Das Berliner Ehepaar Helga und Wolfgang Aue wurde 1961 durch den Mauerbau getrennt. SED-Funktionäre legten ihr die Scheidung nahe - doch das Paar trotzte der großen Politik und blieb zusammen, immer auf der Suche nach den kleinen Fluchten. Am Ende war ihre Liebe stärker als die Mauer aus Beton. Von Eva John und Romy Straßenburg
Helga Aues Geschichte klingt beinahe wie der Anfang von Christa Wolfs berühmtem Roman "Der geteilte Himmel", der 1963 in Ost und West Furore machte. Das Buch handelt von Rita und Manfred, die sich lieben, obwohl sie so unterschiedlich sind. Manfred geht in den Westen, Rita will außer ihrem Freund auch dem Sozialismus und der DDR treu bleiben. Dann kommt der Mauerbau und trennt die Liebenden.
So ähnlich ist es Helga Aue ergangen, aber ihre Geschichte ist nicht der Phantasie einer Autorin entsprungen, sie ist kein konstruiertes Gleichnis. Sie ist wahr: wirkliches, gelebtes, deutsch-deutsches Leben. Als sie 25 Jahre alt ist, zwingt die große Politik Helga Aue zu einer Entscheidung: zwischen der Flucht aus der DDR in den Westen zu ihrem Mann, den sie liebt - oder zu einem Leben in der DDR, an die sie glaubt, und zur Scheidung. Im Roman sieht die Heldin Rita keinen Ausweg und unternimmt einen Selbstmordversuch. Helga Aue dagegen will sich weder die Liebe zu ihrem Mann noch ihren Glauben an den Sozialismus von einer Betonwand kaputtmachen lassen - und führt mit ihrem Mann Wolfgang über fast drei Jahrzehnte die vielleicht ungewöhnlichste Ehe der deutschen Geschichte, getrennt durch die Berliner Mauer.
Helga Aue erzählt von ihrem Leben mit typischer Berliner Schnauze. Wenn von der deutschen Teilung die Rede ist, dann sagt sie "diese ganze Mauerei". Berlin war immer ihr Zuhause, der Bezirk Pankow ihr Lebensmittelpunkt. "Als Kind liebte ich die Ausflüge ins Kaufhaus des Westens, wenn die Großeltern mit mir Eis essen gingen", erinnert sich die heute 73-Jährige. Bei einer Filmvorführung im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz lernt sich das Paar im Sommer 1954 kennen. Hals über Kopf verliebt sich die junge Frau aus Ost-Berlin in den vierzehn Jahre älteren Wolfgang Aue. Der angehende Handelsvertreter aus dem West-Berliner Bezirk Spandau ist elegant und wortgewandt, er hat Charme und ist immer gut gelaunt.
Ein ungewöhnliches Arrangement
1955 feiert das Paar Hochzeit, noch im gleichen Jahr wird ihr Sohn geboren. Berlin ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges von den Alliierten in Sektoren geteilt, und das Leben des jungen Paares bleibt davon nicht unberührt. Helga und Wolfgang wohnen zunächst in Spandau bei der Schwiegermutter im britischen Sektor. Aber Helga arbeitet in der sowjetischen Zone in Ost-Berlin als Kindergärtnerin. Bevor sie morgens zur Arbeit geht, fährt sie zu den Eltern in Pankow - deren Nachbarn sollen möglichst nicht erfahren, dass sie in Wirklichkeit in West-Berlin wohnt. Zu groß ist Helgas Angst, ins Blickfeld der DDR-Behörden zu geraten oder angezeigt zu werden.

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Als Helga 1958 das zweite Kind erwartet, muss eine eigene Wohnung her. Wolfgang ist viel unterwegs, darum sucht Helga eine Bleibe. Sie ergattert einen Wohnungsbezugsschein für ein kleines Appartement in Pankow. Sie will in der Nähe ihrer Eltern und ihrer Arbeit leben, dort, wo sie aufgewachsen ist. Ihr Mann kann sich nicht vorstellen, fest nach Ost-Berlin zu ziehen. "Er war kein Gegner des Sozialismus, doch ein Leben in der 'Zone' kam für ihn nicht in Frage", erinnert sich Helga Aue. "Seine beruflichen Ambitionen wollte er in der Bundesrepublik verwirklichen." Wolfgang Aue ist ohnehin meist auf Geschäftsreise, und so kann das ungewöhnliche Arrangement für beide funktionieren. Gelegentlich kommt er zu Helga nach Pankow, ansonsten nimmt Helga die S-Bahn und fährt zu ihrem Mann in den Westteil.
Dann kommt der 13. August 1961. Jedes Detail dieses Tages ist in Helgas Gedächtnis eingraviert. Es ist ein Sonntagmorgen, und das junge Paar liegt gemütlich in Helgas Ost-Berliner Wohnung im Bett, als es die Meldung über die Schließung der Grenzen der Hauptstadt der DDR im Radio hört. Zum Grenzübergang in der Pankower Wollankstraße sind es nur ein paar Schritte. Helga bringt ihren Mann noch an die abgeriegelte Sektorengrenze. Sie weiß, dass sie ihren Mann künftig nicht mehr auf die andere Seite begleiten oder ihn dort besuchen darf. Wolfgang weiß es auch. Er kehrt an diesem Morgen noch mehrfach über die Absperrungen zurück zu Helga und bringt Kaffee und anderen Dinge mit, die im Osten knapp sind und die er für seine Barschaft im naheliegenden Zeitungskiosk ergattert hat.
Winken an der Wollankstraße
Wenig später wird allen West-Berlinern die Einreise in den Ostteil der Stadt verboten. Die junge Familie, auseinandergerissen durch die große Politik, verabredet sich nach Feierabend am Grenzübergang. Mit Hilfe eines geschmierten Bahnbeamten kann Wolfgang im Pankower Kindergarten anrufen und Helga Bescheid geben. Mit den Kindern kommt sie zum Grenzübergang an der S-Bahnstation Wollankstraße, wo die neue Mauer den Wedding im Westteil von Pankow im Osten trennt. Dort können die Kinder von unten auf der Straße ihrem Vater zuwinken, der oben auf dem zu West-Berlin gehörenden S-Bahnsteig steht. Doch bald wird dort ein Sichtschutz errichtet, der auch diese letzte Form des Kontaktes verhindert. Noch glaubt Helga dennoch, dass diese "Mauerei" nur eine Übergangsphase sei. Das Risiko einer Flucht will sie nicht auf sich nehmen, erst recht nicht mit zwei kleinen Kindern.
Viele andere DDR-Bürger wagen in den darauffolgenden Wochen die Flucht. An den frischerrichteten Grenzsperren kommt es zu dramatischen Szenen. Ganze Familien springen aus oberen Stockwerken in Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr. Die Aues sind beileibe nicht die einzige Familie, die durch die Nacht- und Nebelaktion der SED auseinandergerissen worden ist. Aber nicht nur Furcht lässt in Helga keine Fluchtpläne reifen. Sie fühlt sich im sozialistischen Deutschland durchaus wohl, gebraucht, selbständig, sicher. "Meine Halbschwester fragte mich, wie ich es in der DDR aushalte", sagt die rüstige Frau heute, "und da habe ich ihr geantwortet: Bis zu meiner Rente weiß ich, dass meine Miete 54 Mark beträgt, dass ich für 20 Pfennig Straßenbahn fahre und für 5 Pfennig meine Schrippe kaufen werde."
Dazu kommt, dass ihre Ausbildung zur Kindergärtnerin damals im Westen nicht anerkannt worden wäre. Ihre Arbeit aber will sie auf keinen Fall aufgeben. Sie hat den Rat ihrer Mutter im Ohr, sich nie finanziell abhängig von einem Mann zu machen. Ihr Beruf erfüllte sie, und ein Hausfrauendasein war für sie unvorstellbar. "Ich hatte mein Auskommen und sah keinen Grund, das zu ändern", erklärt Helga Aue ihre Entscheidung zu bleiben ganz prosaisch. "Was man so hörte, hatten die Frauen im Westen noch bis in die siebziger Jahre wenig Rechte und selbst Frauen mit einer guten Ausbildung blieben spätestens mit dem ersten Kind zu Hause." Für dieses Mehr an individueller Freiheit im Kleinen ist sie bereit, Unfreiheiten hinzunehmen.
Urlaubs-Ehe in Ungarn
Dass der Preis für diese Unabhängigkeit hoch war, verhehlt Helga Aue heute nicht. Die Kraft, die es sie und ihren Mann über die Jahre kostet, ihre Ehe über die Mauer hinweg aufrechtzuerhalten, ist enorm. Nach dem Mauerbau kann sich das unmögliche Paar vorerst nur auf Umwegen treffen. Etwa bei der Leipziger Messe, zu der auch West-Berliner in die DDR einreisen dürfen. Zweimal im Jahr können sich die Aues im Messegetümmel für eine paar Tage treffen. Dann machen Passierscheinabkommen ab 1963 Verwandtenbesuche wenigstens zu Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten wieder möglich, und Wolfgang Aue darf ab und an wieder zu seiner Familie nach Ost-Berlin einreisen.
Den DDR-Behörden ist die deutsch-deutsche Ehe ein Dorn im Auge. Eines Tages wird Helga Aue zu einem Gespräch unter vier Augen ins Bezirksschulamt zitiert. Dort wird ihr die Scheidung nahegelegt. Das Leben für sie und ihre Kinder könnte dann viel einfacher verlaufen, bedrängen die Funktionäre sie. Helga Aue verdrängt die unheimliche Begegnung und macht einfach weiter wie bisher. Weshalb sie anschließend in Ruhe gelassen wird, erfährt sie nie. Vielleicht, so spekuliert sie im Rückblick, weil auch sie nur in Ruhe gelassen werden wollte, engagiert ihrer Arbeit nachging und kein Typ war, der politische Unruhe stiftete.
Den bürokratischen Hürden zum Trotz versuchen sich die Aues ein halbwegs normales Familienleben aufzubauen. Jedes Jahr verbringen sie ihren Sommerurlaub in Ungarn, wo Ost- und Westdeutsche aufeinandertreffen können, ohne sich permanent beobachtet zu fühlen. "Da konnten wir für drei Wochen eine normale Familie sein", erinnert sich Helga Aue. Aber bis zum Fall der Mauer 1989 bleibt ihr Alltag bestimmt von Passierscheinen, Devisentausch bei Wolfgangs Einreise und den ständigen Ausweiskontrollen. Da sind Helga und Wolfgang Aue bereits 34 Jahre verheiratet, 29 davon getrennt durch die Mauer.
Ein freudiger Schock
An den 9. November 1989 erinnert sich Helga, als sei es gestern gewesen. Ihre Kinder sind da bereits erwachsen, sie selbst mehrfache Großmutter. Die "Mauerei" geht für sie so überraschend zu Ende, wie sie begonnen hatte: "Die Maueröffnung war so etwas Großes, Unfassbares für mich", sagt sie und ihre Augen sprühen. "Es war ein freudiger Schock." Plötzlich steht wieder die alte Frage im Raum: wer zu wem ? Diesmal ist es Helga, die zu ihrem Wolfgang zieht. So wird Helga sogar eine Zeitlang doch noch West-Berlinerin.
"Wer auf der Welt hatte das Recht, einen Menschen - und sei es einen einzigen! - vor solche Wahl zu stellen, die, wie immer er sich entschied, ein Stück von ihm forderte?" Diese verzweifelte Frage stellt in Christa Wolfs Erzählung vom geteilten Himmel Romanheldin Rita. Die DDR-Oberen interessiert nicht, ob sie das Recht dazu hatten, sie nehmen es sich einfach - und nehmen auch in Kauf, dass im Namen des Sozialismus Familien, Freunde und Liebende auseinandergerissen wurden, Menschen wie Helga und Wolfgang Aue: Keine Helden, aber nicht bereit, ihre Liebe von der Politik zerstören zu lassen. "Wir haben uns arrangiert und das Beste daraus gemacht", sagt Helga Aue heute ohne Reue. Getrennt hat die beiden erst der Tod, als Wolfgang Aue 2002 starb.
Die Mauer hat es nicht geschafft.
Für das Special "Mein Leben mit der Mauer" von arte.tv haben die Journalistinnen Eva John und Romy Straßenburg Zeitzeugen zu ihren Erinnerungen befragt. Neben einem Videointerview mit Helge Aue finden Sie dort Gespräche mit neun weiteren Zeitzeugen. Mehr finden sie hier auf arte.tv.