Über einestages

1938

Jüdische Schicksale

Die doppelte Erinnerung


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Lilian Furst
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Lilian und Desider Furst in den achtziger Jahren: Vater und Tochter sind mehr als nur verwandt, sie teilen ein Schicksal. In den siebziger Jahren ziehen sie gemeinsam in die USA, wo Lilian als Hochschullehrerin arbeitet. Bis zum Tod Desiders 1985 wohnen beide unter einem Dach.

Flucht, Verfolgung, Emigration: im "Dritten Reich" oft die einzige Hoffnung jüdischer Familien. Einige haben ihr Schicksal erzählt - eine gleich in zwei Versionen. Vater und Tochter haben unabhängig voneinander ihre Geschichte aufgeschrieben - von Krieg, Kakao und Hitlers Schwester in der Mensa. Von Sibel Sen


Blauer Himmel an einem für Wiener Verhältnisse ungewöhnlich milden Märztag 1938. Die sechsjährige Lilian Furst beobachtet aus ihrem Fenster in der Maria-Theresien-Straße im neunten Bezirk das Treiben draußen. Es ist die "erste deutliche Erinnerung" ihres Lebens, die Erinnerung an den Tag, an dem die Nazis in Wien einmarschieren. Erst später wird dem kleinen Mädchen klar, dass sie Zeugin eines historischen Marksteins wurde. Bisher hatte sie ihrem geliebten Kindermädchen fröhlich nationalsozialistische Parolen "nachgeplappert". Nun darf sie plötzlich nicht mit den anderen Kindern zur Schule gehen. Lilian ist Jüdin. Dass ihre Abstammung unter den neuen Herren Österreichs ein Problem ist, begreift das Kind nur langsam. Noch im gleichen Jahr beginnt für Lilian und ihre Eltern eine Flucht durch Europa.

Gut 50 Jahre später schreibt Lilian, fast 60-jährig, die Geschichte ihrer Familie auf. Auch ihr Vater Desider Furst hat 1983 in den USA seine Memoiren verfasst. Die Lebenserinnerungen der Fursts sind ein Glücksfall. Denn unabhängig voneinander, ohne Verweise und Bezug auf die Erinnerungen des anderen erzählen sie ein jüdisches Schicksal in zwei authentischen Versionen. Da ist einerseits die Perspektive des besorgten und überforderten Vaters, der als alter Mann auf sein Leben zurückblickt. Auf der anderen Seite schildert ein unbedarftes, fast trotziges heranwachsendes Mädchen die Geschehnisse nach 1938 aus seiner Sicht, Station für Station, quer durch Europa.

Die Geschichte der Fursts ist an sich nicht neu; Tausenden widerfuhr damals ein ähnliches Schicksal - zufriedene, unpolitische Familien wurden aus Alltag und Heimat gerissen, mussten fliehen und irgendwie zu überleben versuchen. Was neu ist, ist der doppelte Blick auf ein und dasselbe Schicksal.

"Einen Platz an der Sonne erkämpfen"

Desider Furst wird 1900 im ungarischen Sopron, einer armen Kleinstadt, geboren. Mit 19 geht er zum Studium nach Wien, auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Ende der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie ist die Stadt einer Hungersnot nah und die "Mensa Academica Judaica" dank US-amerikanischer Spenden die einzige Lebensmittelquelle für den jungen Medizinstudenten. Als Köchin sorgt dort für Furst und viele andere hungrige jüdische Studenten Angela Hammitzsch, die Halbschwester eines gewissen Adolf Hitler.

Die meisten von Desiders Kommilitonen geben das Studium auf, nicht wenige fallen der grassierenden Tuberkulose zum Opfer - doch der junge Zuwanderer hält durch: "Ich frage mich bis heute, wie ich es geschafft habe", schreibt Desider Jahrzehnte später. Mit 25 ist er völlig abgebrannt. Aber Desider Furst ist wild entschlossen, sich "einen Platz an der Sonne zu erkämpfen". Er wird österreichischer Staatsbürger, heiratet die in der Ukraine geborene Sarah und beginnt eine Ausbildung zum Zahnarzt. Ein Freund der Familie lässt den jungen Desider für sich arbeiten und als 1931 ihre einzige Tochter Lilian geboren wird, glauben die Fursts, endgültig angekommen zu sein. Ihre Zukunft halten sie für "so sicher wie nur möglich".

Dann kommt im März 1938 der "Anschluss", Hitler übernimmt die Macht in Österreich. Desiders Praxis wird geschlossen. Schon bald sind die Fursts eine der letzten jüdischen Familien in Wien. "Wir waren nicht darauf vorbereitet, ums Überleben kämpfen zu müssen", schreibt der Arzt später. Doch es ist klar, dass sie fliehen müssen, wenn sie überleben wollen. Aber wohin? Sie schmieden Pläne für eine Flucht nach Australien, Liberia, Osteuropa, Westeuropa. Gerüchteweise will England 40 österreichische Zahnärzte aufnehmen. Zwei Tage vor Weihnachten 1938 flieht die Familie nach Köln Richtung Belgien. Als endlich die Zusage aus England kommt, hat Familie Furst ein Ziel.

Warten und Kakao

Tochter Lilian erlebt Verfolgung und Flucht mit Kinderaugen. Als sie einmal sieht, wie die Eltern Bücher verbotener Autoren im Ofen verbrennen, erschreckt sie sich fürchterlich. Sie selbst muss die Schule wechseln, wird von anderen Kindern beschimpft - und lernt ein ganz neues Vokabular: "Ausreisegenehmigung", "Visum", "Verhaftung", "Halbjude", "Vierteljude", "Devisen" - Dinge, "um die sich eine Siebenjährige normalerweise keine Gedanken macht und die sie auch gar nicht versteht." Lilian erlebt Unruhe und Ungewissheit - aber auch eine große Nähe innerhalb der Familie, die nun mehr denn je zusammenrückt. An die Zeit, in der ihre Eltern verzweifelt nach Wegen aus Nazideutschland suchen, hat das Kind eine dominante Erinnerung: langes Warten allein bei heißer Schokolade, bis die Eltern sie nach den Amtsgängen wieder abholen. Sie organisieren die Flucht nach Brüssel, wo sie zwei Monate lang auf ihre Visa für England warten müssen. Kaum in London angekommen besteht Lilian darauf, noch am selben Tag in die Schule zu gehen.

In der parallelen Erzählung des Vaters erscheint die Flucht als Drama, wenngleich als stilles. Er beschreibt keine Ausflugsfahrten, sondern den gefährlichen Weg nach England in allen Verquickungen, Risiken und den Schicksalen ihrer Weggefährten. Selten beschreiben Vater und Tochter das gleiche Bild, wie das eines Kindertransportes, den sie auf der Fahrt nach Köln erleben: Abteile voll von Kindern mit Pappschildern um den Hals, auf denen Name und Zielort stehen, "abgestellt wie kleine menschliche Pakete". Beide sind betroffen. Der Vater sieht das Leid, die Tochter den Neid der Kinder auf sie, "das einzige jüdische Kind im Zug, das an der schützenden Hand seines Vaters ging."

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs spielt in Lilians Erinnerung nur eine Nebenrolle. Viel wichtiger ist der lang ersehnte Schulbesuch und: Englisch lernen. Kaum eingeschult weigert sie sich, deutsch zu sprechen - für sie eine Selbstverständlichkeit. Dass dieser Schritt ihre Eltern, die mit der neuen Sprache ihre liebe Mühe haben, hart trifft - das wird erst aus den Memoiren des Vaters klar. Die Erwachsenen tun sich schwer mit England, der Vater findet keine Arbeit, ihre Existenz hängt am seidenen Faden. Als die Schriftstellerin Virginia Woolf sich 1941 ertränkt, ist Lilians Mutter fasziniert von diesem Drama. Sie will Woolfs Werke im Original lesen, leiht sich Romane aus der Bücherei. Doch sie muss sie ungelesen zurückgeben, da sie ihr Englisch komplett überschätzt hatte.

"Ausländer mit britischem Pass"

Weil in London ein Fliegeralarm den anderen jagt, treibt es Familie Furst weiter ins kleinere Bedford. Lilian bockt, will nicht weg und nimmt den Umzug nur widerwillig hin. Ihr Problem sind nicht die Bomben, sondern die englischen Puddings: Sie nimmt zu und beschreibt das Entsetzen der Eltern, als sogar ihre Unterwäsche weiter gemacht werden muss. In der Schule ist sie ehrgeizig, tut sich in Sprache und Literatur hervor, scheitert dagegen kläglich im Turnunterricht und wird zum Opfer der Hänseleien ihrer Mitschülerinnen. Harmlose Schulerinnerungen eines Teenies, der gern nascht und dem die eigenen Eltern peinlich sind, während in Europa der Krieg tobt. Lilian konstatiert fast lapidar, dass "der Krieg keinen günstigen Verlauf für die Alliierten" nimmt. Er scheint ausreichend weit entfernt und ihr Interesse gilt Wichtigerem: "Mein Glück war vollkommen, als mein Vater mir für ein Pfund ein Fahrrad erstand."

Von Bedford aus geht es für Familie Furst weiter nach Manchester, wo sie bis 1971 bleiben. Hier erleben sie den Abwurf der Atombombe über Hiroshima und das Ende des Krieges. Doch während die Welt im Mai 1945 den Sieg über die Nazis feiert, besucht Lilian ihren Vater so oft es geht im Krankenhaus. Der "Weltmeister der Gallensteine", wie er sich selbst nannte, war zusammengebrochen und erholt sich nur langsam von einer Operation. Die Eltern spielen mit dem Gedanken, nach Wien zurückzukehren, in Manchester seien sie doch nur "Ausländer mit britischem Pass". Doch sie bleiben und werden Österreich zeitlebens nicht wieder betreten, Lilian studiert in Manchester und Fursts erarbeiten sich einen bescheidenen Wohlstand.

Nach dem Tod der Mutter wandern Vater und Tochter in den siebziger Jahren gemeinsam in die USA aus, wo Lilian als Hochschullehrerin arbeitet. So naiv, planlos und spontan wie auf ihrer Flucht ziehen sie auch über den Atlantik: "Alles, was wir über das Land wussten stammte aus Büchern und Filmen". Der Vater nennt es ihre "Lehr- und Wanderjahre in den USA". Im Ruhestand beginnt er hier mit der Niederschrift seiner Biographie. Dass ihr alter Herr abgelenkt ist, freut Lilian, doch die Lektüre seiner Memoiren lehnt sie entschieden ab, teils aus Respekt, teils aus Angst vor Enttäuschung. Erst Jahre später nimmt sie die Texte ihres Vaters in die Hand, kurz, ein einziges Mal. 1991 notiert Lilian ihre eigenen Erinnerungen und fügt beides zu einer Doppelautobiografie zusammen.

Vater und Tochter leben gemeinsam unter einem Dach bis Desider mit 85 Jahren stirbt. Sein Tod trifft Lilian schwer, wieder ist sie Überlebende, doch diesmal völlig allein, eine Vollwaise von 54 Jahren: "Diese wunderbare Freiheit machte mir Angst." Zeitlebens bleibt ihre erste Erinnerung mit sechs Jahren Lilian Furst im Bewusstsein: "Meine geografischen Wurzeln sind oberflächlich; nur die Wurzeln, die das Brandmal des roten "J" getrieben hat, reichen tief in mein Sein." Die Veröffentlichung ihrer "doppelten Autobiographie" in deutscher Sprache erlebt sie nicht mehr. Am 11. September 2009 stirbt Lilian mit 78 Jahren in den USA.

Zum Weiterlesen:



Lilian R. Furst, Desider Furst: "Daheim ist anderswo. Ein jüdisches Schicksal erinnert von Vater und Tochter". Campus Verlag, Frankfurt/New York 2009, 239 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


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