdem wir unsere Visa für die CSSR beschafft hatten, hätte es umgehend losgehen können. Aber erst einmal hieß es: Po malo, po malo! Gemach, gemach! Für unseren konspirativen Auftrag bedurfte es noch einer Einweisung durch unsere tschechischen Freunde. Es war wichtig zu wissen, wie wir uns unseren jeweiligen Zielen in Prag und Umgebung nähern mussten, um sicherzugehen, dass vom Besuch aus dem imperialistischen Ausland nichts bekannt würde.

Konspiratives Küchentreffen

In allen Fällen sollte es notwendig sein, unser westliches Auto einige Häuserblocks entfernt abzustellen und uns dann möglichst unauffällig zu Fuß weiter auf den Weg zu machen. Das leuchtete uns ein. Die Personen, die wir besuchen sollten, wurden vorab aus Bochum über unser Kommen informiert. Beim Besuch der Eltern sollten wir besondere Vorsicht walten lassen. Man schärfte uns ein, bei unserer Ankunft, je nach Tageszeit, mit verhaltener Stimme auf Tschechisch zu grüßen, um so nicht die Aufmerksamkeit einer linientreuen Sozialistin, die als Untermieterin in der elterlichen Wohnung lebte, auf uns zu ziehen. Wie wir uns allerdings verhalten sollten, wenn ausnahmsweise der sozialistische Schießhund persönlich die Tür öffnen würde, darüber hatten sich weder die Tschechen noch wir Gedanken gemacht.

In Prag angekommen gelangten wir ohne Schwierigkeiten zu unserem ersten Ziel. Der Wagen war einige Häuserblocks weit abgestellt. Auf unser Klingeln öffneten die Eltern meines Tschechischlehrers. Ich brachte leise mein "dobrý den" vor, woraufhin wir auf Tschechisch und per Handbewegung flink in die Küche gebeten wurden. Die Freude war den beiden älteren Herrschaften ins Gesicht geschrieben. Sie bedeuteten uns, möglichst leise zu sprechen, eine Aufforderung, die uns schon die Bochumer Exil-Tschechen mit auf den Weg gegeben hatten, die Wände hatten schließlich Ohren. Wir sprachen jetzt Deutsch.

Nach Übergabe der Medikamente und einiger kleiner Geschenke unsererseits ergab sich ein längeres herzliches Gespräch. Die Eltern wollten so viel wie möglich über die Bochumer Verhältnisse erfahren. So gut wir konnten, versuchten wir, dem Gespräch den bitteren Beigeschmack der Trennung von Eltern und Kindern zu nehmen. Wir schilderten die Verhältnisse in der Emigration so rosig wie möglich und machten uns dann wieder auf den Weg zu unserem nächsten Treffen mit den Freunden unserer Bochumer Bekannten.

Tiefer Einblick in ein fremdes Leben

Es handelte sich um ein jüngeres Ehepaar mit zwei Kindern. Beide sprachen gut Deutsch. Der Mann arbeitete als Ingenieur. Nachdem wir die Grüße aus Bochum überbracht hatten und die üblichen Förmlichkeiten ausgetauscht waren, erfuhren wir, dass das Ehepaar unter enormen Schwierigkeiten litt. Die Frau hatte starkes Asthma. Aber auf Grund des nicht parteikonformen Verhaltens ihres Mannes verweigerte man ihr weitergehende Behandlungen. Dazu kam die alltägliche materielle Not.

Meine Frau ließ spontan einen großen Teil ihrer Reisebekleidung und unserer Marschverpflegung zurück. Die Freude an diesen für uns alltäglichen Dingen muss man erlebt haben, um nachfühlen zu können, was wahrer Mangel bedeutet. Zum Dank nahm uns der Mann auf einen ganztägigen Ausflug durch Prag mit. Neben den üblichen Sehenswürdigkeiten, die er uns zeigte, erfuhren wir vieles über das Leben in der Diktatur und die Schwierigkeiten, die es mit sich brachte, wenn man ideologisch nicht dazu gehörte und sich ein anderes Leben wünschte. Solche Dinge blieben einem normalen Touristen verborgen.

Unser dritter und letzter Besuch führte uns schließlich nach Ústí nad Labem, zum ehemaligen Pfarrer unserer Bochumer Freunde. Bei unserer Ankunft hatte er gerade seine Messe beendet. Die Bochumer Exilanten ließen ihn über uns wissen, dass sie sich in das Gemeindeleben der zuständigen Pfarrei in Bochum gut integriert fühlten und die religiöse Betreuung ihrer beiden Kinder hinsichtlich deren Erstkommunion in guten Händen sahen. Zu einem eingehenderen Gespräch war allerdings keine Zeit. Wie mussten uns schnell wieder auf den Weg machen. Es waren zu viele Menschen in der Nähe. Niemand sollte wegen unseres Gesprächs Verdacht schöpfen.

Als wir nach Bochum zurückkehrten und unseren tschechischen Bekannten von der geglückten Ausführung unseres Auftrags berichteten, hatten wir unser Leben in Freiheit und seine nicht hinterfragte Selbstverständlichkeit um einiges mehr schätzen gelernt.


Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Ernst Pelzing am 22. Januar 2010, 18:35
Von einem nicht funktionierenden Bremskraftverstärker und einem Bahnübergang

Ein Ereignis während unseres ?SSR-Urlaubs 1972 ist mir in lebhafter Erinnerung...


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