| Blauer Käfer: Der Wagen machte uns bereits während der Anreise viel Ärger - und das sollte sich auf der ganzen Urlaubsfahrt nicht ändern. Immer wieder musste geschraubt werden. Diese Aufnahme entstand einen Tag vor der Heimreise. |
Rote Felsen, blaues Meer und viele Abenteuer: Zur ersten Urlaubsreise gehörte eine gute Portion Wagemut - schließlich war der alte VW Käfer eine Gefahr für Leib und Leben. Das sollten Ferdinand Keuter und seine Freunde rasch merken, als sie sich 1960 auf den Weg nach Südfrankreich machten.
Mein Freund Rainer und ich waren so gut wie immer blank. Fritten mit Majo am Büdchen und zahlreiche Touren durch Eschweilers Kneipen strapazierten unsere schmalen Budgets. Aber wir waren jung, unglücklich in unseren Berufen und sehnten uns nach einem großen Ferienabenteuer, damit wir den nüchternen Alltag vergessen konnten. In Südfrankreich wollten wir die große Freiheit genießen.
Eine zeitlang rissen wir uns zusammen und sparten ein wenig Geld, denn wir wollten für unseren Trip ein Auto kaufen. Auf dem Gelände einer Firma im Ort stand eines Winters ein mit Schnee bedeckter blauer Käfer. Für 600 D-Mark kauften wir das schrottreife Gefährt mit unbekanntem Baujahr und brachten es in eine Garage, wo es noch trostloser aussah als auf dem Firmengelände. In monatelanger Kleinarbeit machten wir aus der Nuckelpinne mit 24 PS wieder einen einigermaßen fahrbaren Untersatz.
Wir entschieden uns, zusammen mit einem weiteren Freund und einer Freundin gen Mittelmeer zu reisen. Niemand von uns war zuvor an der Côte d'Azur gewesen und hatte die roten Felsen an der Küste bewundert. Wir hatten vor, einige Tage in Saint Raphael zu bleiben und dort auf einem internationalen Jugendzeltplatz zu übernachten, wo unsere Behausungen, wie wir gelesen hatten, unter Palmen stehen und der Strom für den Rasierer aus einer Steckdose kommen würde, die an einem Palmenstamm angebracht war.
Lebensgefährliche Knutschkugel
Damals war Europa nicht von einem ausgedehnten Autobahnnetz durchzogen. Landstraßen wechselten sich mit dreispurigen Nationalstraßen ab. Besonders viel Zeit kosteten die Ortsdurchfahrten. Da drei von uns einen Führerschein hatten, beschlossen wir ohne längere Pause durchzufahren. 1100 Kilometer in 22 Stunden. Ein Schnitt von bescheidenen 50 Kilometern pro Stunde.
Unterwegs machte der Käfer ständig Probleme. Als wir einen Platten hatten, machte uns die Montage des Ersatzreifens Schwierigkeiten. Zwei der fünf Feststellschrauben fanden keinen Halt mehr im Gewinde. Zeit und Geld für eine Reparatur hatten wir nicht. Also fuhren wir trotzdem in unserer lebensgefährlichen Knutschkugel weiter - obwohl das rechte Hinterrad nur noch von drei statt fünf Schrauben gehalten wurde.
In jeder Kurve musste die Geschwindigkeit auf Schneckentempo gedrosselt werden. Wir hatten Angst, dass uns das Rad abbrechen könnte. Auch das Bremsen erforderte eine besondere Technik. Der Seilzug funktionierte nur unzureichend. Wenn die die Betätigung des Bremspedals nicht ausreichte, um das Fahrzeug schnell abzubremsen, musste auf Kommando der Beifahrer die Handbremse mit anziehen.
Gegen Mitternacht hatten wir zwischen Dijon und Lyon die zweite Reifenpanne. Mitten in der Nacht war weit und breit kein Mensch zu sehen, geschweige denn eine Werkstatt zu finden. Ratlos machen wir uns mit dem abmontierten Reifen auf den Weg. Kein Lichtlein war auszumachen. Das einzige, was wie ein Glühwürmchen glimmte, war die Zigarette im Mundwinkel meines Freundes Rainer.
Gelebte deutsch-französische Freundschaft
Plötzlich hielt ein kleiner Peugeot neben uns. Drei junge Männer stiegen aus. Wir mussten unsere wenige Brocken Französisch gar nicht bemühen. Sie verstanden sofort und ließen uns einsteigen.
Es war eng zu dritt und mit einem Reifen auf der Rückbank. Aber schon nach wenigen Minuten waren wir am Ziel und standen vor einer Autowerkstatt. Einer der jungen Männer öffnete ein Tor, er schien sich auszukennen. Nachdem der Schlauch geflickt und mit einem neuen Ventil versehen war, wollten wir gerne etwas bezahlen. Aber unser Angebot wurde mit einem Lächeln abgelehnt. Unsere Helfer kamen mit uns zurück und assistieren uns bei der Montage des Reifens. Ein Händedruck und sie waren wieder so schnell im Dunkel der Nacht verschwunden, wie sie gekommen waren.
Wir fanden das damals sehr bemerkenswert. Die deutsch-französische Freundschaft steckte noch in den Kinderschuhen, die gegenseitige Skepsis überwog. Immerhin lag der Krieg noch nicht allzu lange zurück, und ein grenzenloses Europa war damals noch lange nicht abzusehen. Wir Jugendlichen lebten damals eine ganz praktische Völkerverständigung ohne jedes Vorurteil. Auch in unserem südfranzösischen Zeltcamp war von Feindlichkeit uns gegenüber nichts zu spüren. Wir verlebten eine wunderbare Zeit, für die sich alle Strapazen gelohnt hatten.
Unsere Rückreise nach Eschweiler war noch tückischer als die Hinfahrt. Einmal wären wir fast in eine französische Verkehrskontrolle geraten. Aber kurz bevor wir an der Reihe gewesen wären, mussten die Gendarmen zu einem Noteinsatz und fuhren zu unserer großen Erleichterung mit Blaulicht davon. Glück gehabt! Unsere dunkelblaue Schrottkiste brachten wir nur mit viel Geduld und Mühe wieder nach Hause. Mein Freund Rainer brachte wochenlang damit zu, den Käfer wieder aufzumöbeln. Er sollte anschließend noch stolze 70.000 Kilometer damit zurücklegen.
In Frankreich waren wir anschließend nie wieder. Unsere Freundschaft verlief, wie es manchmal so ist, im Sande. Mit meiner Freundin von damals bin ich dagegen noch immer zusammen.
Reise in eine unbekannte Welt: Mit einem Jagdfreund besuchte...
Krieg in der Idylle: Im April 1945 erreichten die...
Als Ferdi Keuter Mitte der vierziger Jahre in einem kleinen...