Über einestages

1989

Mauerfall

Nach dem Taumel


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Detlev Konnerth
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Ost-Arbeitsplatz: Matthias Matussek am Schreibtisch seines Zimmers im Ost-Berliner Palasthotel, in dem sich der Reporter gleich nach dem Mauerfall einquartierte.

Go Ost: SPIEGEL-Reporter Matthias Matussek zog kurz nach dem Mauerfall ins Ost-Berliner Palasthotel und erlebte von dort die Auflösung des ZK, die Einführung der D-Mark, die ersten gesamtdeutschen Wahlen - und er lernte seine Ost-Berliner Frau kennen.


Als ich im November 1989 im Palasthotel am Alexanderplatz eincheckte, hatte ich ein Mobiltelefon dabei, das die Größe eines Werkzeugkoffers hatte. Das war die Gefechtslage, von heute aus gesehen: Wir waren rückständig, aber die anderen waren es noch viel mehr.

Alle Westjournalisten trugen diese Kästen. Wir sahen aus wie ein Trupp von Monteuren. Wenn Lenins Formel gilt, dass Kommunismus "Sowjetmacht plus Elektrifizierung" bedeute, war klar: Hier war er gescheitert - die Stadt war dunkel, die Fassaden blatternarbig.

Die Party schien gelaufen zu sein, der Mauertanz, der Jubel, die Verbrüderungen, das alles war der Verwirrung darüber gewichen, wie schnell dieser Staat sich auflöste, und der Bangigkeit darüber, wie es weitergehen solle.

Im Selbstbedienungsrestaurant neben dem Hotel hatte sich eine Schlange mürrischer Menschen mit ihren Soljankas vor einer unbesetzten Kasse angestellt. Sie warteten. Lange. Keiner von ihnen wagte zu protestieren. Warten schien ein DDR-Ritual zu sein. Das Land war offenbar wieder in die Verlangsamung zurückgefallen.

Die Empfangsdamen im Hotel nahmen schlechtgelaunt den Pass entgegen. Eins war klar, von Anfang an - da kam jemand aus dem Westen, und er war nicht besonders erwünscht. Das Zimmer war eine dunkle Höhle mit spinatgrün-braunen Blümchentapeten und rundem Bett. In die Lederkonsole am Kopfende war ein Radio eingelassen. Das sollte mein Basislager für das kommende Jahr werden.

Für den typischen Westler war die DDR bis dahin nur die Nation, die im olympischen Medaillenspiegel regelmäßig über uns stand. Ein grimmiger Lacher. Mit anderen Worten: Die DDR starrte auf den Westen, aber wir starrten selten zurück.

In den folgenden Wochen und Monaten lernte ich ein neues Land kennen. Ich fuhr mit Buchhändlerinnen aus Sachsen-Anhalt durch das sagenhafte "Leseland", in dem nur Mangel herrschte. Zog durch die daniederliegenden Defa-Studios und die Provinztheater, durch die Kulissen einer elenden, erledigten Inszenierung.

Ich sprach mit Redakteuren der "Berliner Zeitung" und des "Neuen Deutschland", die sich vorsichtig in die neue Zeit lavierten, hatte mit dem weinenden Theaterfunktionär Hans-Peter Minetti erlebt, wie das ZK aufgelöst wurde, und ließ mich noch einmal durch das Museum für Deutsche Geschichte führen, wo die DDR-Geschichte endgültig versiegelt war.

Wir West-Reporter waren damals Ethnologen, aber wir wurden behandelt wie Besatzungsoffiziere. Wir waren oft ratlos. Wir waren groggy, wenn wir mit Opfern sprachen, und nicht selten wütend über die Verschlagenheiten von Tätern. Es ist in diesen Tagen oft von der Melancholie der Ostdeutschen die Rede, als seien wir Wessis zu dieser Seelenlage nicht fähig.

Wir begegneten Verschämtheiten. Interviews bargen unbeabsichtigte Wahrheitsfallen. Ich fragte eine Schuldirektorin, ob sie in der Partei sei. Sie schüttelte den Kopf. Ob sie es war? Sie nickte. Wann sie ausgetreten sei? "Vor drei Wochen", sagte sie, den Tränen nahe. So was passierte laufend.

Wir begegneten Unverschämtheiten. Für den bulligen Vizechef des Museums für Deutsche Geschichte war die Flucht in den Westen in den Monaten zuvor "Ausdruck einer ganz normalen Völkerwanderung, wie sie in der Geschichte immer wieder vorkommt - schauen Sie sich die Goten an".

Wo sollte man da festen Grund fassen?
Mittlerweile hat sich nicht nur Deutschland verändert, sondern die ganze Welt. West und Ost sind gemeinsam in den rasenden Strudel der Globalisierung gerissen, das gleicht sie einander an. Mentale Überforderungen gibt es auf beiden Seiten, die Angst vor Arbeitslosigkeit ist in Rüsselsheim genauso groß wie in Zwickau.

Tatsächlich hat sich die Geschichte seit dem Mauerfall so sehr beschleunigt, wie es nur noch in der Phase von 1900 bis 1914 der Fall war. Der Historiker Philipp Blom hat jene Jahre, bevor die Menschheit in Blutbädern und im Packeis der Totalitarismen und Blöcke verschwand, in seinem faszinierenden Epochenüberblick "Der taumelnde Kontinent" beschrieben - das Tempo, die neuen Technologien, die Massenmedien, die zerbrechenden Rollenmuster - und einleuchtende Parallelen entdeckt.

"Damals wie heute waren die Menschen überwältigt von dem Gefühl, dass sie in einer sich beschleunigenden Welt lebten, die ins Unbekannte raste." Vor 1914 war es der taumelnde Kontinent, der Besorgnisse auslöste, heute ist es eine taumelnde Welt. Kollabierende Märkte, neue Mächte und Technologien, Fanatismen. Tauwetter, sicher, aber auch neue Dissipation, globaler Zerfall, und alle, Ost wie West, sind gleichermaßen betroffen.


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