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1975

Kindheit in den Siebzigern Bloß kein Mädchen sein!


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Dirk Fastermann Petra Fastermann
Die Grundschulzeit ist vorbei: 1976 wechselte ich die Schule und besuchte fortan das "Städtische neusprachliche Mädchengymnasium mit Gymnasium für Frauenbildung" in Wesel. Mir war unbegreiflich, warum Mädchen und Jungen getrennt voneinander unterrichtet werden mussten.

Arbeitende Mütter waren suspekt. Das hatte Petra Fastermann rasch gemerkt, als sie in den siebziger Jahren in einem kleinen Dorf am Niederrhein aufwuchs. Dann machte sie Bekanntschaft mit der "Brigitte" und entwickelte als Grundschülerin ein untrügliches Gespür für die Ungerechtigkeiten im Alltag.


Meine beste Grundschulfreundin war ein Schlüsselkind. Sie trug den Haustürschlüssel an einer Schnur um den Hals, damit sie ihn nicht verlor. Familien, die Schlüsselkinder hervorbrachten, weil nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter arbeiten ging, waren bei den Erwachsenen in meiner Umgebung nicht gut angesehen. Ich wurde 1966 geboren, das war das letzte Jahr der Regierung Ludwig Erhards, mit dessen Namen sich die Ära des Wirtschaftswunders verbindet.

1972, als meine Grundschulzeit in Wesel-Flüren, einem kleinen Ort am Niederrhein begann, galt es als fragwürdig, wenn eine Familie es nötig hatte, dass auch die Mutter arbeiten ging. Musste nicht eigentlich genug für alle da sein, wenn einer richtig arbeitete? Dass der Eine selbstredend immer der Mann war, schien für viele ein Naturgesetz zu sein. Wenn eine Mutter gar ohne zwingenden finanziellen Grund einer bezahlten Tätigkeit nachging, war es umso merkwürdiger.

Statt eines von der Mutter geschmierten Pausenbrotes hatte meine Freundin oft eine Mark in der Tasche. Die Tatsache, dass sie sich beim Bäcker selbst aussuchen konnte, was ihr schmeckte, wir anderen jedoch unser von zu Hause mitgebrachtes Pausenbrot essen mussten, erregte gründlich unseren Neid. Die Erwachsenen dagegen begriffen das Markstück als Zeichen grober Vernachlässigung und diskutierten darüber. Die Fantasie von uns Kindern reichte weiter: Eine Mutter, die nicht zu Hause war, weil sie arbeitete, kontrollierte bestimmt nicht, ob man seine Schulaufgaben gründlich erledigt hatte. Wir vermuteten, dass das Leben der Schlüsselkinder ein Leben voller unvorstellbare Freiheiten war.

Ein größerer Makel als ein Schlüssel um den Hals oder eine Mark in der Hosentasche waren geschiedene Eltern. Im Scheidungsrecht galt damals noch das Schuldprinzip. Wer schuldlos geschieden war, legte Wert darauf, das zu erwähnen. Ich erinnere mich daran, wie der von einem Mädchen in meiner Klasse als Vater bezeichnete Mann vom Lehrer mit einem anderen als dem Nachnamen des Mädchens angesprochen wurde. Dass Eltern andere Nachnamen als ihre Kinder trugen, war schwer vorstellbar - erst recht für ein Kind.

"Wilde Ehe"

Durch das Belauschen eines Erwachsenengesprächs erfuhr ich, dass die Eltern des Mädchens vermutlich geschieden waren und die Mutter mit dem Mann, der in der Schule vorgesprochen hatte, offenbar "in wilder Ehe" zusammenlebte. Das hörte sich sehr schlimm an und überstieg mein Vorstellungsvermögen. Genauer wollte ich es lieber nicht wissen.

In den siebziger Jahren, als ich eigenständig lesen konnte, begann ich, die Frauenbewegung wahrzunehmen - und zwar mithilfe der nicht gerade für ihren dezidierten Feminismus gerühmten "Brigitte".

Meine Familie wohnte eher ländlich. In meiner Jugend kannte ich keine bekennende Feministin. Hätte es eine gegeben, wäre sie in meinem Umfeld abfällig und verächtlich als Emanze bezeichnet worden. Meine Eltern führten eine traditionelle Ehe wie alle Paare, mit denen sie Umgang hatten. Mein Vater ging morgens ins Büro, um am späten Nachmittag nach Hause zu kommen, während meine Mutter den Haushalt führte und meinen Bruder und mich betreute.

Psychologie mit "Brigitte"

Als Kind las ich alles, was mir in die Hände fiel. Irgendwann begann ich, mich regelmäßig in die Psychologie-Rubrik der "Brigitte" zu vertiefen. Mit Begeisterung machte ich die Tests, die Selbsterkenntnis versprachen, und informierte mich über Eheprobleme und deren Bewältigung mit Hilfe des Rats von Psychologen. Am meisten aber begeisterte mich die unter der Rubrik "Freiheit der Frau" angelegte halbe Seite mit dem Titel "Gleichberechtigung?". Auf der Seite waren Zuschriften von Leserinnen und manchmal auch Lesern abgedruckt, die von ihren Erlebnissen im Alltag berichteten. In der Regel bewiesen sie - das Fragezeichen in der Überschrift ließ es vermuten -, dass es eine Gleichberechtigung mit den Männern nicht in dem Maße gab, wie es für die Frauen wünschenswert gewesen wäre.

Mit heller Empörung und großem Unverständnis nahm ich die Ungerechtigkeit zur Kenntnis. Machten denn diese Erfahrungen nicht jeder Leserin und jedem Leser deutlich, dass Frauen zum Teil aus ganzen Bereichen des öffentlichen Lebens absichtlich ausgeschlossen wurden?

Die Benachteiligung von Frauen im Alltag drängte sich mir als Kind als unlogisch und ungerechtfertigt auf. Die "Brigitte" war es, die mich lehrte, dass es nicht selbstverständlich war, gleichberechtigt zu sein. Mehr noch: Es schien so zu sein, dass es ein großer Nachteil war, ein Mädchen zu sein. Noch schlimmer würde das Frausein werden. Vielleicht fiel mir damals ein, dass auch das Schicksal meiner Klassenkameradinnen, die zu Hause die Zimmer ihrer Brüder aufräumen mussten, mit dem Fragezeichen hinter der Gleichberechtigung zu tun hatte.

Stiller Protest

Ich begann, im Alltag angestrengt darauf zu achten, ob ich gleichberechtigt behandelt wurde. Immer wieder musste ich feststellen, dass das niemals ganz der Fall war. Niemand konnte mir die durch meine "Brigitte"-Lektüre und meine Beobachtungen provozierte Frage beantworten, warum ein Mädchen weniger wert sein sollte als ein Junge.

Ab der dritten Klasse begann ich, auch in der Schule die Dinge in Frage zu stellen. Auf der ersten Seite meines Grundschulzeugnisheftes war als Beruf des Vaters "Fernmeldeingenieur" vermerkt. Als Beruf der Mutter fand sich nur die Angabe "Hausfrau". Ich wusste sehr genau, dass meine Mutter eine Ausbildung als Sekretärin absolviert hatte und folglich über einen erlernten Beruf verfügte. Was in meinen Augen eindeutig ein Fehler war, schien meiner Mutter nicht bedeutend genug, um es korrigieren zu lassen. Nicht zuletzt, weil sie zu diesem Zeitpunkt wirklich Hausfrau war.

Außerdem stellte ich fest, dass es in dem Zeugnis ein Feld für die "Unterschrift des Vaters oder des Stellvertreters" gab. Von der Mutter war nicht die Rede. Darüber ärgerte ich mich sehr. Ab dem 1. Halbjahr des vierten Schuljahrs ließ ich meine Zeugnisse deshalb absichtlich von meiner Mutter unterschreiben - und zwar nicht nur mit ihrem Familien-, sondern auch mit ihrem Vornamen. Ich wartete gespannt darauf, ob sich der Lehrer nach Abgabe des nur durch meine Mutter unterschriebenen Zeugnisses provoziert fühlen und zu einer entlarvenden Äußerung hinreißen lassen würde. Aber ich wartete vergebens.

Vielleicht war mein Protest ein bisschen zu spitzfindig gewesen. Immerhin handelte es sich bei meiner Mutter in der Tat um die "Stellvertreterin" meines Vaters. Eigentlich. Aber warum hätte nicht auch mein Vater der "Stellvertreter" meiner Mutter sein sollen? Fragezeichen über Fragezeichen.


Debatte

insgesamt 14 Beiträge zur Debatte
Gesa Feindt am 14. September 2012, 18:58
Mich hat am meisten die Anrede 'Fräulein' geärgert. Da konnte ich durch die Decke gehen. Mit 19 war ich endlich 'Frau' - ich hatte geheiratet, aber meinen Namen behalten....

Martina Jepsen am 19. Dezember 2010, 23:32
In vielen Jahren Tätigkeiten im seinerzeit kommunistischen Ausland musste ich beim Notar immer angeben: "Tochter von" und dann Geburtsdatum / -ort der Mutter....


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