| Hildegard Stauber, Jahrgang 1930: Im Interview. |
Dem Untergang der "Wilhelm Gustloff" war sie entgangen: Doch was Hildegard Stauber 1945 bei ihrer Rückkehr in Königsberg erwartete, war für die damals 15-Jährige kaum zu ertragen.
Hildegard Stauber war 15 Jahre alt, als sie am 30. Januar 1945 mit ihrer 63-jährigen Mutter versuchte, aus dem eingekesselten Königsberg zu fliehen. Eines der größten Kreuzfahrtschiffe der damaligen Zeit, die "Wilhelm Gustloff", schien die letzte Rettung. Schätzungsweise mehr als 10.000 Menschen riskierten die gefährliche, von feindlichen Torpedos bedrohte Fahrt über die winterliche Ostsee. Mehr als 9.000 überlebten das Wagnis nicht.
Als Hildegard und ihre Mutter auf das Schiff wollten, verwehrte man ihnen den Zutritt. Zu alt sei die Mutter, zu groß die Tochter. Mütter mit Kleinkindern hatten Vorrang. So gelangten nur Hildegards Bruder, dessen Frau und ihre sechs Kinder auf das längst überfüllte Schiff - und wurden Opfer der Katastrophe. Nur wenige Stunden später versank die "Wilhelm Gustloff" in den eisigen Fluten.
Hildegard Stauber erfuhr davon erst nach dem Krieg. Mit ihrer Mutter kehrte sie zurück nach Königsberg, wo im April 1945 die sowjetischen Truppen einmarschierten. Die Mutter überlebte diese Zeit nicht. Auf sich allein gestellt verbrachte Hildegard die folgenden zwei Jahre in den Kellern zerbombter Häuser, sie ernährte sich von dem, was andere zurückgelassenen hatten.
Doch noch ein weiteres Jahr hätte sie so womöglich nicht überlebt. Als sie davon hörte, dass sowjetische Züge nach Litauen fahren, sprang sie auf. Mit ihr zusammen flohen noch andere Kinder, darunter vier- und fünfjährige Waisen.
In Litauen und später in Lettland zog die Gruppe übers Land. Unterschlupf fanden die Kinder in den Wäldern. "Dieses Wolfsgeheul verfolgt mich mein ganzes Leben lang", sagt Hildegard Stauber. Bei den Bauern bettelten sie um Brot und Obdach. Man gab ihnen zu essen, ließ sie in der Scheune schlafen. Einige der kleinen Kinder wurden von Bauernfamilien aufgenommen und bekamen ein neues Zuhause.
Beim Gedanken an das Schicksal der Kinder wird Hildegard Stauber traurig: "Das bedrückt mich heute noch", sagt sie. "Ich habe ihnen zwar das Leben gerettet, aber sie haben keine Identität."
Im knapp zehnminütigen Video auf www.memoro.org erzählt Hildegard Stauber ihre Geschichte!