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2009

Lech Walesa zum Mauerfall

"Angefangen hat alles in Danzig"


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REUTERS
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Lech Walesa: Der frühere Solidarnosc-Führer Walesa in Warschau am 12. Dezember 2006. Der Mauerfall habe schöne Bilder produziert, aber alles habe in den Danziger Schiffswerften begonnen.

Am Vorabend des Mauerfall-Jubiläums schaut die Welt auf Berlin. Doch der Kollaps des Kommunismus begann in Danzig, erklärt Lech Walesa, legendärer Führer der Gewerkschaft Solidarnosc, im SPIEGEL-ONLINE-Interview - und die Fluchtwelle aus der DDR hätte den Triumph der Polen fast zunichte gemacht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Walesa, freuen sie sich auf die Reise nach Berlin zu den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls?

Walesa: Ob ich mich freue oder nicht, ist unwichtig. Ich habe als Politiker eine wichtige Rolle bei der deutschen Wiedervereinigung gespielt und man hat mich eingeladen, an der Feier teilzunehmen. Es ist nicht ein Bonbon, das man einem niedlichen kleinen Jungen zusteckt

SPIEGEL ONLINE: Die Gästeliste in Berlin ist beeindruckend; Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet Staatsmänner wie den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, den britischen Premier Gordon Brown, Russlands Präsidenten Dimitri Medwedjew und andere. Ist es nicht schon eine Ehre, teilzunehmen?

Walesa: Die erste Mauer, die fiel, wurde 1980 auf den Danziger Werften eingerissen. Später kamen dann die symbolischen Mauern an die Reihe, und die Deutschen brachten in Berlin die richtige Mauer zum Einsturz. Das gab schöne Bilder. Aber angefangen hat es alles in den Werften von Danzig.

SPIEGEL ONLINE: Es gab schon einige andere Rebellionen gegen die sowjetische Herrschaft in Osteuropa: In Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968. Warum war die Gewerkschaft Solidarnosc erfolgreich, wo anderen kein Durchbruch gelang?

Walesa: Die Kommunisten haben solche Versuche immer wieder mit ihrer Übermacht zurückgeschlagen. Und sie organisierten Demonstrationen, die zeigen sollten, dass sie die Unterstützung der Bevölkerung hatten. Es war ein Mittel, um ihren Legitimitätsanspruch zu betonen. 1980 auf den Danziger Werften versuchten wir, ihre Strategie gegen sie anzuwenden. Wir organisierten die Leute - und zwar auch Arbeiter außerhalb der Werften - und erhielten Unterstützung aus anderen Ländern. Papst Johannes Paul II., der eine entscheidende Rolle spielte, organisierte Fürbitten nicht nur in Polen, sondern auch anderswo. Wir stellten fest, dass Millionen auf unserer Seite waren. Und zum ersten Mal waren die Kommunisten nicht in der Lage, eine Demonstration zu organisieren, die größer war als unsere. Dadurch fühlten sie sich schwach, und das war ein wichtiger Faktor mit Blick auf ihre spätere Niederlage

SPIEGEL ONLINE: Dennoch war es selbst bis in die späten achtziger Jahre kaum vorhersehbar, dass der Kommunismus zusammenbrechen würde. Glaubten Sie wirklich, dass die Sowjets sich zurücklehnen würden, während kommunistische Regierungen in Osteuropa aus dem Amt gejagt wurden?

Walesa: Meine größte Sorge galt dem, was sich womöglich hinter den Kulissen abspielte. In Polen rangen wir den Kommunismus nieder, und die Menschen in der DDR fingen an, über die Botschaften anderer Länder zu fliehen. Die Berliner Mauer fiel wegen dieser Deserteure. Ich hatte große Sorgen, dass der sowjetische Führer Michail Gorbatschow sich entschließen könnte, die Massenflucht zu stoppen und damit unseren Sieg kaputt machen würde. Es war ein gefährliches Spiel. Es ist gut, dass Gorbatschow ein schwacher Politiker war und dass alles gut ging. Aber jetzt ist das Geschichte, und wir können die Bilder aus Berlin akzeptieren, wie sie sind. Sie sind wirklich schön.




Die Geschichten des Mauerfalls: Klicken Sie sich durch die friedliche Revolution!

SPIEGEL ONLINE: Vergangene Woche trafen sich der ehemalige US-Präsident George H. W. Bush, Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl und Michail Gorbatschow in Berlin, um über das Ende des Kalten Krieges zu diskutieren. War nicht Druck aus dem Westen ein Grund, weshalb Gorbatschow nichts tat, um den Exodus der Ostdeutschen zu unterbinden?

Walesa: Die Politiker hatten uns immer erzählt, dass die Konfrontation im Kalten Krieg nur durch einen Atomkrieg zu überwunden werden könne. Niemand von ihnen glaubte, dass ein Systemwandel möglich sei. Heute danken sie den Völkern dafür, dass die es möglich gemacht haben. Aber zur gleichen Zeit präsentieren sie sich als Väter der deutschen Wiedervereinigung. In Wahrheit waren sie nur zufällige Väter des Mauerfalls, denn sie wurden von den Massen zum Handeln gezwungen.

SPIEGEL ONLINE: Warum wurden sie so sehr überrascht?

Walesa: Weil sie eben echte Politiker waren. Politiker zählen alles - sie vergleichen die Zahl der Panzer, Raketen und Gewehre. Und je weiser sie sich wähnten, je bessere Computermodelle sie benutzten, desto unmöglicher erschien ihnen der Fall der Berliner Mauer. Sogar heute würde ein Abgleich mit denselben Daten dieses Ergebnis bringen. Aber Revolutionäre denken anders.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Walesa: In der Sowjetunion fanden in den achtziger Jahren große Veränderungen statt und eine Reihe von Wechseln an der Spitze. Ein Sowjetführer nach dem anderen war gestorben. So eine Situation führt zwangsläufig zu einer gewissen Destabilisierung. Zur selben Zeit begannen wir, die Massen zu mobilisieren, und Gorbatschow wusste nicht, was er tun sollte. Er hatte kaum eine andere Wahl, als die Dinge zu akzeptieren, wie sie lagen. Auf das Volk zu schießen hätte nicht geholfen, weil wir zu viele waren. Die Berufspolitiker waren nicht in der Lage, das zu erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Viele sehen das aber ganz anders. Die Amerikaner zum Beispiel zeigen gerne auf Ronald Reagans "Tear down this wall"-Rede von 1987 als entscheidendes Ereignis, das zum Mauerfall führte. Die Russen dagegen stellen ihre Perestroika in den Mittelpunkt.

Walesa: Ganz normale Menschen aus Deutschland, Russland und den USA haben uns mehr Unterstützung gewährt als die Politiker, die nun mit der Erinnerung an dieses Ereignis spielen. Wenn ich Bilder von Bush, Kohl und Gorbatschow unter der Schlagzeile "Die drei Väter des Mauerfalls" sehe, scheint mir deren Rolle mehr als alles andere Zufall zu sein. Sie haben nur umgesetzt, was die Völker als Willen artikuliert haben.

SPIEGEL ONLINE: Findet sich dieser Wille im heutige Europa wieder?

Walesa: Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich einmal in einem Polen und einem Europa leben würde, wie wir es heute haben, bevor ich diesen Kampf damals begann - ich hätte ihm niemals geglaubt. Dennoch: Wenn ich zurückschaue und all die verpassten Gelegenheiten betrachte, bin ich nicht zufrieden. Ich sage immer: Ich bin dafür, aber ich bin auch dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Was für verpasste Gelegenheiten meinen Sie?

Walesa: Die Demokratie besteht aus drei Elementen: Zum einen müssen die Gesetze pluralistische Prinzipien garantieren. Zum Zweiten ist die Frage, ob die Bürger die Prinzipien nutzen. Und das dritte Element ist, ob die Portemonnaies der Menschen genug gefüllt sind, damit sie auch von der Demokratie zu profitieren. In Polen haben wir ein demokratisches Rechtssystem. Aber wir haben uns als nicht besonders gut darin erwiesen, den Pluralismus zu leben. Und in unseren Brieftaschen sieht es noch schlechter aus.

SPIEGEL ONLINE: Seit Ihrer Niederlage gegen den Ex-Kommunisten Alexander Kwasniewski bei der Präsidentschaftswahl 1995 haben Sie kein politisches Amt mehr innegehabt. Aber ihre Stimme erheben Sie seither in der polnischen Politik weiter und gelegentlich sind Sie sehr kritisch mit dem heutigen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski umgegangen, wie auch mit dessen Zwillingsbruder Lech, dem früheren konservativen Premierminister. Es scheint als fänden Sie, dass Ihr politisches Lebenswerk noch nicht beendet ist.

Walesa: Wir laufen Gefahr, den Sieg, den wir damals so hart erkämpft haben, zu verspielen. Die Frage ist, ob wir aus der Erfahrung gelernt haben, oder ob wir von der Geschichte einen weiteren Klaps auf den Hinterkopf benötigen. Die Massen haben zwar gelernt, aber nach ihrem Sieg haben sie die Macht zurück an die Politiker gegeben. Und die vergessen, dass wir es waren, die den Sieg errungen haben. Vielleicht müssen wir das Volk einmal mehr in Bewegung setzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie zählen sich selbst zum Volk, nicht zu den Politikern?

Walesa: Ja. Ich gehörte zu jenem Teil des Volks, der hart für den Sieg über den Kommunismus gekämpft hat. Ich habe mein Leben riskiert. Wir haben diesen Sieg davongetragen, aber die Politiker von heute ignorieren das. Der Triumph über den Kommunismus kam zustande dank der Danziger Werftarbeiter und des Heiligen Vaters. Niemand erwähnt mehr Solidarnosc. Die Vergangenheit ist zwar nicht alles, aber auf so einem Fundament kann man keine Zukunft aufbauen. Deshalb versuche ich, auch heute zu sagen, was ich denke.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc nicht gelungen, sich in Polen auf Dauer als politische Kraft zu etablieren, nachdem es ihr gelungen war, das Volk gegen die Kommunisten zu mobilisieren?

Walesa: Man kann eben nicht einfach ein System durch ein vollständig neues ersetzen. Wir haben gewonnen und unseren Sieg dann unserem Land geschenkt, auch Deutschland und Europa. Natürlich ist es ein Durcheinander, aber unsere Aufgabe war es nicht, den Kommunismus zu ersetzen, sondern vielmehr, die Entwicklung von etwas anderem zu ermöglichen. In dieser Hinsicht handelte ich gegen mein Eigeninteresse. Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft entstand eine Reihe von Parteien, aber ich konnte natürlich nicht allen angehören. Ich konnte nicht mehr Walesa den Großen spielen. Schlussendlich untergrub ich dadurch meine eigene Macht - aber es war meine eigene Wahl, weil ich nicht mit Kim Il Sung oder Lenin gleichgesetzt werden wollte. Also musste ich mich meine politische Niederlage akzeptieren, im Namen der Demokratie. Das ist mein Schicksal - das Schicksal eines echten Revolutionärs.


Das Interview führte Charles Hawley. Aus dem Englischen übersetzt von Hans Michael Kloth.







Debatte

insgesamt 4 Beiträge zur Debatte
H W Mueller am 10. November 2009, 01:26
Ich stimme allen echten Fakten aus diesen Aufzaehlungen gerne zu.
Doch Fakten sind zuerstmal lediglich der output einer Denke, deren Entwicklung weit vorher begonnen hatte.
Es...

H W Mueller am 8. November 2009, 20:04
Lech Walesa war in jungen Jahren aus dem nobody-Dasein mit fast hypnotisch wirkender Ausstrahlung aufgetaucht. Er passte genau in das nichtradikalinski- aber pragmatische...


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