Über einestages

1961

Kalter Krieg Westlicht für den Mauerbau


Vor der Mauer: Meine Frau und mein Sohn im Sommer 1966 bei einem Spaziergang an der Berliner Mauer, auf der westlichen Seite der Bernauer Straße. Auf der östlichen Seite sind gespenstische Häuserfassaden mit zugemauerten Fenstern zu sehen.

Vermutlich hätten sie ihr Tagwerk unvollendet abbrechen müssen - die Mauerbauer am Brandenburger Tor. Doch als in der gerade frisch geteilten Stadt am 13. August 1961 die Dunkelheit hereinbrach, schaltete West-Berlin die Bogenlampen ein. Karl Burkhof wurde Zeuge - und war empört.


Auch am 13. August 1961 drehte sich die Erde um die eigene Achse. Irgendwann wurde es finster am Brandenburger Tor, als Angehörige der SED-Betriebskampfgruppen in grauen Uniformen und mit roten Armbinden im Schutz der Volkspolizei die Mauer errichteten. Angesichts des unglaublichen Vorgangs hätte man sich geradezu darüber wundern können, dass die Naturgesetze ihre Gültigkeit behielten.

Der West-Berliner Senat wusste Abhilfe gegen die einbrechende Dunkelheit. Die Bogenlampen um den "Platz vor dem Brandenburger Tor", der seit dem Jahr 2000 "Platz des 18. März" heißt, wurden eingeschaltet. Das Gelände war in gleißendes Licht getaucht, sodass die Arbeiten an der Mauer auch während der Nacht fortgesetzt werden konnten. Ich wies einen West-Berliner Polizeioffizier darauf hin. Er lief zu seinem Wagen und telefonierte. Doch die Bogenlampen strahlten weiter.

Ich stand auf dem Bürgersteig, der zum Stadtteil Tiergarten und somit zu West-Berlin gehörte, während sich der Fahrdamm des Platzes selbst noch im Bezirk Mitte, das heißt im Ostsektor, befand. Schweigend und unweit von mir setzten die Arbeiter einen Ziegel auf den anderen und verschmierten den Mörtel so kunstvoll und sorgfältig, als wären sie damit beschäftigt, ihr zukünftiges Wohnhaus zu errichten.

Vielleicht war es eine Mauer zum Schutz ihres großen Hauses DDR. Vielleicht glaubten sie daran. Möglicherweise taten sie auch nur, wie ihnen geheißen und dachten dabei an ihre Familien, die sie als ewige Geiseln in den Osten einzumauern verdammt waren. Nur ein absurd kleiner Schritt trennte die Arbeiter von uns und der Freiheit. Trotz unserer Pfiffe und Schmährufe, trotz des Hupens unzähliger Autos wuchs die Mauer vor unseren Augen unaufhörlich in die Höhe.

Bis zur Wende 1989 hielt die Mauer stand. An ihr zerschellten Träume, Sehnsüchte, ganze Biographien. An ihr kamen Menschen zu Tode. Heute ist die Mauer aus dem Berliner Stadtbild nahezu verschwunden. Dort, wo Überreste von ihr erhalten sind, wirkt sie wie ein kurioses Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Wer in die Stadt mit einem Bewusstsein ihrer Geschichtlichkeit kommt, betrachtete sie, wie in einem Freiluftmuseum, mehr oder weniger interessiert, mehr oder weniger taktvoll.

Dort, wo die Mauer nicht mehr steht, sind hier und da Markierungen im Boden geblieben, die an sie erinnern. Die meisten Passanten laufen über sie hinweg, ohne jede Regung. Mit der Zeit ist das Staunen über die bewegte Geschichte der Stadt und damit der beiden Deutschlands weniger geworden.

Auf einem alten Foto sind meine Frau und mein Sohn zu sehen. Im Sommer 1966 spazieren sie an der Mauer entlang, auf der westlichen Seite der Bernauer Straße. Auf der östlichen Seite die gespenstische Häuserfassaden mit zugemauerten Fenstern. Ich staune noch immer. Über die freie Sicht von Ost nach West, von West nach Ost.


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