Der Wessi läuft psychisch rund, der Ossi nicht. Oder ist es genau andersrum? Der Psychotherapeut und Bestsellerautor Hans-Joachim Maaz spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über die Fehler nach dem Mauerfall: "Wir Ostdeutschen hätten die Macht übernehmen müssen, statt sie zu verkaufen."
SPIEGEL ONLINE: Herr Maaz, in Ihrem 1990 erschienenen Bestseller "Der Gefühlsstau" haben Sie die DDR als repressives System beschrieben, das bei den Ostdeutschen schwerste psychische Deformationen verursachte. Sind sie 20 Jahre nach der friedlichen Revolution geheilt?
Maaz: Von einer Revolution sollte man lieber nicht sprechen. Es hat keine Revolution in der DDR gegeben. Wir Ostdeutschen sind zum Westen übergelaufen, in der Hoffnung, dass wir uns überhaupt nicht verändern müssen und den Wohlstand und die Freiheit einfach geschenkt bekommen. Deshalb mussten viele Ostdeutsche gar nicht über sich nachdenken. Auch aus diesem Grund sind sie nicht geheilt.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Ostdeutschen haben doch eine grundlegende Umwälzung erreicht und das Ende des SED-Regimes erzwungen. Warum soll das keine Revolution gewesen sein?
Maaz: Wir Ostdeutschen hätten die Macht übernehmen müssen, statt sie zu verkaufen und zu verschenken. Wir hätten die Fehler des DDR-Systems kritisch analysieren und die Verantwortlichen bestrafen sollen. Wir hätten dafür sorgen sollen, dass das Volkseigentum wirklich in das Eigentum des Volkes überführt wird. Stattdessen kamen Begrüßungsgeld und Beitritt.
SPIEGEL ONLINE: Die Vereinigung war der Mehrheitswille des Volkes, letztlich das Ergebnis der ersten freien Wahl in der DDR, der Volkskammerwahl im März 1990.
Maaz: Ja, natürlich. Aber wir haben damals die westliche Lebensart mit ihren Risiken nicht wirklich verstanden, sondern idealisiert. Wir sind naiv in die Einheit gegangen, ohne über uns nachzudenken.
SPIEGEL ONLINE: Die Menschen hatten 1990 sehr reale Sorgen. Warum sollten politische Umwälzungen Menschen dazu bringen, über sich selbst nachzudenken?
Maaz: Weil sich durch rechtzeitiges Nachdenken Enttäuschungen vermeiden lassen. Wenige Jahre nach der Vereinigung folgte das böse Erwachen. Den Leuten wurde die eigene Naivität bewusst, das hat sie erneut frustriert und bei vielen das Gefühl verstärkt, Verlierer zu sein. Dieser Prozess hat sie paralysiert und den Osten als politische Kraft ausgeschaltet. Ich sage es einmal so: Ich wollte etwas in Ordnung bringen, aber nicht von anderen in Ordnung gebracht werden.
SPIEGEL ONLINE: Aber der Freiheits- und Wohlstandsgewinn ist doch unbestreitbar. Verluste sind bei einer solchen Zäsur - es war immerhin ein Systemwechsel - wahrscheinlich unvermeidlich.
Maaz: Als Psychotherapeut bewerte ich den Prozess anders. 1990 begann sofort wieder ein Anpassungsprozess. Die Ostdeutschen überlegten, wie sie jetzt zurechtkommen, wie sie sich an die neuen Verhältnisse anpassen sollten. Das Nachdenken über Fragen - Wie bin ich in der DDR verbogen worden? Wie habe ich mich verhalten? Was ist aus mir als Menschen geworden? - solches Nachdenken hat es nicht oder nur sehr wenig gegeben.
SPIEGEL ONLINE: Hat die Assimilation die Ostdeutschen so viel Kraft gekostet, dass sie sich nur auf die Gegenwart konzentriert und die Vergangenheit verdrängt haben?
Maaz: Die realen Belastungen und existentiellen Ängste haben das zugedeckt und verhindert. Inzwischen haben manche die Anpassung an das zunächst fremde System gut geschafft, andere weniger. Ich habe in meinen Analysen nach kollektiven Ursachen für Anpassungssyndrome gesucht.
SPIEGEL ONLINE: Zu welcher Diagnose sind Sie gelangt?
Maaz: Wir Deutschen leiden mehrheitlich an einer narzisstischen Störung. Sehr knapp gesagt: Unsere Eltern haben uns zu wenig Bestätigung gegeben, das müssen wir als Erwachsene kompensieren.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Ostdeutschen kompensiert?
Maaz: Zunächst anders als die Westdeutschen. Im Osten wurde Ideologie angeboten, wer da die Glaubenssätze nachbetete, bekam Bestätigung.
War die Wende in der DDR 1989 eine Revolution?
Hätten die Ostdeutschen damals die Macht übernehmen müssen, statt sich dem Westen in die Arme zu werfen?
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SPIEGEL ONLINE: Und im Westen?
Maaz: Der Westen bot und bietet Ersatzbestätigung in Gestalt von Wohlstand und Geld. Die Ostdeutschen konnten ihr narzisstisches Syndrom dadurch stabilisieren, dass sie Untertan wurden, die Westdeutschen konnten Obertan werden. 1990 trafen nun Untertanen und Obertanen aufeinander.
SPIEGEL ONLINE: Was hat man sich unter einem Obertan vorzustellen?
Maaz: Einen, der immer etwas hermacht, gut drauf ist, sich gut darstellt und verkauft. Das funktioniert so lange, bis der Obertan für das Verbergen seiner Schwächen und Ängste entschädigt wird und sich für Geld etwas kaufen kann.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es den Ostdeutschen als psychologischen Typus überhaupt noch oder ist er auch Obertan geworden?
Maaz: Die meisten, vor allem jüngere, haben die äußerliche Transformation gut vollzogen. Aber die Veränderung im Inneren ist viel schwerer. Werte und Lebenseinstellungen wechselt man nicht wie ein Kleid oder einen Anzug. Etlichen meiner Patienten geht es besser als in der DDR, sie haben Arbeit, sie genießen die Freiheiten. Dennoch sind sie mit dem westlichen System nicht zufrieden, weil sie, um darin zu funktionieren, Verhaltensweisen entwickeln mussten, die ihnen zuwider sind.
SPIEGEL ONLINE: Welche Verhaltensweisen sind denn typisch westdeutsch?
Maaz: Der Westdeutsche wahrt den äußeren Schein, selbst wenn im Innern längst die Krise ausgebrochen ist. Zum typisch Ostdeutschen zählt dagegen, dass man keine Scheu hat, auch mal Ängste oder Unsicherheiten zu zeigen. Dadurch entsteht mehr menschliche Nähe. Ostdeutsche jammern und schimpfen gerne ein bisschen, aber nicht nur über die Verhältnisse, sondern auch über die eigenen Schwierigkeiten. Viele Menschen leiden heute darunter, dass sie sich präsentieren müssen, als seien sie stets gut drauf.
SPIEGEL ONLINE: Ist der Westdeutsche, der in einer freieren Gesellschaft aufgewachsen ist, nicht psychisch eher gesünder?
Maaz: Die Fehlentwicklungen in der DDR waren so offenkundig, dass man zunächst nicht auf die Westdeutschen geblickt hat. Die demokratischen Freiheiten, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Reisefreiheit, für die wir 1989 auf die Straße gegangen sind, sind hoch zu schätzen. Ich merke bei meiner Arbeit aber, dass diese äußere Freiheit - die die Ostdeutschen gewonnen haben - noch nicht innere Freiheit bedeutet. Sie bringt nicht automatisch Freiheit von Ängsten. Ich beobachte ja wie Individuum und Gesellschaft zusammenhängen. Und da muss ich sagen: Auch das westliche System macht krank. Heute begrenzt der Arbeitsmarkt die Freiheit durch die Knappheit der Ware Arbeit. Stark- und siegreich in einer Wettbewerbsgesellschaft sein zu müssen, ist für viele eine Belastung.
SPIEGEL ONLINE: Wer soll denn die Ostdeutschen, die in den Neuen Ländern weitgehend unter sich sind, zwingen, sich dauernd darzustellen und so zu sein, wie es die Westdeutschen angeblich sind?
Maaz: Die Arbeitsverhältnisse sind es, die Macht des Arbeitsmarktes. Die Ostdeutschen müssen wieder differenzieren, wann sie offen sind, um nicht an Wert auf dem Arbeitsmarkt zu verlieren. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die meisten Menschen im Osten heute die Bedrohung durch den Verlust des Arbeitsplatzes als schlimmer empfinden als in der DDR die Bedrohung durch die Stasi.
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SPIEGEL ONLINE: Die Stasi weniger schlimm als die Arbeitslosigkeit? Das klingt nun gewaltig nach Ostalgie.
Maaz: DDR-Nostalgie ist mir wirklich fremd. Und die Stasi bleibt ein schlimmer Geheimdienst. Aber subjektiv ist das Empfinden so: Die Bedrohung durch die Stasi war berechenbar. Ich konnte ihr ausweichen. Viele haben gar keine Erfahrung mit ihr gemacht. Heute hingegen kann ich redlich meine Arbeit tun, aber morgen vor der Türe stehen, weil der Firmeneigentümer sich in die Pleite spekuliert hat. Dem ist man absolut hilflos ausgeliefert.
SPIEGEL ONLINE: Wenn wir uns den Ostdeutschen als Patienten vorstellen, der Sie als Therapeuten aufsucht, welche Phasen können Sie in seiner Krankengeschichte ausmachen?
Maaz: Zunächst kam die kurze Phase der Euphorie, die auch den Westdeutschen ansteckte, weil es eine echte Begeisterung war. Die nächste Phase war geprägt von Neuorientierung, Ernüchterung und Enttäuschung. Ab Mitte der neunziger Jahre kam es zu einer Ausdifferenzierung von Gewinnern und Verlierern. Sie führte zur Ostalgie, zum Erstarken des Rechtsextremismus, zum Anwachsen einer dumpfen Protesthaltung.
SPIEGEL ONLINE: In welcher Phase befinden wir uns heute?
Maaz: Inzwischen wird der Osten auch von Westdeutschen differenzierter betrachtet. Das tut vielen Ostdeutschen gut. Es wird überlegt, was doch nicht ganz verkehrt war: die längere gemeinsame Schulbildung etwa, die Polikliniken und die Kindergärten. Und vor allem stellen sich viele Ostdeutschen wieder die wichtige Frage: Wie wollen wir leben?
SPIEGEL ONLINE: Die Ost-Bundesbürger des Jahres 2009 sind reflektierter und damit also doch psychisch gesünder als die DDR-Bürger des Jahres 1989?
Maaz: Was den Ostdeutschen auf jeden Fall hilft, ist die Krise des Kapitalismus. Bislang fühlten sie sich als ehemalige DDR-Bürger immer als die Dümmeren aus dem gescheiterten System. Die Krise zeigt nun die Grenzen der westlichen Lebensweise auf. Das bringt den Ostdeutschen eine gewisse Genugtuung - und auch eine Gelassenheit, denn sie hängen noch nicht so am Wohlstand wie die Westdeutschen.
SPIEGEL ONLINE: Sie halten die Ostdeutschen für krisentauglicher als die Westdeutschen?
Maaz: Sie haben den Zusammenbruch eines Systems überlebt und können auf verschüttete und abgewertete Fähigkeiten zurückgreifen; sie können in einer Mangelwirtschaft improvisieren, sich gegenseitig helfen.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Krise des westlichen Systems vergoldet und verzerrt gewaltig das Bild der DDR bei vielen Ostdeutschen. Nach einer Umfrage sagen 49 Prozent: "Die DDR hatte mehr gute als schlechte Seiten." Gleichzeitig meinten 85 Prozent der befragten Ostdeutschen, dass die Ostdeutschen auf die "friedliche Überwindung der SED-Herrschaft" stolz sein können. Das sind doch schizophrene Aussagen.
Maaz: Auf den ersten Blick wirken solche Umfragen tatsächlich merkwürdig. Bei der positiven Einschätzung der DDR handelt es sich jedoch um eine subjektive Erinnerung an eine Lebenswelt, in der man sich in all ihrer Enge und mit all ihren regulierten Strukturen auskannte, in der man sich zum Beispiel freute, eine Ware zu bekommen, die schwer zu kriegen war.
SPIEGEL ONLINE: Und das soll gut gewesen sein?
Maaz: Heute ist es doch schwieriger, die richtige Kaufentscheidung zu treffen. Die Auswahl ist so groß, das Risiko, etwas Falsches zu erwerben, größer als früher.
SPIEGEL ONLINE: Wir stellen fest: Der Ostdeutsche erlebt die Vielfalt als Fluch der Freiheit. Die Freiheit mit ihren Möglichkeiten zu wählen ist naturgemäß schwieriger als die Knechtschaft.
Maaz: Jeder Mensch will es einfach und bequem haben. Die Umfragen drücken diese Sehnsucht nach dem einfachen Leben aus, aber nicht die Bejahung des politischen Systems der DDR.
SPIEGEL ONLINE: Sie würden die Umfragen nicht ernst nehmen?
Maaz: Solche Umfragen werden politisch interpretiert, sie werden Teil der Auseinandersetzung zwischen den Parteien. Dabei drücken sie nach meiner Einschätzung nur ein Bekenntnis zum eigenen Leben aus. Die Debatten um den Unrechtsstaat gehen doch an der Lebenswirklichkeit vorbei. Ich konnte doch auch im falschen System ein gutes Leben führen.
SPIEGEL ONLINE: Was war denn gut an Ihrer DDR?
Maaz: Es gab gute menschliche Beziehungen, trotz Stasi und trotz Mangelwirtschaft. Es gab guten Sex, schöne Feiern, kaum Geldsorgen. Die reine Negativdarstellung der DDR wirkt auf viele Ostdeutsche nicht aufklärerisch, vielleicht eher wie eine Schönfärbung der Bundesrepublik. Der Westdeutsche hat sich doch als Sieger der Geschichte gesehen. Die vom Westen angestoßene Diskussion um den Unrechtsstaat ist - psychologisch gesprochen - eine kollektive Abwehrleistung gegen die Beschäftigung mit der Krise des West-Systems. Die Westdeutschen verdrängen doch nicht weniger als die Ostdeutschen.
SPIEGEL ONLINE: Am meisten sind die Ostdeutschen über ihre mangelnden politischen Einflussmöglichkeiten enttäuscht. Nach einer aktuellen Studie sind nur elf Prozent mit der Demokratie und nur sieben Prozent mit ihrem politischen Einfluss zufrieden. Wollen die Ostler wirklich Partizipation?
Maaz: Sie können es noch nicht wirklich. Nach der verständlichen Enttäuschung und Ernüchterung über den Westen müsste eine kritische Auseinandersetzung folgen. Uns fehlt noch eine reife Ablösung vom autoritären Syndrom, ein 1968-Ost, wie es auch im Prager Frühling aufschien. Die noch nicht bewältigte Unterwerfung blockiert Selbstbewusstsein und Kreativität. Erst wenn wir das nichtheldenhafte Verhalten in der DDR kritisch analysieren, werden wir auch reif, uns mit den westlichen Strukturen offen auseinanderzusetzen.
SPIEGEL ONLINE: Ist Angela Merkel nicht eine Figur, auf deren Aufstieg Ostdeutsche stolz sein können?
Maaz: Frau Merkel ist keine Identifikationsfigur für Ostdeutsche. Zur ostdeutschen Sozialisation passen allerdings Eigenschaften, die man ihr nachsagt: Fleiß, Bescheidenheit, Zähigkeit, aber auch Misstrauen und Zögerlichkeit, mehr moderierend als führend. Mit solchen Eigenschaften haben die meisten Ostdeutschen allerdings keine Karriere gemacht. Das erklärt eine gewisse Fremdheit ihr gegenüber.
SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich eigentlich als Ostdeutscher, als Deutscher, als Europäer oder was?
Maaz: Ich bin Deutscher, aber ich kann mich mehr mit der DDR identifizieren als zu DDR-Zeiten.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Grund, sich an dem Umbruch zu erfreuen, den Sie ja nicht für eine Revolution halten?
Maaz: Ja, dabei bleibe ich: Die Überwindung der DDR ist die größte Sache meines Lebens.
SPIEGEL ONLINE: Herr Maaz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Stefan Berg und Michael Sontheimer